Kaffee mit… EL SEROUI

© Heidi Pein

Ich steige aus der Straßenbahn aus und werde angesprochen. Ich dreh mich um und erblicke Karim EL SEROUI, einen Künstler, den ich erst kürzlich kennengelernt habe und den ich heute interviewen möchte. Welch ein Zufall, wir sind in der gleichen Straßenbahn gefahren, haben uns aber erst bei der Endstation entdeckt. Ich habe Mia mitgebracht, ein struppiger, schwarzer, kleiner Hund, auf den ich über das Wochenende aufpasse. Gemeinsam spazieren wir zu seinem Studio, welches er augenblicklich als Übergangslösung nutzt.

Und, wie gehts denn so?

„Gut… Bin noch nicht ganz…“, sagt er lächelnd. Er ist ein wenig gestresst, wirkt auch etwas nervös, aber das haben wir gleich. EL SEROUI trinkt keinen Kaffee, lieber grünen Tee oder Matchatee. Heute trinkt er aber ein Mineralwasser und ich ein Makava, denn mein Magen ist etwas gereizt. An den Wänden hängen noch einige Bilder der letzten Ausstellung DARKROOM DEMOKRATIE, im LE CORNELLE Offspace, Gutenberggasse 1, 1070 Wien. Ich deute auf sie und bemerke, dass sie sehr kritisch sind.

Also, politisch bin ich nicht,

ich bin politisch unabhängig!

Ateliereinblick © Foto Heidi Pein
Ateliereinblick
© Heidi Pein

…wirft er ein. Das aktuelle Zeitgeschehen, sowohl politischer, als auch sozialer Natur beschäftigen ihn und das bringt er in seinen Bildern zum Ausdruck. Seit ca. 10-15 Jahren befasst er sich mit u.a. Politik, Gentechnik, Wissenschaft, Kriegsführung, Brainwashing, Manipulation und Medienkontrolle. Die aktuelle Flüchtlingskrise, sowie die Wirtschaftskrise und ihre Folgen haben Europa ins wanken gebracht und bieten der patriotisch-rechten Welle genügend Raum, um sich zu entfalten.

Das ist schwere Kost, die EL SEROUI in seinen Werken behandelt. Er konfrontiert den Betrachter mit Fragen und Informationen, mit denen man sich im Alltag sonst nicht bewusst auseinandersetzen würde.

Ist der Betrachter bereit für diese Kunst?

„Meine Erfahrung ist es, dass diese Kunst polarisieren kann. Auch gerade bei jenen Menschen, die blauäugig den Massenmedien glauben. In der Regel sind es jedoch jene Menschen, die eigenständig denken, die ohnehin das Spiel durchschauen und die Bilder verstehen.“ Ohne Interesse kann man auch nicht verstehen. Wir reden über das Bildungsniveau, das Dschungelcamp und die Heute-Zeitung. Karim hinterfragt gern Sachen und versucht zwischen den Zeilen zu lesen, er ist ein nachdenkender Freigeist. Ich empfehle ihm die Blätter für deutsche und internationale Politik (www.blaetter.de), herausgegeben von u.a.  Jürgen Habermas, Norman Birnbaum, Rudolf Hickel und Peter Bofinger, Karim notiert es sich schnell auf. Ich selbst bin ein politisch interessierter Mensch, daher gefallen mir auch seine Bilder. „Warst du immer schon politisch?“, möchte ich wissen.

Ja und nein, eher ja – schon ja!

feigeLing, 70 x 50 cm, Siebdruck, Acryl, Kohle, Tusche auf Papier, 2016 © El SEROUI
feigeLing, 70 x 50 cm, Siebdruck, Acryl, Kohle, Tusche auf Papier, 2016, © El SEROUI

EL SEROUI hat in seinem frühen Œuvre bestimmte Themen zwar angesprochen, aber nicht so direkt, und offensichtlich wie jetzt, erzählt er mir. Bedingt durch den beruflichen Lebensweg seiner Eltern, ist er in Kairo geboren und besuchte dort die Deutsche Evangelische Oberschule. Sein Vater studierte Maschinenbau und arbeitete für deutsche Bauunternehmen in Kairo, seine Mutter arbeitete für das österreichische Kulturinstitut, später für Siemens Nahost. Während der Schulzeit wurde Karim das erste Mal bewusst mit der Politik, genauer gesagt mit dem zweiten Golfkrieg 1990/91, konfrontiert. Mit der Zeit weckten Themen wie Wissenschaft, Forschung und Gentechnik sein Interesse. Wir unterhalten uns über Medizin, Natur, gesunde Ernährung, Heilfasten und ich bemerke, dass Karim ein sehr umweltbewusster Mensch ist, der Produkte, die beispielsweise von MONSANTO beliefert werden, meidet. Dazu zählen Marken wie Nestlé und Coca Cola. Gesundes Essen wurde ihm im Elternhaus vermittelt, die anderen Themen entdeckte er erst später für sich.

Ich glaube ich hab damit ein Problem, weil ich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn habe.

Deshalb ist er auch mit der Politik unzufrieden und verarbeitet sein Wissen und seine Gedanken des aktuellen Zeitgeschehens in seinem Werk. Er nimmt aber auch die Unterstützer – darunter etliche Schauspieler – großer Organisationen, die sich im Namen des Guten feiern lassen, besonders unter die Lupe. Sie hätten nämlich die Mittel dazu die Welt zu verändern, tun es dennoch nicht. Stattdessen fertigen sie zahlreiche Statistiken an und feiern sich selbst bei teuren Galadinners.

Ich habe das Gefühl,

ich lebe in einer größtenteils inszenierten
und gesteuerten Matrix.

arbeitsdusche, 2016 © El SEROUI
arbeitsdusche, 29 x 21 cm tusche auf papier, 2016,
© El SEROUI

Das Freihandelsabkommen TTIP ist ein ausgezeichnetes Beispiel, um die Wirtschaftsinteressen großer Konzerne und damit gewisser Einzelpersonen zu verdeutlichen, gleichzeitig auch um das Basisverständnis der Demokratie widerzuspiegeln, denn schließlich wird dieses von der breiten Bevölkerungsmasse abgelehnt. Karim ist sehr gut informiert, ich bin positiv überrascht. „Es geht stets um Kontrolle und Macht“, fügt er hinzu. Es ist schwierig das System zum Positiven zu verändern, wenn einem die Hände gebunden sind.

Doch es gibt Künstler, die sich nicht zufrieden geben und selbst Steine, die einem in den Weg gestellt werden, überwinden. Zu diesen Künstlern gehört auch EL SEROUI. 2015 gründete er eigens für den Europäischen Tag der Inklusion den gemeinnützigen Kunst- und Kulturverein LIFESPAN (www.lifespan.at). Gemeinsam mit 19 ehrenamtlichen Mitarbeiten und über 70 Förder- und Kooperationspartner organisierte und kuratierte er das erstmalige Kunst- und Inklusionsfestival BARRIEREFREIHEIT IM KOPF. In der ehemaligen Anker Expedithalle nahmen auf insgesamt 2200 Quadratmetern 35 bildende und darstellende Künstler teil. Darunter waren Namen, wie beispielsweise Deborah Sengl, Hubert Scheibl, TOMAK, Dorothee Golz und Gerhard Maurer zu finden. Acht Tage lang sorgte die Kunstausstellung mit begleitenden Diskussionsrunden, Vorträgen, Workshops und kulturellem Rahmenprogramm für ein inklusives Miteinander. An der Veranstaltung (mit über 70 Kooperationspartner) nahmen zwischen 5. und 12. Mai 2015 über 4900 Besucher aus dem In- und Ausland teil.

Wir gehen mit Mia hinaus in die Parkanlage und setzen uns auf eine Bank in den Schatten. Mia schaut aus wie ein kleines Gorillababy. Sie hat schwarze Locken, ihr Gesicht erkennt man kaum. Während sie auf der Wiese tollt, unterhalten wir uns gemütlich weiter. „Was kann Kunst?“, frage ich.

Kunst kann polarisieren und zum Nachdenken anregen, muss aber nicht.

Kunst ist das Medium, das Probleme unserer Gesellschaft, in der Politik und auch im Leben aufzeigen kann. „Vieles ist allerdings sehr inhaltslos“, fügt er hinzu, „es fehlt oft die Message.“ Dies ist ein Problem besonders bei zeitgenössischer Kunst. „Kunst kann was verändern, wenn man es zulässt. Wenn es nicht die Kunst ist, was sonst?“, findet EL SEROUI. Dem stimme ich zu. „… daher bin ich gern kritisch.“ „Kritik ist durchaus wichtig“, erwidere ich und führe fort: „Was wäre Wien ohne die Wiener Aktionisten?“

#elseroui
fehlgeburt, 30 x 30 cm tusche / Edding auf papier, 2016
glühsalat, 30 x 30 cm tusche / Edding auf papier, 2016
falschgetankt, 30 x 30 cm tusche / Edding auf papier, 2016
© El SEROUI

Im Rahmen des SOHO in Ottakring Festivals 2016 wird EL SEROUIs Installation IN MEMORIAM vom 04-18. Juni ausgestellt sein. Hierbei handelt es sich um eine künstlerische Interpretation von Globalisierung und Gentechnik in der Lebensmittelindustrie. Am 10. Juni wird es zudem eine Podiumsdiskussion im Alten Kino (Liebknechtgasse 32, Sandleiten in Ottakring, 1160 Wien) mit dem Titel „ENTMÜNDIGTE KUNST und ERNÄHRUNGSOUVERÄNITÄT – gegen den Strom. Selbstbestimmtes Lebensmittelsystem oder an der Leine der Konzerne vegetieren“ geben. EL SEROUI diskutiert dann mit Franziska Schrolmberger (AgrarAttac), Ludwig Rumetshofer (ÖBV – Via Campesina Österreich), Philipp Salzmann (FIAN Österreich) und Günther Oberhollenzer (Kurator Kunstmuseum Krems), begleitet von Zita Maria Kral (LIFESPAN) als Moderation.

„Entmündigte Kunst“, frage ich? Karim nickt. Selbstverständlich kann man dies nicht generalisieren, doch der Kunstmarkt hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen. Kuratoren, Sammler, Galeristen, Auktionshäuser geben die Richtung an und prägen somit den Markt. Diese Form von Kontrolle kann innerhalb der Underground-Szene einen entsprechenden Katalysator finden. Ein Beispiel hierfür wäre die Streetart-Bewegung zu nennen.

Kunst muss frei sein!

Please don´t take me away, 50x70 cm, Tusche auf Papier, 2016 © El SEROUI
Please don´t take me away, 50×70 cm, Tusche auf Papier, 2016, © El SEROUI

EL SEROUI ist von keiner Galerie vertreten, er stellt zwar regelmäßig aus, doch hat er noch keine passende gefunden, die seine Ansichten vertritt. „Die Galerien, die den Markt bestimmen, bestimmen auch den Wert des Künstlers. Ich habe aber bereits meinen eigenen Wert.“ Deshalb vermarktet er sich selbst. Er hat seine „Groupies“, die seine geladene und kritische Kunst unterstützen und die Nachfrage steigt stetig.

Karim studierte Architektur an der TU in Graz und Wien, aber seit 2013 widmet er seine Zeit der Kunst. Viele seiner Zeichnungen sind sehr graphisch ausgelegt und stehen somit im Kontrast zu seiner Malerei. Der Architekturzweig, wie auch der Kunst- und Kulturbereich sind schlecht bezahlt. Viele Jobs werden lediglich pro forma ausgeschrieben und intern vermittelt. Diese Bereiche sind vielmehr ein Spiegelbild der Gesellschaft, besonders der elitären Klasse. „Kunst ist für viele nicht mehr leistbar, sie ist einer gewissen elitären Avantgarde überlassen.“

Die erwähnte Ausstellung DARKROOM DEMOKRATIE besuchten auch einige Bauarbeiter, welche die angrenzende Straße sanierten. Sie waren kunstinteressiert und diskutierten mit EL SEROUI über seine Bilder. Sie erzählten ihm, dass sie gern zu Ausstellungen in Galerien und Museen gehen würden, doch sie trauen sich nicht und verstehen oftmals das Gezeigte nicht, sie können sich nur schwer mit abstrakter, zeitgenössischer Kunst identifizieren, da ihnen das Hintergrundwissen fehlt. In der Tat ist die Symbolik vieler Kunstwerke lediglich vom Bildungsbürgertum lesbar. „Selbst ich, als Kunsthistorikerin, hab hier und dort Schwierigkeiten, besonders mit Konzeptkunst“, sage ich. Karim lacht. Seine Kunst ist offen, sie erklärt sich von selbst und lässt sich auch erklären. „Sie ist mehrschichtig aufgebaut und bietet viele Interpretationsmöglichkeiten für den Betrachter. Das ist gewollt“, sagt Karim. Der Künstler verbindet in seiner Arbeit verschiedene Medien, wie Siebdruck,  Öl, Acryl, Tusche, Kohle, Zeitungen. Sein Œuvre wird begleitet von Schriftzügen mit ausdrucksstarken Botschaften.

elseroui_14_panorama_30x03_2015
panorama, 30 x 30 cm tusche / Edding auf papier, 2016, © El SEROUI

Zurück im Studio knüpfen wir an unser Gespräch an. Ich möchte versuchen das Gesagte auf seine Bilder zu übertragen und/oder es darin zu finden. Einerseits ist das meiste offensichtlich, andererseits versteckt EL SEROUI eine gewisse Symbolik, die sich erst nach längerer Betrachtung offenbart. Die Suche danach wird zu einer Schnitzeljagd für den Betrachter.

NEHMEN,145 x 100 cm, Acryl, Kohle auf Leinwand, 2015 © El SEROUI
NEHMEN, 145 x 100 cm, Acryl, Kohle auf Leinwand, 2015, © El SEROUI

„Das Bild NEHMEN hat den Bauarbeitern übrigens sehr gut gefallen.“ Mutter Teresa wurde stets als Heilige repräsentiert, aber sie war vielmehr eine politische Figur. Ihre Schattenseiten sind heute noch vielen unbekannt. „Das Schlimmste ist, dass sehr viele Menschen unter ihrer Hand wissentlich gestorben sind, daher wird sie mit dem roten Lippenstift etwas ironisch dargestellt.“ „Der Hype, der um sie gemacht wird, ähnelt dem der Hollywoodstars“, füge ich hinzu. Der rote Lippenstift erinnert an Andy Warhol´s Marilyn Monroe, doch das Erotische fehlt. Ihre Erotik war wohl die Gier.

Die insgesamt 517 Armen- und Krankenhäuser, die sie aufgebaut hat, waren – Berichten zufolge – Häuser für Sterbende. Von unhygienischen und katastrophalen Zuständen ist die Rede, sie soll zudem den Kranken lebenswichtige Medikamente verweigert haben. Das klingt alles andere als menschlich.1)https://rassloff.wordpress.com/2011/09/11/mutterteresa/
Nehmen statt Geben ist das Motto des Werkes. Ein Teil der großzügigen Spenden ist auf ihre geheimen Privatkonten geflossen. Als sie sogar Spenden von Haitis Diktator Duvalier annahm und kritisiert wurde, verhalf ihr der Vatikan durch eine weltweite PR-Kampagne wieder eine weiße Weste zu bekommen. Wer heute nun Zugriff auf diese Konten hat?, wundere ich mich. Mit den Millionenbeträgen hätte den Menschen geholfen werden können, doch sie spendete kein weltliches Gut, sondern lediglich Gebete zur Linderung des Leides.

1997 ist sie gestorben, diese Zahl findet sich auf EL SEROUI´s Bild wieder. Texte wie „A star is born“ oder „Ich bin eine Heilige, ich liebe Geld und Ruhm, tue Gutes, ich bin die Beste“ untermauern die Darstellung. „Ironisch halt“, sagt Karim trocken. Ich muss schmunzeln. Er deutet auf das Bild und sagt: „Die Zahl 2214 steht für eine Ordensschwester, die … sozusagen ausgepackt hat.“ Sogar einen verschwundenen Spendenschein mit der Ziffer 13.000,- konnte Karim ausfindig machen und fügte diesen im Bild ein. Die Recherche ist wohl Teil seines Œuvres, denke ich mir. Er konfrontiert den Betrachter mit Fakten – sein Statement ist das Bild.

BANK, 50 x 70 cm, Tusche auf Papier, 2016 © El SEROUI
BANK, 50 x 70 cm, Tusche auf Papier, 2016
© El SEROUI

Er zeigt mir ein paar Zeichnungen. „Solche sind derzeit im Looshaus ausgestellt. Sie sind aus dem Zyklus Arbeit zum Thema Kapitalismus“, sagt er. Unter dem Motto HOGALLERY GOES LOOSHAUS findet in Wien vom 12-15.06.2016 die Gruppenausstellung NEW BEGINNING statt. EL SEROUI verweist zudem auf einige weitere, aber noch unfertige Arbeiten. Einige davon thematisieren Genmanipulation und vor allem die Machenschaften des Unternehmens MONSANTO, allerdings möchte er den Namen nicht im Werk nennen, sondern lediglich darauf hindeuten. „Die haben doch erst kürzlich ein Patent auf Brokkoli angemeldet, oder nicht?“, frage ich. Karim stimmt zu. „Es ist eigentlich ein Verbrechen an sich, dass das Europäische Patentamt so etwas überhaupt zugelassen hat. Weitere ähnliche Hunderte Patentanfragen stehen schon in der Warteschleife. Wir, unsere Kinder und Enkelkinder werden dafür nicht nur finanziell, sondern auch mit unserer Gesundheit sehr teuer bezahlen.“ „Wie kann man denn die Natur rechtlich vereinnehmen und daran verdienen?“, führe ich fort. Daraufhin sagt er mit einem kühlen Blick: „Solange es die Politik zulässt, ist dies durchaus möglich.“

Soll ich dir noch etwas zeigen?

Ich nicke. „Das folgende Bild heißt Virtuoser Argumentationsfick“, sagt er ganz gelassen. Ich unterbreche und frage: „Ernsthaft?“ – „Ja“. Er sagt es noch mal ganz langsam. Ich grinse mit einem breiten, leicht verwirrten Lächeln.

Virtuoser Argumentationsfick, 160 x 135 cm, Siebdruck, Acryl, Kohle auf Leinwand, 2016 © El SEROUI
Virtuoser Argumentationsfick, 160 x 135 cm, Siebdruck, Acryl, Kohle auf Leinwand, 2016
© El SEROUI

Dieses Bild steht im direkten Kontext zu den aktuellen Bundespräsidentschaftswahlen und zum politischen Zeitgeschehen in Österreich und Europa. Dargestellt ist eine Persönlichkeit der österreichischen Politik mit weißem Hemd als reiner Weste und auch mit rotem Lippenstift. Er hat lange Haare und trägt einen Zopf. An diesem ist eine Kugel mit Kreuz, welche die Obrigkeit repräsentiert, befestigt. Der Text „Ich vertrete das Volk, ich bin Diener der Obrigkeit und trage jetzt einen Zopf. Ich bin cool.“ ist deutlich erkennbar. Diese Person fördert zwar die Kunst in Niederösterreich, doch sie ist ebenso bekannt für seine Vetternwirtschaft. Die Kaiserkrone, die er höchstwahrscheinlich gern tragen würde, steht symbolisch für seine Ziele und traditionelle Sicht der Dinge. Rechts davon sind auf einem Balken viele kleine Menschen dargestellt, die in die Kaiserkrone hineinfallen. Man könnte es so interpretieren, dass sie auf ihn reinfallen, denke ich kurz. Seine linke Hand, die er emporhebt, erinnert an eine diktatorische Bewegung aus dem vergangenen Jahrhundert. Diese ist allerdings abgehakt und hält eine Weltkugel, welche die aktuelle Flüchtlingskrise und somit das Kriegsgeschehen symbolisiert. „Er wollte nämlich Flüchtlinge aus der Mindestsicherung ausschliessen und diese auf eine Grundversorgung von 320 € reduzieren“, klärt EL SEROUI mich auf. Die gelbe Handtasche trägt genau diese Ziffer. Ein weiterer Text mit „Ich kann auch von 320 € leben“ soll dies in Frage stellen. Dass dieser Vorschlag undurchführbar ist (denn wer soll mit 320 € heutzutage schon auskommen?), betont Karim mit dem Wortlaut: „Ich geize mit Verstand.“ „Halts Maul“, „Ekelhaft“ oder „Widerlich“ sind als weitere Schriftzüge erkennbar und Teil des künstlerischen Ausdrucks.

Wie bist du auf die Porträts gekommen?

„Sie sind Hampelmänner der Lobbyisten und Konzerne.“ „Ich kenne keinen Politiker, mit dem ich mich identifizieren würde, denn José Alberto Mujica Cordano aka El Pepe ist ja seit 2015 nicht mehr im Amt“, ergänze ich.

Business As Usual,100 x 140 cm, Acryl, Kohle auf Leinwand, 2015 © El SEROUI
Business As Usual,100 x 140 cm, Acryl, Kohle auf Leinwand, 2015, © El SEROUI

Das nächste Bild thematisiert die Waffenindustrie als „Business as usual“, selbstverständlicherweise unterstützt „durch Politiker der Länder, die im Namen der Freiheit Krieg führen.“ Auch ein fragwürdiger Friedensnobelträger bleibt in EL SEROUI´s Kunst nicht verschont. Mit seiner linken Hand hält er am rechten Bildrand eine Art Fleischwolf als Money Machine. Die Menschen, die hineingehen, werden zu Staub – eine Metapher einerseits für die kostbare Zeit, die der Mensch hat und durch Überstunden oder Zweitjobs vergeudet, andererseits für das Leben, das sie als Soldaten in diesem strategischen Spiel lassen. „Das Abfallprodukt ist der Mensch“, meint Karim. Auf der Abbildung (s.o.) ist die Schrift nicht sichtbar, doch der Künstler hat auch hier Texte eingefügt, sowohl „support the ruling elite“, als auch „support the bank“. Das kleine Wort „Hope“, welches die Zuversicht und Erwartung, die man ihm anfänglich zugesprochen hatte, repräsentiert, steht dazu im starken Kontrast.

lass sie tanzen 2016 101 x 69 cm acryl kohle auf leinwand
lass sie tanzen, 101 x 69 cm acryl kohle auf leinwand, 2016, © El SEROUI

„Das folgende Bild heißt Lasse sie tanzen“, erzählt Karim. Die Person ist als Baumeister dargestellt. „Seine Aufgabe ist es nicht die Interessen des Volkes zu vertreten, sondern jene des Establishments, also der Großkonzerne, des militärisch-industriellen Komplexes, der Waffenindustrie und der Hochfinanz, sprich Wallstreet, ergo die Großbanken“, betont Karim. Eine Originalzeitung vom 7. Dezember 1945 ist im Bild eingebaut. „Erstaunlicherweise werden hier die gleichen Inhalte, wie Wiener Arbeitsplätze, Ausländer, usw. thematisiert – ebenso wie heute.“ Im unteren Bereich des Bildes ist ein Fisch dargestellt, der von einem Größeren gefressen wird. Die Wortfelder „Krieg ist mein Gott“, „Neues Österreich“, „Welcome NSA“ und „Schöne Bilder“ betonen die Kernpolitik. Obwohl die Figur große Ohren hat, „will er die Wahrheit nicht hören, denn er tut genau das Gegenteil.“ Dem stimme ich zu. Kriege schaffen durch Zerstörung nur mehr Elend und mehr Heimatlose, also mehr Flüchtlinge. Dies kann durch neue Waffenexporte nicht gestoppt werden. „Und genau das thematisiert das Bild“, sagt EL SEROUI. Der Titel Lasse sie tanzen ist eigentlich eine sehr Comic-hafte Vorstellung, denke ich mir. „Deine Bilder  sind sehr geladen“, stelle ich fest.

Am Fenster, 160 x 120 cm, Acryl, Kohle auf Leinwand, 2012 © El SEROUI
Am Fenster, 160 x 120 cm, Acryl, Kohle auf Leinwand, 2012, © El SEROUI

Auf dem älteren Werk Am Fenster ist ein Mann/eine Frau oder Transgender dargestellt. Mit der Hand macht er/sie möglicherweise eine obszöne Bewegung oder auch nicht. Die Person steht am Fenster und schaut hinaus in die Außenwelt, versteckt sich aber hinter dem schwarzen Balken. Das Bild beinhaltet die Frage der Identitätsfindung. Drinnen ist sie geschützt, sie ist für sich. Das drinnen kann als das seelische Befinden gedeutet werden. Hier findet der Zweispalt mit dem Ich statt: wer/was bin ich? was repräsentiere ich? was soll von mir gesehen werden? Das wahre Ich bleibt allerdings in diesem Raum versteckt, da es sich nicht traut hinaus zu gehen.

 

Kunst ist mir wichtig, sie ist mein Leben.

EL SEROUI ist ein Künstler, der weiß wohin er will und was er bereit ist dafür zu geben. Er weiß, was ihm wichtig ist. Dazu gehören kulturelle und soziale Aktivitäten, gutes Essen, sowie formale Ästhetik, also schöne Dinge. Kleidung, Möbel und Materialien kauft er lieber Secondhand ein. „Ich bin schon ein Sammler und Jäger“, lacht er. Auf der einen Seite ist dies nachhaltig, auf der anderen Seite auch sehr günstig. Als bescheiden würde er sich nicht bezeichnen, vielmehr als bewusst lebend. Er legt viel Wert auf sein Äußeres, schönes Wohnen und Ordnung zum Arbeiten. Das Atelier räumt er zwar auf, „aber das hält nicht lange.“ Kreatives Arbeiten kann und muss hin und wieder auch ein Chaos verursachen. Ich frage ihn, wie man die Welt verändern kann…

Er schaut nachdenklich zum Fenster. „Ich hab alles“, sage ich. „Du hast alles? Bist du sicher?“

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Fußnoten   [ + ]

1.https://rassloff.wordpress.com/2011/09/11/mutterteresa/