#artbookfriday – Wie ich mich sehe. Frauen im Selbstproträt von Frances Borzello

© Brandstätter Verlag

Frances Borzello widmet sich ihrem im Brandstätter Verlag erschienen Buch einer Reihe an spannenden Fragen: Gibt es Unterschiede bei den Selbstporträts von Frauen und Männern ? Wie stellen sich die Frauen selbst dar ?

Warum hat es keine bedeutenden Künstlerinnen gegeben ?

Borzello geht im Vorwort gleich in medias res und erwähnt den von Linda Nochlin 1971 veröffentlichen Aufsatz „Warum hat es keine bedeutenden Künstlerinnen gegeben ?“

Die Frage, warum es keine bedeutenden Künstlerinnen gab bzw. warum Frauen aus der Kunstgeschichte ausgeschlossen birgt einige spannende Aspekte: Sigrid Schade und Silke Wenk gehen in ihrem Aufsatz „Inszenierungen des Sehens: Kunst, Geschichte und Geschlechterdifferenzen“ ebenfalls darauf ein und beziehen sich vor allem auf den Aufsatz von Linda Nochlin. Bis vor kurzem war schlichtweg unausgesprochenes Zentrum des kunsthistorischen Diskurses der weiße, heterosexuelle Mann. Frauen spielten nur in Form von weiblichen Aktbildern eine Rolle. Nochlin führt in ihrem Aufsatz aus, dass weiblichen Künstlerinnen bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts keine Aktmodelle zur Verfügung standen bzw. gestellt wurden, gleichzeitig war ein Studium der Aktmalerei von entscheidender Bedeutung für die Ausbildung eines Künstlers. Das Problem liegt daher in einer mangelnden Zurverfügungstellung von Institutionen (Akademien, Universitäten, Kursen). Die wenigen Frauen, die entgegen aller Widerstände erfolgreich waren, hatten alle eines gemeinsam: sie waren fast alle Töchter von Künstlern oder hatten eine enge persönliche Beziehung zu einer männlichen Künstlerpersönlichkeit (Berthe Morisot & Manet, Mary Cassatt & Degas). Künstlerinnen wie Paula Modersohn‐Becker oder Käthe Kollwitz stammten nicht mehr aus Künstlerfamilien, sondern konnten bereits (mit Widerstand, aber doch !) ihren eigenen Weg gehen, wobei diese wiederum Künstlerkollegen heirateten. Nur wenn eine Frau männliche Eigenschaften wie Zielstrebigkeit, Konzentration oder Ausdauer (usw.) annimmt, dann könne sie erfolgreich sein. Dies gilt nicht nur im Bereich der Kunst, sondern auch auf anderen Gebieten. Frauen wurde (und wird) es von institutioneller Seite her unmöglich gemacht, gleiche Voraussetzungen wie ihre männlichen Kollegen vorzufinden, dies sei nach Nochlin auch der Grund, warum es keine bedeutenden Künstlerinnen gab. Erst durch das Schaffen von Institutionen wurde es möglich eine gleiche Ausbildung zu genießen.

Über die Jahrhunderte wurde mit dem Weiblichen das Leibliche verbunden, außerdem bildete der nackte oder bekleidete Körper das Hauptinteresse der Kunst vom Anbeginn der Antike. Die Gebärfähigkeit der Frau wird immer wieder gegen die Schöpferkraft des Mannes gesetzt, die natürliche Schwachheit der weiblichen Hand gegen den kräftigen Pinselstrich eines Meisters. Die Frau bleibt immer nur die Muse, die mythologische und allegorische Gestalt, das Objekt der Aktdarstellung, nie die Schöpferin, nie das Genie.

© aus Borzello „Wie ich mich sehe“/ Scala, Florenz
© aus Borzello „Wie ich mich sehe“/ Scala, Florenz

Über das Buch

Das vorliegende Buch von Frances Borzello die Neuüberarbeitung ihres bereits 1998 erschienen Buches „Setting Ourselves: Women’s Self Portraits“, eine erste umfassende Darstellung der Frauen-Selbstportraits in der Kunst. Bemerkenswert ist der Aufbau des Buches – es wurde nicht von bekannten Künstlerinnen ein Werk ausgewählt und aufgenommen, sondern Borzello ordnete die Selbstbildnisse nach Kategorien, so dass nach der Autorin die Bildauswahl „ein wenig eigenartig“ erscheinen könne.

Aufbau

Nach der Einleitung: Sein und Schein in Selbstdarstellungen folgen in 5 Kapitel die Darstellung der Selbstportraits von Frauen im 16. Jahrhundert (die Anfänge), im 17. Jahrhundert (ein neues Selbstvertrauen), im 18. Jahrhundert (Berufs- und Amateurkünstlerinnen), im 19. Jahrhundert (die Türen öffnen sich) und im 20. Jahrhundert (Tabubrüche) um letztlich mit dem Kapitel „In die Zukunft – Der Einfluss des Feminismus die Hauptkapitel zu beschließen. Mit einem Schlussakkord – Atem holen endet das Buch.

Sein und Schein in Selbstdarstellungen

In der Einleitung führt Borzello in die Gründe ein, warum Selbstporträts überhaupt entstehen, sei es nun um das eigene Können zur Schau zu stellen (S. 19), um sich in einem besonderen Status zu sonnen, um einem Meister nachzueifern oder um eine künstlerische Überzeugung darzulegen oder einem ähnlichen Zweck wie Fotografien dienen. Borzello, die sich schon seit langem mit den Selbstportraits von Frauen auseinander setzte, fiel auf, dass es zwischen den Selbstbildnissen von Frauen und Männern Unterschiede gab und warf folgendee Fragen auf, deren Beantwortung sie in ihrem Buch sehr ausführlich nachgeht:

  • Warum stellen sich viele Künstlerinnen so zurückhaltend dar ?
  • Warum brüsten sich Frauen kaum mit ihren Fähigkeiten ?

Ein weiterer, nicht negativer Unterschied ist die Reihe an Selbstportraits, die die müttlerliche Seite in den Vordergrund stellt. Manche Unterschiede ergeben sich auf über den untersuchten Zeitraum, Borzello zeigt anhand des 16. Jahrhunderts auf, dass dies vor allem eine Blütezeit der Musikerinnendarstellungen war, die Mütter-Darstellungen kamen Ende des 18. Jahrhunderts auf und mit dem 20. Jahrhundert erfolgte ein tiefgreifende Änderung – die Künstlerinnen setzten sich mit Themen wie Schwangerschaft und Sexualität auseinander.

Borzellos Ansatz der Untersuchung ist, dass sie die Bilder als gemalte Autobiografien betrachtet – was möchte die jeweilige Künstlerin der Öffentlichkeit von sich erzählen (S. 22) und stellt jedem Bild die Frage –

Warum hast du beschlossen dich hier so und nicht anders darzustellen ?

Borzello nimmt die Leser mit auf eine spannende Reise durch die Geschichte, Entstehung und Bedeutung von Selbstportraits von Frauen. Durch eine Vielzahl an Abbildungen wird dies auf eine außergewöhnliche Weise lebendig und führte dazu, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Wie Borzello zu eingangs schon anmerkte, erscheint die Auswahl der Künstlerinnen eventuell „ein wenig eigenartig“, wird aber durch den Text ausführlich näher erläutert, so dass man versteht, warum gerade jene Künstlerin und jenes Selbstportrait ausgewählt wurde. Fast 200 Künstlerinnen und ihre Selbstdarstellungen werden näher vorgestellt, die Spannweite reicht von Marcia (um 1402) , über Élisabth Vigée-Lebrun, Anna Waser, Gillian Melling, Sonfonisba Anguissola, Artemisia Gentileschi, Angelika Kauffmann, Gabriele Münter, Paula Modersohn-Becker, Frida Kahlo, Tamara Lempicka, Cindy Shermann, Maria Lassnig.

© aus Borzello „Wie ich mich sehe“/ Maria Lassnig Foundation
© aus Borzello „Wie ich mich sehe“/ Maria Lassnig Foundation

Am Ende geht Borzello noch auf das Phänomen der Selfies ein und stellt die Frage – was die Zukunft bringen werde und findet im Schlusssatz treffende Worte (S. 232):

Die Künstlerin hat die Wahl und die Freiheit, die Komplexität, eine Frau zu sein, auf jede nur denkbare Weise auszudrücken.

Fazit

Ein spannender Einblick in die Welt der Selbstdarstellungen von Künstlerinnen, der fesselt, fasziniert und eine Vielzahl an unbekannten Aspekten offenbart.

Facts

  • Titel: Wie ich mich sehe. Frauen im Selbstportrait
  • Autorin: Frances Borzello
  • 272 Seiten / 180 Abbildungen
  • Brandstätter Verlag
  • Preis: ca. € 29,90 (in Ö)
  • Link

Wir danken dem Brandstätter Verlag für die Übersendung eines Rezen­sion­sex­em­plares ! Diese Rezen­sion erscheint im Rah­men des #art­book­fri­day, ins Leben gerufen von Muse­um­lifestyle.

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