#artbookfriday – Jenseits des Spiegels – Susanne von Falkenhausen

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Dem Sehen in Kunstgeschichte und Visual Culture widmet sich Susanne von Falkenhausen in ihrem 2015 erschienen Buch „Jenseits des Spiegels“.

Eine etwas andere Rezension

Schicksal ist eine höhere Macht, die das Leben beeinflusst, etwas ist vorherbestimmt. Zufall hingegen ist ein Erlebnis, das so nicht geplant war, es passiert also gänzlich zufällig. Meiner Ansicht nach, war es vorherbestimmt, dass dieses Buch total zufällig bei mir landet. Diesem Ereignis möchte ich einen Begriff geben: Zufallsschicksal.

Ich bekam das Buch Jenseits des Spiegels – Das Sehen in Kunstgeschichte und Visual Culture Studies von Susanne von Falkenhausen für unseren #artbookfriday zugeschickt (Danke, liebe Alex!). Recht lang habe ich das Lesen des Buches vor mich hergeschoben. Man kann sich das ungefähr so vorstellen: abends legte ich das Buch neben das Bett, um es vor dem Schlafen etwas zu lesen, tagsüber wartete es auf dem Schreib- oder Beistelltisch auf mich. So schob ich es von einer Ablagefläche zur nächsten. Als ich dann irgendwann anfing, konnte ich es nicht zur Seite legen. Die 250 Seiten Text (ohne Anhang) zogen flüssig und zügig an mir vorbei.

Als Kunsthistorikerin sind mir kunstgeschichtliche und -wissenschaftliche Methoden bekannt: Panofsky, Tietze, Gombrich, Pächt, Baxandall, Alpers, Kemp, Belting, etc., nur um einige Namen zu nennen. Der Bereich Visual Culture Studies interessierte mich ebenso: Mitchell, Mirzoeff, Bal, Bryson, usw. hatte ich im Privatstudium erarbeitet. Somit kannte ich die (methodischen) Theorien, welche die Autorin in ihrem Buch vorstellt und diskutiert. Wahrscheinlich war es dieses „Ich-kenn-das-doch-schon“, was mich vom Lesen abhielt, nach dem Motto: was kann da jetzt noch kommen?

Inhalt

Falkenhausen widmet sich folgenden Kapitel:

  • Die Kunstgeschichte und das Sehen
  • Visual Culture Studies – Versuch einer kurzen Genealogie
  • Gaze: Blick und Macht – Konzeptualisierungen des Sehens
  • Visuality/Visualität – Das Sehen im kulturellen Umfeld
  • Sehen als politische Ressource in den Visual Culture Studies
  • Utopische Blickregimes: Diaspora und Countervisuality – Nicholas Mirzoeff
  • Fragen der Ethik: Sehen als wissenschaftliche Handlung

Über das Buch

In der Einleitung wird die Entstehung, der Unterschied und die Problematik zwischen Kunstgeschichte und Visual Culture Studies beschrieben. Kunstgeschichte ist demnach „eine Wissenschaft der Klassifikation (Epoche, Stil, Künstler, Region) von (Kunst-)Objekten“. Visualität hingegen „ist ein Begriff, der die Rationalität und Performativität des Lebens des Menschen (oder auch: Subjekte) in Gesellschaften und Kulturen in ihren visuellen Aspekten zu fassen versucht.“ (S.16.)

Sie differenziert daher folgendermaßen (ebd.):

Kunstgeschichte                    Visual Culture Studies
Kunst                                       Visualität
Objektorientiert                    Performativ/Rleational
Objekt/Kunstwerk                 Visuelles Feld

Dieser Überblick führt in die Thematik ein und erklärt zugleich äußerst verständlich die Entstehung von Visual Culture Studies und ihre Abgrenzung vom Fach Kunstgeschichte. Anschließend geht sie auf wissenschaftliche Methoden ein.

Als ich mich „damals“ mit Methoden beschäftigte und u.a. etliche Artikel, Bücher und Methodenreader las, fielen mir Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Parallelen, auf: wer sich auf wen stützt, wer wen kritisiert, wer etwas fortführt. Susanne von Falkenhausen beschreibt genau dies ausführlich in ihrem Buch und schafft somit Zusammenhänge, welche durchaus einen „Aha“-Effekt auslösen können.
Eine Theorie wird innerhalb der Forschung aufgebaut, ergänzt, fortgeführt, kritisiert – die Wissenschaft ist somit ein Prozess, den Falkenhausen zu erklären vermag. Man weiß worum es geht und wie/wo differenziert wird.

Wisst ihr was? Jetzt mal meine Meinung…

Dieses Buch kann man durchaus als Leitfaden für das Studium betrachtet. Es ist nämlich sehr verständlich. Man bekam Panofsky und nicht Gombrich im Proseminar I. zu lesen, das hatte durchaus seine Gründe. Hier wird aber auch Gombrich klar erläutert. Deshalb könnte ich mir gut vorstellen, dass Jenseits des Spiegels an Universitäten, z.B. in Seminaren zu Methoden als Pflichtlektüre eingeführt wird. Folgende Dinge würden dafür sprechen:

  • Der Aufbau des Buches ist chronologisch und logisch (die Kapitel bauen ergänzend aufeinander auf).
  • Zahlreiche Zitate, also textnahes Arbeiten, ermöglichen einen direkten Vergleich und Zugang.
  • Die Autorin gibt schwierige Passagen/Zitate in eigenen Worten wieder, sie erläutert begreiflich den angeführten Inhalt.
  • Beispiele veranschaulichen recht simple die vorgestellten Methoden.
  • Sie arbeitet Pro & Contra´s argumentativ heraus, stützt sich dabei stets auf die aktuelle Forschung.
  • Es werden verschiedene Sichtweisen dargestellt.
  • Die Autorin verweist darauf, wenn sie ihre subjektive Meinung wiedergibt.

Fazit

„Was hat sich gegenüber 1983, 1985 und 1988 für Kemp geändert?“ (S. 94.) Gemeint sind Wolfgang Kemps Publikationen zur Rezeptionästhetik (Der Anteil des Betrachters, Rezeptionsästhetische Studien zur Malerei des 19. Jahrhunderts, München, 1983; Der Betrachter ist im Bild. Kunstwissenschaft und Rezeptionsästhetik, Köln, 1985; Kunstwerk und Betrachter: Der Rezeptionsästhetische Ansatz, in: Hans Belting, Heinrich Dill, Wolfgang Kemp, Kunstgeschichte. Eine Einführung, Berlin, 1988). Diese Frage und ihre Antwort sprechen gänzlich für sich und für das Buch. Mehr kann ich einfach nicht verraten.

In diesem Sinne  – ohne auch irgendetwas aus Jenseits des Spiegels vorweg nehmen zu wollen –  rate ich: folgt eurem Schicksalszufall!

Facts

  • Titel: Jenseits des Spiegels. Das Sehen in Kunstgeschichte und Visual Culture Studies
  • Autorin: Susanne von Falkenhausen
  • 270 Seiten
  • Wilhelm Fink Verlag
  • Preis: € 34,90 in D

Leseprobe

Wir danken dem Wilhelm Fink Ver­lag für die Übersendung eines Rezen­sion­sex­em­plares ! Diese Rezen­sion erscheint im Rah­men des #art­book­fri­day, ins Leben gerufen von Muse­um­lifestyle.

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