#Beton in der Kunsthalle | 25/6 – 16/10

Am 24. Juni fand die Ausstellungseröffnung Beton in der Kunsthalle, Wien statt. Ich besuchte diese mit Bohdan, einem jungen Amerikaner mit ukrainischem Migrationshintergrund. Gemeinsam erkundeten wir die Kunstwerke und diskutierten angeregt über ihren Inhalt und Bedeutung.

Zunächst kamen wir am Treppenhaus Fridericianum von Olaf Metzel, das zum ersten Mal bei der dokumenta 8 in Kassel 1987 ausgestellt worden ist, vorbei. Das Betonrelief ist aus mehreren Blöcken zu einem monumentalen Rechteck zusammengelegt. Die Farben der einzelnen Blöcke bestehen aus verschiedenen Grau/Grün-Nuancen, die an unterschiedliche Zustandsformen von Beton (feucht, trocken, bröselig, usw.) erinnern. Bohdan ist begeistert, denn er bringt mit diesem Kunstwerk eine Art „Urban Jungle“ in Verbindung. Auf den ersten Blick erkenne ich zusammengesetzte Eierkartons und frage mich, ob das durchgehende Muster auch Schallabsorbierend ist. Später lesen wir im Booklet, dass Metzel sich durchaus an Eierkartons orientiert hat, die Maße jedoch um/abgeändert hat, die Größe des Reliefs ist dieser Wand in der Kunsthalle angepasst. Wir fragten uns, weshalb sich der Künstler für das Zitat der Eierkartons entschieden hat. Waren es lediglich rein ästhetische Gründe oder verändert er bewusst ein banales Objekt des Alltags? Wenn dies so wäre, zeigt es also eine verzerrte Wirklichkeit einer dem Betrachten bekannten, aber deformierten Realität.

Wir spazierten an Isa Genzkens Skulptur Luke, 1986, und an David Maljković´s A Long Day for The Form, 2012, vorbei, machten einen Bogen und schauten uns die Videoinstallation Project Speek2Tweet von Heba Amid an (2011 bis heute).

Bohdan fragte mich, was mir am besten gefiel. Ich zeigte ihm die Arbeit Gráfica reportes de condición, 2010-16, des Künstlerkollektivs Tercerunquinto, bestehend aus Julio Castro Carreón, Gabriel Cázares Sales und Orlando Flores. Ich mag nämlich selbstredende Kunst, die keine Erklärung benötigt, die für sich spricht. Hier holen die Künstler den öffentlichen Raum und die öffentliche Meinung (Graffiti) einer bestimmten Gesellschaftsschicht ins Private, dabei sind beide (Raum und Message) Spiegel einer Gesellschaft. Zugleich steht beides im starken Kontrast zueinander. Hier wirkt Kunst als Medium des Politischen, als ein Sprechrohr von unten nach oben oder eine Art Bühne für leise Stimmen.

Aus dem Booklet erfährt man, dass das Kollektiv wissenschaftlich an die Thematik herangegangen und die Arbeit Resultat zahlreicher Recherchen ist. Mit einer Gruppe Studierender wurden im ethnologischen Sinne Protokolle vom Zustand und Ort dieser politischen Nachrichten angefertigt. Die Fotografien zeigen Bogotá in Kolumbien, die Nachricht, die als Graffiti in Siebdrucktechnik auf die Fotografien aufgebracht ist, zeigt eine Meinung, die man in gewissen Kreisen gern auch mal überhört.

Wenn dies nun im Museum ausgestellt wird, spricht die Nachricht vor allem die Museumsbesucher, eine Avantgarde des Bildungsbürgertums, an, d.h. die Nachricht als Kritik erreicht die Menschen, die vielleicht sogar etwas bewegen/verändern könnten. Sie werden sowohl mit einer ihr unbekannten Welt, als auch ihren Sorgen/Problemen/Kritiken konfrontiert und somit zum Nachdenken angeregt.

Und die Moral der Geschicht´: Politik betrifft nicht nur eine Schicht.

Facts

Kunsthalle Wien
Ausstellung: Beton
25/6 2016 – 16/10 2016
Booklet zur Ausstellung

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