Kaffee mit … Camillo

Camillo Stepanek, MA (BA VZ Absolvent 2010)
© Alex Mörth

Mein Telefon klingelt, Camillo verschiebt das Interview auf den Abend, sodass ich mir etwas Sorgen um meinen Kaffee mache. Als ich später seine Wohnung betrete, fragt er keck: „Geht auch ein Spritzer statt eines Kaffees?“ Nach einer kurzen Diskussion wird ein Rosé Sekt serviert. Das ist ein guter Kaffee, denke ich mir.

Er führt mich durch seine Wohnung und wir setzen uns in seine blaue Küche, denn er hat soeben eingekauft und möchte schnell ein paar Häppchen für uns machen – zugegebenermaßen bin ich auch etwas hungrig. Die Küche ist wirklich blau, sehr blau. Diesen Gedanken kann ich leider nicht für mich behalten. Nach einem Augenblick der Stille, sagt er beruhigend:

„Sie ist echt sehr blau.“

Über seinem Esstisch ist eines seiner Bilder. Camillo malt lieber mit Öl, lediglich bei weißen Hintergründen benützt er Acryl. Seine Unterschrift setzt er stets auf die Rückseite, denn er möchte die Wirkung seiner Bilder in den Vordergrund stellen. Er hebt die natürliche Maserung des Holzes hervor und gibt dem Holz, also der Natur, einen Stellenwert in der Kunst. Natur wird zur Kunst. Die Natur wird noch zusätzlich durch den Holzrahmen hervorgehoben. Es ist ein fingerbreiter Abstand zwischen Rahmen und Bild, bzw. der Rahmen geht irgendwie um das Bild herum. Es scheint darin zu schweben.

Für den 28-jährigen ist Kunst schon seit der Kindheit ein stetiger Wegbegleiter, doch erst vor ein paar Jahren traute er sich bewusst an sie heran. Sein Großvater ging noch vor dem zweiten Weltkrieg an die Angewandte, damals noch als Kunstgewerbeschule des österreichischen Museums für Kunst und Industrie als Bundeslehranstalt bekannt. Es hängt ein Stillleben in Öl von ihm im Wohnzimmer. Vielleicht hat er das Talent von ihm geerbt, aber es kommt nicht nur darauf an, meint Camillo Stepanek, man müsse auch etwas daraus machen. Zumindest sich trauen etwas zu machen. Seine Eltern wünschten sich, trotz seines Talentes, einen bürgerlichen Beruf für ihren Sohn. Diesen Weg ging er zunächst auch. Nach dem Studium an der FH in Wien, fing er 2011 bei der Raiffeisen International Finance in New York und Connecticut an.

In New York angekommen, schaute er sich zunächst Galerien an und kam mit der Szene in Kontakt. Auf der Suche nach einer passenden Ausstellungsmöglichkeit, lernte er Elaine Summers kennen. „Das ist eine lustige Geschichte: die Galerie hatte zu und die Nachbarin lud mich zum Kaffee in ihre Wohnung ein, sodass ich drinnen warten konnte. Das war Elaine…“

„Mit ihr trank ich wirklich einen Kaffee.“

Es kam zu ersten Ausstellungen, u a. in der Soho Gallery For Digital Art. Ich schaue zu den Häppchen rüber – sieht gut aus. Camillo bemerkt die kurze Stille und serviert lächelnd das Abendessen im Wohnzimmer. Es schmeckt gut.

Und wie es so beim Pläneschmieden läuft, kommt oftmals das Leben dazwischen. 2015 war ein äußerst turbulentes Jahr für Camillo. Persönliche Probleme im Privatleben hatten ihm seine Kreativität geraubt. Auf dem Tisch bemerke ich das Buch „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink. Was gefällt ihm wohl daran? „Die Geschichte ist messed up, so paradox, so ein hin und her, wie es nur das echte Leben treffen kann.“ Das Leben ist unberechenbar wie die Geschichte. Ich möchte nicht nachhaken, frage dennoch wie er sich nun fühlt. Er antwortet:

„Ich habe jetzt die Energie. Ich bin wieder da angekommen. Ich bin wieder ich.“

 

Kunst ist für ihn ein ganz persönlicher Ausdruck. Seine Werke verschmelzen Pop Art und Jugend-stil/Art nouveau ineinander, wie er sagt, denn er möchte“ die Grenze dem Natürlichen und dem Künstlerischen soweit verschieben, das dem Betrachter die gemeinsame Quelle erscheint.“ Quasi: Kunst ist Natur. Natur ist Kunst… denke ich mir. Kann man das so zusammenfassen?

Ich greife zum nächsten Häppchen und befrage ihn zu seiner Einstellung zu dieser Verschmelzung. Jugendstil oder Art nouveau behandelt die Natur, die Linie – dieses Element ist in seinem Werk sichtbar. „Die Faszination der perfekt geformten Linie der Natur beeindruckt mich einfach.“
Pop Art hingegen beschreibt am besten den Prozess vom Kreieren/Schaffen zum Produzieren, daher auch die bekannte Factory von Andy Warhol. Er hat nicht einmal selbst produziert, sondern andere produzieren lassen und setzte lediglich seine Unterschrift unter das Bild. „Das ist eine Verarsche von der Gesellschaft.“

Willst du die Gesellschaft auch verarschen?

„Nein, ich finde das zum damaligen Zeitpunkt genial. Andy Warhol war ein Genie und hat gesellschaftskritische Kunst gemacht. Ich kann Pop Art nicht weitermachen, da der Meister schon gefunden ist.“ Sowohl Pop Art, als auch Art nouveau sind daher gänzlich abgeschlossen. „Doch ein Schritt in die Vergangenheit kann ein Schritt nach vorne sein“, und diesen möchte Camillo gehen. Daher verschmelzt er die beiden Kunstrichtungen und fügt sie neu zusammen.

Dekokunst…

Ich konfrontiere Camillo mit dem Begriff der Dekokunst à la IKEA-Style, nach dem Motto: das würde gut zu meinem Sofa passen, kostet beim IKEA nur € 100,-.

„Deine Kunst schaut gut aus, sie ist dekorativ, aber künstlerisch – sie ist ansprechend“ bekommt er schon hin und wieder zu hören. Er stellt das Dekorative ganz bewusst in den Vordergrund. Das Subtile, das Einfache spielt für ihn eine wichtige Rolle. „heutzutage ist Kunst oftmals vielmehr drumherum reden, als die Schönheit eines Bildes.“ Genau diese möchte Camillo festhalten „und es gibt nichts schöneres als die Natur.“ Es ist lediglich das Natürliche, das er hervorhebt. „Man hat Holz hängen, das ist nicht mehr als Holz“, doch Camillo verleiht ihm eine Präsenz, einen Raum, eine Wertschätzung. Eine simple Idee mit großer Wirkung.

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© Pascal Schanner

Was machst du als Nächstes?

„Dazu kann ich nichts näheres bekannt geben.“ Er möchte zwar nichts verheimlichen, dennoch schweigt er lieber zu dem Thema. Aber eine neue Serie ist bereits 2017 zu erwarten. 2016 hat er das Bedürfnis noch dort anzuknüpfen, wo er aufgehört hat. Denn die Serie ist für ihn noch nicht vollständig, es scheint ihm noch etwas zu fehlen. „Man muss etwas fertig stellen, um neues zu beginnen.“ Ich bin gespannt…

Möchtest Du Deinem Stil treu bleiben?

„Ja, denn Treue ist mir sehr wichtig. Aber es wird eine Weiterentwicklung sein.“ Eine Veränderung wird demnach anstehen und ich greife zum nächsten Häppchen. Camillos eisblaue Augen blicken auch in Richtung Essenplatte und er nimmt eines. Ich bin irgendwie beruhigt, dass er auch hungrig ist. Da ich grad schon wieder esse, frage ich einfach: „Wo gehst Du gerne essen?“
„Ich gehe gern ins DOTS in die Mariahilferstraße, aber auch die Wienerin am Petersplatz. Die Süßkartoffelsuppe bei meiner Vernissage war sehr gut!“ Nach zwei Ausstellungen in New York, hatte Camillo im Café-Bar-Restaurant Wienerin am Petersplatz Ende 2014 seine erste Ausstellung in Wien. Ein ungewöhnlicher Ort für eine Ausstellung, doch sie war sehr gut besucht. Die Ansprache hielt sogar Anton „Toni“ Faber, der von seiner Kunst begeistert schien. Die beiden verbindet eine lustige Geschichte und sie sind bis heute hin und wieder in Kontakt, aber „noch besitzt er kein Bild von mir.“

Wo würdest Du gern als nächstes ausstellen?

„Die Ho Gallery, weil sie an NYC erinnert.“

Was kosten Deine Bilder?

„Ca. €1500-4000,-.“ Camillos Bilder kann man in monatlichen Raten abzahlen. Beim Kaufvertrag wird zudem ein Rückgaberecht eingebaut. Falls man es nach wenigen Monaten zurückgeben möchte, werden die monatlichen Raten dann als Miete verrechnet.

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Camillo Stepanek, MA (BA VZ Absolvent 2010)
© Alex Mörth

Dieses System ist in Amerika gang und gebe. Ich frage mich, wie man auf so eine Idee überhaupt kommen kann, da sagt Camillo plötzlich: „Die Wertschätzung meiner Bilder steht im Vordergrund. Wenn ich einen Funken in den Augen sehe und diese Person sagt, dass sie gern mein Bild hätte, sich dieses aber nicht leisten kann, so möchte ich entgegen kommen.“

Er erzählt von einem Paar, das ein Jahr darauf gespart hatte und ihn dann wieder kontaktierte, um sein Bild zu erwerben. „Sie hatten sich verliebt. Ich glaub, ich bin vielmehr ein Partnervermittler, was die Bilder betrifft… Dann komme ich gern entgegen. Das ist eine Wertschätzung, die ich einfach liebe.“ Er berichtet von einer anderen Sammlerin und liest aus einer Mail laut vor:

“… es verdunkelt (erwartungsgemäß) den Raum, aber es erhellt meine Seele.“

Ich nutze die Gelegenheit und schreibe diesen Satz schnell ab.

Wertschätzung ist für Camillo ein wichtiges Thema. Er erzählt von seiner einerseits sehr liebevollen Familie, andererseits vom Druck bestimmte Werte, Verpflichtungen und Erwartungen zu erfüllen. Seine Eltern hatten anfangs seinen Wunsch Künstler zu werden, nicht verstanden. „Dieses Nicht-verstehen von etwas, das so sensibel ist, worauf ich aber vertrau´, hat mich anfangs verletzt.“ Aber sie haben ihn dennoch unterstützt und gefördert, einerseits in seiner kreativen Entfaltung, andererseits die Materialien selbst. „Ich finde es ist mehr Liebe, wenn man etwas nicht versteht, es aber dennoch macht oder machen lässt.“

Glaubst Du, Du kannst an deinen Erfolg nach dieser langen Pause anknüpfen?

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Camillo Stepanek, MA (BA VZ Absolvent 2010)
© Alex Mörth

„Die Pause diente meiner persönlichen Entwicklung.“ Er vertraut mittlerweile auf sein Gefühl. Diese Pause war eine wertvolle, wenn auch dramatische Phase in seinem Leben. Er hat sich seinem Leben gestellt. „Was auch immer 2015 passiert ist, konntest Du damit abschließen?“, frage ich mutig.

„Ich habe meinen Frieden gefunden.“

Dies ist sein Weg, sein Neuanfang. Er serviert ab und ich folge ihm wieder in die Küche. „Wirst du die Küche umfärben?“

„Nein, ich mag sie. Sie passt so gut zum restlichen Dekor.“ Seit September wohnt er nun hier. Er möchte noch Regale für die blaue Küche besorgen. Er verweist auf den gerahmten Antilopenschädel im Wohnzimmer. „Das ist echt ein Antilopengeweih?“, frage ich. Diesen hatte sein Großvater am Flohmarkt gekauft. Nach seinem Tod übernahm Camillo das Geweih aus seiner Hütte und rahmte ihn – als Memoriam an die Atmosphäre in seiner Hütte. Den Rahmen kaufte Camillo am Flohmarkt. Am Geweih hängt ein Hut seiner Freundin Bianca. Dem ist ein Gemälde des anderen, bereits erwähnten Großvaters gegenüber gestellt. Beide waren stark vom Leben geprägt. Für Camillo hat die Familie einen sehr hohen Stellenwert. Ich frage nach seinen Zukunftsplänen. „Zusammenziehen ja, aber wo? Ich weiß noch nicht wie es sich entwickelt. New York? Wien? “ Seine Webside wird erst neu gemacht, die Suche nach einem neuen Atelier hat ebenfalls begonnen, Camillo möchte wieder durchstarten.

Die kommenden zehn Jahre möchte er künstlerisch richtig Gas geben und sich entwickeln. „Du wirst sehen, was noch kommen wird“, lächelt er zum Abschied. Ich gehe die Straße zur Kreuzung und verpasse die Straßenbahn. Sie fährt an mir vorbei.

Zu Hause angekommen, geh ich auf seine Facebook-Seite Pop Art Nouveau und sehe, dass er am 14.12.2015 ein Foto von sich (gemacht vom Institut für Unternehmensführung der FHWien der WKW) geteilt hat (s.o.):

„Der österreichische Jungkünstler Camillo Stepanek kreierte 2012 nach 2 Ausstellungen in SoHo, New York City den neuen Kunststil <pop art nouveau >.
< pop art nouveau > basiert auf der Idee die Grenzen zwischen dem natürlichen und dem künstlichen so zu verschieben, dass dem Betrachter die gemeinsame Quelle erscheint.“

Die Werke entstehen direkt auf Holz. Camillo Stepanek kombiniert hier die natürlich geformte Maserung des Holzes mit etwas Künstlichem, meist Metall, und schafft so eine einzigartige Ausdruckskraft der Werke. Die künstlerische Richtung wird <pop art nouveau > genannt, da sich fundamentale Elemente des Jugendstils (art nouveau) als auch der Pop Art Kunst darin vereinen.

Camillo Stepanek, MA (BA VZ Absolvent 2010)
Fotocredits: Alex Mörth“

Homepage des Künstlers – Link

Marija Nujic im Gespräch mit Camillo Stepanek.

Zitiervorschlag: Marija Nujic, "Kaffee mit … Camillo ," in: in arcadia ego, 4. Februar 2016, http://www.in-arcadia-ego.com/kaffee-mit-camillo/.
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