CRISIS AS IDEOLOGY? – Kunstraum Niederösterreich – 10/06 – 23/07

Dejan Kaludjerović, Mikado Spiel, from the series Conversations: Hula-Hoops, Elastics, Marbles and Sand,
2016 © Dejan Kaludjerović

Wirtschaftskrise – Bankenkrise – Flüchtlingskrise – Finanzkrise – Umweltkrise – Europakrise – etc.

Wir sind von Krisen umgeben. Krise? Gibt es denn wirklich eine oder geht man mit dem Wort mittlerweile inflationär um? Wann hat sie angefangen? Und warum gibt es ständig welche? Augenblicklich findet im Kunstraum Niederösterreich die Ausstellung Crisis as Ideology?, kuratiert von Anamarija Batista, Dejan Kaludjerović und Karoline Radenković, statt.

Sie beschäftigt sich mit der Frage, ob die Krise als mögliches, abstraktes Konstrukt und manipulatives Phänomen reformative Prozesse beschleunigt oder als Begrifflichkeit lediglich emotionale Unsicherheit auslöst. Wird der Mensch den reformativen Bestrebungen gerecht oder in einen Angstzustand versetzt, der destruktiv entgegenwirkt und somit zu einer Stagnation führen kann. In diesem Sinne ist man mit Däumchen drehen und Tee trinken selten vorangekommen.

Markus Proschek: The Gift (Detail), Koprolithen (teilweise geschliffen), Silberkette, Velourpapier, Holz, 2016 © Markus Proschek
Markus Proschek: The Gift (Detail), Koprolithen (teilweise geschliffen), Silberkette, Velourpapier, Holz, 2016 © Markus Proschek

Betritt man den Ausstellungsraum, erblickt man zunächst das Werk The Gift (2016) von Markus Proschek. Ein Reliquien-artiger Rahmen beinhaltet innerhalb seiner Dreiteilung Reste versteinerte Dinosaurier-Exkremente. Links unten ist ein Koprolith (von altgriechisch κόπρος kopros „Kot“ und altgriechisch λίθος líthos „Stein“) in seinem naturgegebenen Zustand, rechts unten teilweise zum sichtbaren Halbedelstein geschliffen, und im oberen Teil ein daraus von Menschenhand kreiertes Schmuckstück (in Form von einem Anhänger an einer Silberhalskette) zu sehen. Links neben dem Rahmen hängt ein Foto, wie der Künstler die Kette um einen Frauenhals legt – ein Geste des Schenkens.

© Markus Proschek
© Markus Proschek

Auf den ersten Blick wird der Betrachter mit dem billig hergestellten, jedoch teuer verkauften Massenprodukt konfrontiert. Ich frage mich, wie die Natur als allgemeines Gut im Namen des Profits vereinnahmt/privatisiert werden kann? Der Prozess zum Schmuckstück symbolisiert sowohl Arbeits-, Kauf- und Besitzverhältnisse, als auch Wertbildung und -veränderung. Im religiösen Sinne beziehe ich die Dreiteilung zunächst auf die Dreifaltigkeit. Der Behälter als Schrein zeigt offenkundig die Reliquie, den Kot eines ausgestorbenen Tieres. Der Entstehungsprozess des Schmuckstücks wird somit verheiligt/sakralisiert, wobei das Schmuckstück selbst die größte Fläche des Rahmens, also den höchsten Wert einnimmt. Der Halbedelstein ist in seiner Vervielfältigung zum Massenprodukt Geschenk geworden, lediglich eine austauschbare Variable und folglich ein konsumistisches und kein persönliches Gut mehr – eine Religion des Konsums offenbart sich.

Seth Weiner, Territories for Two: Cuba Model – 4,6kg, 2016 © Alexandra Wanderer
Seth Weiner, Territories for Two: Cuba Model – 4,6kg, 2016 © Alexandra Wanderer

Als Betrachterin werde ich mit dem Kot eines ausgestorbenen Dinosauriers konfrontiert. Nicht der Tod wird thematisiert, sondern das Aussterben, also der Untergang einer ganzen Spezies. Fragen, wie: „Was ist ein Geschenk? Welche Bedeutung hat ein Geschenk? Was ist Luxus? Was ist im Leben wichtig?“, schießen mir durch den Kopf. Ich erinnere mich an die Moralphilosophie des Prof. Michael J. Sandle (Justice – What´s the Right Thing to Do?, New York, 2010; What Money Can´t Buy – The Moral Limits of Markets, New York, 2012). Er thematisiert in seinen Schriften oftmals das Verhältnis von Moral und Ökonomie.

Später unterhalte ich mich mit dem Künstler und erfahre, dass der Ausgangspunkt der Text La Part maudite (dt. Die Aufhebung der Ökonomie (Der verfremdete Teil), 1949) von Georges Bataille, der sich auf das Essai sur le don (dt. Die Gabe, 1923/24) von Marcel Mauss bezieht, war. Hier wird die Schenkökonomie und die daraus resultierende Theorie der Verschwendung am Beispiel des Indianerrituals Potlatch verwendet. Das Potlatch-Ritual wird als Fest des Schenkens zu bestimmten Anlässen gefeiert. Oftmals eskalierte die Großzügigkeit des Stammes zu einer Form der Verschwendung.

Das Geschenk per se fordert gleichzeitig eine gewisse Reziprozität ein. Dabei handelt es sich weniger um einen materiellen Austausch, sondern vielmehr um die Herstellung von Bindungen und somit Verpflichtungen. Diesen Bezug baut der Künstler als Zitat in seinem Werk ein, indem er die Form des „Schildes“ für die Vitrine übernimmt. Ich frage Markus Proschek, weshalb er diese nachahmt und erhalte folgende Antwort: „Diese „schildförmigen“ Objekte wurden für diese Rituale speziell hergestellt und verwendet. Kupfer war sehr selten und kostbar. Sie waren der wertvollste Besitz, wurden verschenkt und beim Potlatch oft auch zerstört.“

Die Bindung, die man mit dem Geschenk der Halskette eingeht, präsentiert der Künstler mit der Geste des Anlegens. Das Anketten postuliert eine eingehende Besitzform, im Sinne von in Anspruch nehmen. Ebenso kann dieses Geschenk zur emotionalen Dankbarkeit verpflichten, d.h. ein realer Gegenstand wird für etwas Nicht-fassbares eingetauscht, z.B. emotionale Bindung.

Wenn nun das Geschenk als Massenprodukt eine beliebige Variable ist, wird dann nicht auch die Emotion zu einer willkürlichen, austauschbaren Modifikation? In dieser Hinsicht wäre doch eine gut überlegte, nicht-austauschbare Geste als Geschenk wertvoller, als ein Produkt. Nicht nur das Geschenk wird in seiner Inflation zur Krise, sondern auch die Emotion (vor allem in unserer schnelllebigen Gesellschaft).

Mikado Spiel, from the series Conversations:Hula Hoops, Elastics, Marbles and Sand, 2016 Installation, 6 channel sound, video, wooden box, 41 wooden sticks, acrylic, varnish, 92’, 174 x 38 x 22cm, ø2.7cm x 162cm each © Dejan Kaludjerović
Mikado Spiel, from the series Conversations:Hula Hoops, Elastics, Marbles and Sand, 2016 Installation,
6 channel sound, video, wooden box, 41 wooden sticks, acrylic, varnish,
92’, 174 x 38 x 22cm, ø2.7cm x 162cm each
© Dejan Kaludjerović

Ein weiteres Kunstwerk, das meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, ist Dejan Kaludjerović´s Mikado Spiel, aus der Serie Conversations: Hula Hoops, Elastics, Marbles and Sand (2016). Auf dem Boden ist ein vergrößertes Mikado-Spiel zu sehen. Begleitet wird das Werk von einer 6 Kanal-Soundinstallation von Interviews mit Kindern. Der Künstler befragte Kinder aus verschiedenen Schichten, also unterschiedlicher sozialer und ethnischer  Herkunft, im Volksschulalter (7-9 Jahre), die ihren Lebensmittelpunkt in Österreich haben, zu gesellschaftspolitischen Tagesgeschehen. Zunächst wurden persönliche Fragen (z.B. Was man gern mag?) gestellt, anschließend Sachfragen (Was ist Geld?), aber auch Inhaltsorientierte (Was bedeutet es, arm oder reich zu sein?/Warum gehen Menschen in den Krieg?) oder Zwischenmenschliche (Was bedeutet es, ein Junge zu sein?). Unter anderem wird die Flüchtlingskrise thematisiert und was es bedeutet ein Flüchtling/Ausländer in Österreich zu sein, ob diese hier willkommen sind und wie sie – die Kinder – Stellung zu dieser Thematik beziehen. Das Gespräch wird mit der letzten Frage „Was bedeutet Muttersprache?“ und ihren Antworten beendet. Auf der Wand ist die Unterhaltung in englischer Sprache wiedergegeben. Alle Fragen wurden abwechselnd von den Kindern vorgelesen, sodass die Stimme des Künstlers in der Soundinstallation nicht vorkommt – es klingt vielmehr wie ein Gespräch unter Kindern.

Der Künstler eröffnet dem Betrachter eine Sicht auf die künftige Generation und ihre im Kindesalter geprägte Meinung. Die Sozialisation durch das Umfeld (Familie, Erziehung, Medien usw.) spiegelt lediglich die zeitgenössische Einstellung der Bevölkerung wider. Mangels Transparenz und Aufklärung innerhalb der Bevölkerung wird die künftige Weltanschauung bereits im hier und jetzt geprägt. Die Probleme von heute können dadurch zur Krise von morgen werden.

Das Mikado-Spiel repräsentiert einerseits durch seine neunfache Vergrößerung die neun Bundesländer Österreichs, andererseits ist es als Kunstwerk von jeder spielerischen Partizipation ausgeschlossen (Berühren verboten) und bringt somit ein Handlungsverbot mit sich. Dieses steht im starken Kontrast zum Kind-sein.

Aus dem Booklet erfährt man, dass Dejan Kaludjerović dieses Projekt bereits in mehreren Ländern realisiert hat. Dazu zählen u.a. Russland, Serbien, Aserbaidschan und Iran. Er thematisiert dabei stets das Verhältnis von Sozialisation und Gesellschaft, Spielzeug und Politik. In jedem Land, wo die Arbeiten realisiert wurden, arbeitete der Künstler mit dem gleichen Fragenkatalog. Wenn das Projekt abgeschlossen ist, soll ein Buch mit allen Interviews mit Kindern herausgegeben werden.

 

 

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