– Just Joseph –

Heute geht eine Ausstellung zu Ende, die für das Kunsthistorische Museum, Wien, (KHM) einerseits recht ungewöhnlich, andererseits äußerst passend ist. Jedes Mal wenn ich das KHM betrete, löst es eine unerklärliche Magie in mir aus und erinnert mich stets an das Momentum des ersten Besuches (damals im ersten Semester, als ich nach Wien gezogen bin).

Man betritt ein Märchen, wenn man durch die Eingangshalle geht und langsam die prächtigen Stiegen emporsteigt. Mihály von Munkácsy´s Apotheose der Renaissance (1890) kommt dem Besucher grüßend entgegen geflogen, als ob diese ihn nun auf eine Reise begleitet. Michelangelo, Tizian, Holbein, Seymour, Dürer, Valézquez, da Vinci, Raffael, Rembrandt, Rubens und vielleicht Van Dyck mit ihren Werken in den Lünettenbildern verewigt, begleiten nun wie freundliche Weggefährten diese Expedition.

Warum Märchen und Geschichten?

Mein Weg führt mich meistens direkt in die Gemäldegalerie, denn hier erwachen die Geschichten zum Leben. Tizians Ecce Homo (1543 datiert und signiert) sehe ich das erste Mal seit ihrer Restaurierung (09/2013-02/2015) bewusst wieder. Die reiche Dokumentation, ihre Vita, wird den Besuchern im Raum präsentiert. Und sie blickt wieder zu mir rüber, das blonde Mädchen im weißen Kleid. Sie schaut mich an. „Was ist dein Geheimnis?“ frage ich – wohlwissend, dass sie es nicht verrät. Jedes Mal senkt sie recht wortkarg ihren Blick. Kaum habe ich mich für eine Sekunde umgedreht, sieht sie mich wieder an. Wie man schnell im Internet auf dada-dada.tv nachlesen kann, ist das schöne Mädchen von zahlreichen prominenten Persönlichkeiten umgeben: „der prächtig gekleidete ältere Mann im Vordergrund rechts sei eigentlich der zu Entstehungszeit des Bildes amtierende Doge Pietro Lando, der osmanische Reiter hinter ihm Sultan Suleiman II., noch weiter rechts dessen militärischer Gegenspieler Alfonso d’Avalos. (Venedig hatte 1535 bei Tunis über die Türken gesiegt), […] Und Pilatus trägt wohl die Züge eines sehr engen Weggefährten des Künstlers: Pietro Aretino.“1)http://www.dada-dada.tv/

Wow! Aber warte mal, was steht da: „die weiß gekleidete junge Frau könne gar ein verstecktes Porträt der Tochter Tizians sein.“ 2)http://www.dada-dada.tv/werk/zeitung-2 Erneut schaue ich zu ihr hinüber um „Auf Wiedersehen“ zu sagen, sie blickt mir kurz stumm entgegen und ich gehe.

Ich komme an Parmigianino, eigentlich Girolamo Francesco Maria Mazzola (11.01.1503, Parma – 24.08.1540, Casalmaggiore) genannt, vorbei. Ich sehe sein Selbstporträt im konvexen Spiegel, von 1523/4 (Öl auf Pappelholz, Durchmesser 24,4 cm) und denke mir: „Der Typ hat das damals, also schon 1523/4, mit circa 21 Jahren gemalt? Wahnsinn, was für eine tolle Idee! Eigentlich total spannend!“ Und er wispert mir zu: „Ich wollte Papst Clemens VII. damit beeindrucken. Manchmal braucht es nur einen Eyecatcher, um Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Schlau, der kleine Parmigianino! Wie hätte ihm Street Art gefallen? Wäre er mit Banksy befreundet? Ich schweife ab…

„Hallo, Caravaggiooo! Hängst heute auch ein bisschen ab?“ Michelangelo Merisi, aka Caravaggio (29.09.1571, Mailand – 18.07.1610, Porto Ercole), hängt in der Tat höchstpersönlich im KHM (auch in der Galleria Borghese) als Goliath im Bild David mit dem Haupt des Goliath! Wie Tante Wikipedia verrät, war Caravaggio „während eines Straßenfestes zum Jahrestag der Papstwahl Pauls V. am 28. Mai 1606 gemeinsam mit Onorio Longhi in eine Streiterei geraten, bei dem er am Ende mit einem Schwerthieb Ranuccio Tomassoni, Sohn des Kommandanten der als Staatsgefängnis dienenden Engelsburg, so schwer verletzte, dass er kurz darauf starb. Caravaggio war in Bezug auf den Streitanlass zunächst nur eine Nebenfigur, denn er wollte lediglich seinem Freund Longhi in der Auseinandersetzung zwischen Longhi und den Tommasoni beistehen. Der Auseinandersetzung mit tödlichem Ausgang lag ein älterer Streit zugrunde, über deren Ursachen die Quellen jedoch abweichende Aussagen machen. Alle Beteiligten an dem gewalttätigen Streit wurden per Haftbefehl gesucht, verurteilt und ins Exil verbannt. Da weder Ermittlungsakten noch Urteile erhalten blieben, sind die genauen Strafen unbekannt. Nach Graham Dixon traf Caravaggio die schwerste Strafe: In öffentlicher Bekanntmachung (Avvisi vom 31. Mai 1606) wurde er unbegrenzt aus Rom verbannt und als verurteilter Mörder mit dem „bando capitale“ belegt, welches besagte, dass jeder aus den päpstlichen Staaten ihn straffrei töten durfte.“ 3)https://de.wikipedia.org/wiki/Michelangelo_Merisi_da_Caravaggio

Die einen sagen Tennisspiel, die anderen sagen Straßenfest… Ich sage: Tante Wiki, du bist so allwissend! „Caravaggio, hast du es wirklich getan und diesen Typen umgebracht? Hast du deswegen dieses Bild als Geschenk an Cardinal Borghese, der höchste im päpstlichen Amt, gegeben, wissend, dass er die Macht hat dich zu begnadigen?“ Und dann kommt der typische Männer-Dackel-Blick und er sagt: „Ja!“. Angeblich hat Caravaggio dieses Werk an Cardinal Borghese geschickt, mit seinem Selbstporträt als Goliath, der Sünder. Er wurde zwar begnadigt, allerdings schaffte er es nicht mehr bis nach Rom. (Catherine Puglisi, Caravaggio ,Phaidon Press, 1998) „Ja, ja, du alter Schlawiner, das waren noch Zeiten…“ lächle ich ihm zu und gehe.

Joseph, ein Freund.

Ich besuche nun endlich die Ausstellung zu Joseph Cornell. Wir kennen uns nicht, ich habe vorher kaum etwas über Joseph gewusst, ich wollte vor dem Ausstellungsbesuch auch nicht viel über ihn erfahren (recherchieren), ich wollte ihn lieber persönlich kennenlernen. Als ich den Ausstellungsraum betrete, bin ich über die angenehme Atmosphäre positiv überrascht. In meiner Vorstellung ist der Künstler in jeder Ausstellung gleichzeitig auch der Gastgeber, somit muss dieser von den Kuratoren und dem Ausstellungsteam gut verstanden werden, damit man mit ihm ins „Gespräch“ kommen kann. Und Joseph plappert viel!

Seine Werke sind in großen Glasvitrinen ausgestellt, sodass man sie von beiden Seiten sehen kann. Gezeigt werden circa 80 Objekte, darunter Collagen, Filme und seine Boxes (Kästchen mit Innenleben).  Diese faszinieren mich besonders! Viele haben französische Titel, obwohl Joseph gar kein Französisch spricht. Er kann eigentlich auch gar nicht malen oder zeichnen, er kreiert lieber dreidimensional. Jede der Boxes verbirgt eine Geschichte, welche durch all die kleinen Details zusammengesetzt sind. Es ist womöglich das Wort Journal von einer zerrissenen Zeitung aus dem Hintergrund, die zublinzelt, oder ist es doch der weiße Kakadu, der trotz seiner Zweidimensionalität einen Dreidimensionalen Platz (Holz darunter) bekommt, der mich in ferne Länder bringt? Vielleicht lieber nach Neapel und ein Glas Wein? „Es sind die Gassen Neapels, die verzaubern, finden Sie nicht?“ …fühle ich mich von Joseph angesprochen. Es ist das Menschliche, denke ich mir.

Die Phantasie zu Reisen hatte auch Cornell, denn er reiste nie, er blieb stets in seiner gewohnten Heimat. Somit besuchte Joseph zahlreiche Länder lediglich in seiner eigenen Vorstellungskraft und beschrieb sie in seinen Collagen. Wir lernen nun also das Persönlichste des Künstlers kennen – seine Imagination! Er kaufte sehr viele Reiseratgeber, Bilder, Briefmarken, etc. wie ein passionierter Sammler und schuf daraus seine kunstvollen Schachteln. Und das macht Joseph Cornell aus! Er möchte Gastgeber sein, er lädt den Betrachter auf eine magische und abenteuerliche Reise ein.

Joseph führt mich ins weiße Schloss, der vor einem dichten Wald liegt. Es scheint Winter zu sein, denn die Bäume sind kahl. Das Schloss erstrahlt im dämmernden Licht, es könnte früher Morgen sein. In Gedanken versunken, begegne ich Tilly Losch, eine junge Prinzessin. Im blauen Kleid fliegt sie, wahrscheinlich mit einem Ballon, über die grauschimmernden Berge. Sie scheint zurückzublicken – ist es Heimweh oder Angst?

Dann finde ich das Buch der Geheimnisse, sein Werk Untitled (To Marguerite Blachas). In das Buch wurde ein geordnetes Rechteck mir 3×4 Feldern gebastelt. Jedes Feld trägt ein eigenes Innenleben. Es sind Knöpfe, Schmuckstücke, Bilder usw. zu erkennen. Ist es vielleicht ein Insider, den nur Marguerite Blachas versteht? Oder ist der Name Marguerite Blachas schon der Insider? Maargueriiiiite Blachasss, Blaaachas, Blachaaas oder Blaaachaaas?

In einem Nebenraum wird ein Film über Cornell von Lawrence Jordan von 1965 (1965‒1979, 16 mm-Film mit Ton, ca. 9 Min.) gezeigt. Lawrence erzählt Geschichten über Joseph, als ob man gerade miteinander einen Kaffee trinkt oder sich in einer größeren Gesellschaft zu einem Plausch kurz zurückzieht – kurzer Ausschnitt. Es redet ein Freund über einen Freund. Während dieser spricht, nehme ich die Position des Betrachters im Film ein: ich sehe hinunter aus dem Fenster und erblicke Joseph in seinem Garten. Er sortiert Boxen und Kartons aus. Er ist hochkonzentriert. Er denkt nach. Er träumt. Erst als der Film aus ist, verlasse ich sein Haus.

Zurück im Ausstellungsraum betrachte ich nun auch seine Werke von der Rückseite. Sie erzählen ebenso eine Geschichte. An einer Box geht der Klebestreifen zart, vorsichtig und langsam, aber stetig ab. Wie lange das wohl hält, frage ich mich. An einer anderen Box versteht man sofort, wie sie von vorne funktioniert, weil sich etwas bewegen muss und sie wird plötzlich lebendig.

Im anderen Nebenraum erfährt man mehr über Joseph, es ist sein Lebenslauf bildlich und schriftlich  dargestellt. Man lernt einen sehr bodenständigen, lieben Kerl kennen. Er kannte wohl viele Künstler, darunter Marcel Duchamp, Andy Warhol und er prägte ebenso viele, wie: Robert Rauschenberg, Jasper Johns etc. Alles ganz große Namen in seinem kleinen Kreis. Wahrscheinlich musste Joseph einfach nicht reisen, denn seine Welt war groß genug. Vielleicht ist er niemals gereist, weil seine Vorstellungen ihm genügten. Vielleicht ist er auch niemals gereist, weil Reisen seine Vorstellungen beeinflusst hätten. Vielleicht wollte der Künstler einfach nur Joseph sein.

Fazit: Es ist das Menschliche, dass Joseph ausmacht.

Letztendlich frage ich mich, wie Kinder diese Ausstellung sehen würden. Sie besitzen einerseits die Fähigkeit des nicht-Wertenden, andererseits die pure Vorstellungskraft. Das sind durchaus die wichtigsten Eigenschaften, die viele Erwachsene verloren haben. Joseph kann es uns wieder lehren. Diese Ausstellung musste demnach im KHM erfolgen: die Märchenstunde im Märchenschloss!

Als ich den Ausstellungsraum verlasse, ist es fast so, als nehme ich einen Teil von ihm durch seine Geschichten mit. Ich habe mich bewusst nicht verabschiedet, denn ich bin mir sicher, dass wir uns wiedersehen werden. Es ist schon dunkel draußen, als ich meine Sachen aus dem Spind hole, meine Jacke anziehe und hinausgehe. Es ist kalt.

Weiterführendes:

Royal Academy of Arts – Joseph Cornell – Wanderlust 4.7. — 27.9. 2015
Lawren C Jordan Cornell, 1965
dada-dada.tv

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Fußnoten   [ + ]

1.http://www.dada-dada.tv/
2.http://www.dada-dada.tv/werk/zeitung-2
3.https://de.wikipedia.org/wiki/Michelangelo_Merisi_da_Caravaggio