#Blogparade – Stadtsatz – Der Michaelerturm in Bratislava

Anett von Stadt­satz rief zur Blog­pa­rade zum Thema #RAUMGEFÜHL. Auf Leg­e­sartes haben wir uns am Montag dem Jus­tiz­palast am Schmer­ling­platz in Wien gewidmet, auf In-Arcadia-Ego möchte ich ein Gebäude vorstellen, das auch zu unserer Web­seite passen soll, den Michael­er­turm in Bratislava. Ein Gebäude, das für immer einen beson­deren Platz in meinem Herzen haben wird.

Eine meiner lieb­sten Erin­nerun­gen an meine Kind­heit war das tägliche “Schlen­dern” mit meinem Großvater durch die Innen­stadt von Bratislava. Tausend Mal sind wir die verschiedensten Routen gelaufen, tausend Mal haben wir was Neues ent­deckt. Es war immer eine Schatz­suche — hier eine Skulp­tur von Sán­dor Petőfi, dort eine Fas­sade von Chris­t­ian Lud­wig (Kaufhaus Brouk & Babka, 1936, Funktionalismus) und mit­ten­drinn eines von unseren allerliebsten Gebäuden, das Michaelertor samt dem Michaelerturm, welcher das Waffenmuseum beherbergt.

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Die Ausstellung selbst haben wir von unseren 47 Besuchen vielleicht vier Mal (ja wir haben nachgezählt), wenn überhaupt gründlich betrachtet, es war und ist bis heute die Aussichtsplattform, die es uns angetan hat. Es ist einer der besten Plätze überhaupt um spannende Architekturgeschichten erzählt zu bekommen, neues über Architekturelemente zu erfahren und sich den architektonischen Wandel einer Stadt vor den Augen zu führen. Und nicht zuletzt war es immer eine gute Ausrede einen neuen Film in die gute alte Canon einzulegen um sich mindestens einmal im Monat „die Strapazen“ des ewigen Treppensteigens anzutun … Jedes Mal haben wir uns vorgenommen, dass wir die Stufen bis nach oben zählen, vor lauter Plaudern sind wir bis heute nicht dazu gekommen. Wer weiß, vielleicht das nächste Mal …

Es war einmal …

Die Geschichte des Michaelertors und des einzig erhaltenen Stadttors und des Michaelerturms reicht bis in das 13. Jahrhundert zurück, als mit dem Bau der Stadtmauern begonnen wurde.1)Der Name wurde von der alten Kirche des Heiligen Michael, die unweit des Tores stand abgeleitet. URL: http://www.muzeum.bratislava.sk/vismo/dokumenty2.asp?id_org=700015&id=1013

Bereits im 14. Jahrhundert verfügte die Stadt über drei Tore – das Michaelertor, das Weidritzertor und das Laurenzertor.2)URL: http://www.muzeum.bratislava.sk/vismo/dokumenty2.asp?id_org=700015&id=1013 Bis zum 15. Jarhundert kamen weitere Stadttore dazu – das Fischertor, das  Ziegentor, die Trockene Maut, das Schöndorfertor, das Spitals- und das Donautor.3)URL: http://www.muzeum.bratislava.sk/vismo/dokumenty2.asp?id_org=700015&id=1013 Nach den Plänen von Franz Anton Hillebrandt kommt es zwischen 1775 und 1778 zur Auflösung der Stadtmauern und der Verschmelzung der Außen- und des Innenviertels.4)URL: http://www.muzeum.bratislava.sk/vismo/dokumenty2.asp?id_org=700015&id=1013

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Der 51 Meter hohe und sich über sieben Stockwerke streckende Michaelerturm erinnert an die hier einst vorhandenen Stadtmauern. Der im 14. Jahrhundert begonnene prismenförmige Turm wurde im 16. Jahrhundert durch den achteckigen Aufbau aufgestockt.5)URL: http://www.muzeum.bratislava.sk/vismo/dokumenty2.asp?id_org=700015&id=1013 Im Zuge der Barockisierung im 18. Jahrhundert erhält der Turm sein jetziges Aussehen.6)URL: http://www.muzeum.bratislava.sk/vismo/dokumenty2.asp?id_org=700015&id=1013 Das kupferne Zwiebeldach ziert die Statue des Erzengels Michael, der einen Drachen tötet.7)URL: http://visit.bratislava.sk/en/VismoOnline_ActionScripts/File.ashx?id_org=700014&id_dokumenty=1066

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Aber, zurück zum Ursprung und der Wahrnehmung des Raums …

#Raumgefühl – von Drachen, Dächern und anderen Geschichten

Mein „Wanderweg“ zum Michaelerturm führt diesmal durch die Altstadt. Vorbei an der alten Staatsoper8)URL: http://www.visit.bratislava.sk/en/vismo/dokumenty2.asp?id_org=700014&id=1751&p1=6406 (1886, Neo-Renaissance) am Hviezdoslavovo-Platz von Ferdinand Fellner und Hermann Helmer, immer der Nase entlang bis zum Hauptplatz, längst ist der Duft des letzten weihnachtlichen Glühweins verflogen, vorbei am Maximilians-Brunnen9)URL: http://www.visit.bratislava.sk/en/vismo/o_utvar.asp?id_org=700014&id_u=1619&p1=3997 (1572, Renaissance) aus der Werkstatt von Andreas Lutringer, entlang des Palais Kutscherfeld10)URL: http://www.ambafrance-sk.org/Le-Palais-Kutscherfeld,15 (1762, Rokoko), bis ans Ende der Sedlárska Straße die in der Michaelergasse mündet.

Ich mag diesen Teil der Stadt mehr im Win­ter als im Som­mer, auch wenn sich grau mit grau an grau die Türklin­ge reicht, die Luftigkeit der Fußgängerzone bleibt wenig­stens im Win­ter bewahrt. Im Som­mer mutiert die Michael­er­gasse leider zu einem großen Speis­esaal, wo sich die Ein­heimis­chen und Touristen einen Parcours zwis­chen der Vielzahl an Gastgärten und Tischen liefern und man mehr von Gerüchen überwältigt wird als von der Architektur. Trotz des frostigen Wetters bin ich überrascht, dass doch viele Menschen durch die Straßen schlendern, der Anteil der Touristen deutlich geringer als im Sommer.

Und mittendrin, die architektonische Konstante der Altstadt und meiner Kindheit, der Michaelerturm. Der familiäre Anblick des Gebäudes freut mich jedes Mal und mit langsamen Schritten nähere ich mich meinem Ziel. Nicht viel hat sich seit dem letzten Besuch verändert, ah doch, die Pflastersteine wackeln unter den Füßen nicht mehr. Viele der Traditionsgeschäfte haben an einer der ältesten Gassen der Stadt zugesperrt, viele wurden längst durch Restaurants ersetzt.11)URL: http://www.ortvay.eu/sk/tartalom/michalska-ulica

Der Eingang zum Michaelertrum befindet sich rechts vom Michaelertor, lediglich eine historische Kanone lässt ein Waffenmuseum erahnen. Bis heute verwundert mich die eher spärliche Kennzeichnung des Museums, dessen Zugang sich hinter einer schmalen, unscheinbaren Tür befindet.

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Vorgewarnt ist an dieser Stelle jeder, der keine engen Räumlichkeiten, niedrige Plafonds und Unmengen an Holztreppen mag. Ein Seil ziert die alten Metallhalterungen an der Wand. Im ersten Obergeschoß angekommen, erwarten mich zwei nette Damen, die mich herzlichst begrüßen.

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Stockwerk für Stockwerk schreite ich hinauf, erhasche hier und da einen Blick in die frisch geputzten Vitrinen, die in einem starken Kontrast zu den dunklen Wänden stehen. Die Atmosphäre des Raumes wird durch die kleinen Fenster untermalt. Ich fühle mich beim Ausblick fast wie ein Voyeur, der still und heimlich das Treiben des Flußes der Stadt beobachtet.

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Was noch ein Stockwerk tiefer ein sonnendurchfluteter Raum war, mutiert mit jedem weiteren zu einem immer düster werdenden Raum. Kriegs- und Turnierrüstungen teilen sich den Raum mit Schwertern, aller Art Waffen und vielem mehr. Wenn die Stille der obersten zwei Stockwerke plötzlich einen einholt und sich ein Lichtschatten-Spiel einen Spaß mit dem eigenen Unterbewusstsein erlaubt, weiß ich, dass ich mich meinem Ziel, der Aussichtsplattform, nähere.

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Nur noch eine kleine Tür, ein kleiner Schritt und man ist angekommen – an einer der schönsten Aussichten.

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Ich gönne mir einen Rundgang, dann den zweiten, dritten – erkenne altbekannte Fassaden, mehr und mehr kaputte Dächer und Unmengen an Glas-Stahl, Um- und Anbauten, die einfach nicht in das Stadtbild passen, begrüße meine lieben Turmdrachen und freue mich einfach, dass sie immer noch da sind …

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Es wird Zeit, langsam die Treppen hinunter, an den netten Damen von der Kassa vorbei und die letzten Treppen bis zum Ausgang, wo die Tür zum Abschied beim Schließen leise knirscht. Durch das Michaelertor und an dem nullten Kilometer vorbei, der die Distanzen zu 29 Hauptstädten anzeigt.

Ein letzter Blick nach oben, mach’s gut lieber Turm, bis zum nächsten Mal.

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Facts

Waffenmuseum im Michaelerturm

Adresse:  Michalská 22, 811 02 Bratislava, Slowakei

Öff­nungszeiten: Dienstag – Freitag von 10.00 bis 17.00 Uhr

Samstag – Sonntag von 11.00 bis 18.00 Uhr

Foto: Fotografieren ohne Blitz ist erlaubt.

Preise: ausf. Info über Ein­trittspreise auf der Home­page

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Fußnoten   [ + ]