Kaffee mit… Irene Wölfl

Titel von links nach rechts:
„Red 0216“ - 2016, Verpackungs- und Abfallmaterialien aus Papier und Kunststoff, 30 x 30 cm
„Megacity 0316“ - 2016, Verpackungs- und Abfallmaterialien aus Kunststoff, 30 x 30 cm
„Blue 0416“ - 2016, Abfallmaterialien aus Papier und Kunststoff, 30 x 30 cm
„Zeichnung 0116“ - 2016, Verpackungs- und Abfallmaterialien aus Kunststoff, 30 x 30 cm

In der Galerie zs art findet augenblicklich die internationale Gruppenausstellung 30 x 30 x 30 statt. Insgesamt dreißig Künstler haben sich mit dem quadratischen Kleinformat 30 x 30 cm beschäftigt. Und ich treffe hier heute die Künstlerin Irene Wölfl, die sich mit TrashArt – wie es die Galerie nennt – auseinandersetzt.

 

Zandvoort 2008, Plastiksackerln 40 x 80 cm
Zandvoort
2008, Plastiksackerln
40 x 80 cm

Sie ist oben im Büro und wird gerufen. Ich höre schon ihre Schritte die Stiegen hinunterlaufen. Sie begrüßt mich lächelnd und zeigt mir sofort die Bilder der Ausstellung. Kurz darauf gehen wir ins Büro, wo sich recht viele ihrer Werke befinden. Irene möchte mir anhand ihrer Bilder ihre Entwicklung darstellen, denn dies ist ein „schleichender Prozess“, sagt sie. Zunächst zeigt sie mir ihre Anfänge – Werke, die ca. 2007/08 entstanden sind. Hier erkennt man noch die Gleichmäßigkeit, die symmetrische Ordnung, die durchdachte Struktur. Sehr genau hat sie damals die Bänder aus Plastiksackerln abgemessen und zu einer Einheit gewebt. Die „Loslösung der Struktur“ ist ungefähr ab 2010 zu datieren. Ab diesem Zeitpunkt wird sie freier und unterwirft sich dem Raster nicht mehr, sie traut sich mehr. Die Webart verändert sich, sie überspringt hier und da ein Feld oder fügt Diagonalen ein und die Breite der Plastikbänder wird ungenau. Irene entfernt sich langsam von der Symmetrie.

Ungefähr ab 2013 kann man ihren nächsten Schritt stilistisch einordnen. Sie löst sich von der Zweidimensionalität und fügt weitere Materialien hinzu.

Zweitausender, 2013, Plasticksackerl, Plane, 60x60 cm
Zweitausender, 2013,
Plasticksackerl, Plane
60×60 cm

An ihrem Bild Zweitausender (rechts) kann man diesen Prozess in Richtung Dreidimensionalität sehr gut erkennen.

Ich frage Irene nach den Techniken, also wie sie die Plasticksackerl und Planen befestigt. Sie antwortet schmunzelnd, dass sie auf den Kleber nicht vertraut, daher bestehen die Bilder „aus mehreren Schichten verwebten und vernähten Abfallmaterialien“, denn das hält besser und länger.

Ich bin ein Sicherheitsfanatiker!

Dann erzählt sie, dass die ersten Bilder ausschließlich aus Plasticksackerln gefertigt wurden, doch einen Tages musste Irene feststellen, dass dieses Material irgendwann zum bröseln anfing, deshalb stieg sie auf Planen um. Doch eigentlich verwendet sie alles mögliche, was sie findet, z.B. auch Baustellenmaterial.

Fietspad, 2013, 100x100 cm, Planen, Papier, Plastikfolien, Fahrradschläuche, Jute © Galerie zs art
Fietspad, 2013,
100×100 cm, Planen, Papier, Plastikfolien,
Fahrradschläuche, Jute
© Galerie zs art

Ich schaue offensichtlich etwas verdutzt, also verweist sie, um die kurze Stille zu überbrücken, auf das folgende Werk Fietspad (dt. Fahrradweg). Hier hat sie viele verschiedene Materialen eingebaut (siehe links).

Dieses Bild hat auch eine Geschichte, erklärt sie mir dann. Sie deutet auf das blaue Band. Dieses „Securityband“, das im Reifen zwischen Schlauch und Mantel befestigt wird, ist aus dem persönlichen Fahrrad der Künstlerin. Irene besitzt kein Auto, sie lebt sehr umweltbewusst.

Was für ein Fahrrad hast du denn?

„Egentlich habe ich drei“, sagt sie zufrieden. Ihr Puch „ich glaube Superspirit Damenfahrrad“, fügt sie hinzu, aus den 70ern steht draußen und ich werd es später begutachten können.

Als wir wieder über die verwendeten Materialen sprechen, zeigt sie auf ein Bild mit dem Titel Zeichnung 0516 (2016). Hier hat sie beispielsweise einen Duschvorhang eingearbeitet. Ich wundere mich über den Titel. „Da bin ich nicht mehr so innovativ“, sagt sie. „Es geht mir momentan mehr um das Bild, nicht um den Titel als Botschaft.“

Wie bist du auf die Idee gekommen sozusagen Müll zu verarbeiten?

Insel der Seligen, 2010, 60x60 cm © Irene Wölfl
Insel der Seligen, 2010,
60×60 cm
© Irene Wölfl

„Wie bin ich drauf gekommen? Gute Frage…“ Dann erzählt sie mir, dass die Ursprünge eigentlich auf das Jahr 2003 zurückzuführen sind. Sie machte zunächst Handtaschen, die sie mir später zeigen möchte. Die Idee daraus wirklich Kunst zu machen, hat sich aber in den Jahren entwickelt. „Ich glaube, das hat man sowieso in sich oder nicht.“

Wie kreativ Irene wirklich ist, erkenne ich am folgenden Bild Insel der Seligen. Hier hat sie das Thema Schrebergärten, nach dem Motto „Heile Weilt oder ich koppel mich ab“ verarbeitet. Der Physalisplastikbehälter behaust einen Zwerg mit Wiese. „Österreichische kleingeistige Seele“, sagt sie lachend. Ich muss auch lachen, die Idee gefällt mir sehr gut.

Komfortzone, Mariahilf, 2015, 55x40 cm, SToff, Abfallmaterialien und Fundstücke aus Papier und Kunststoff
Komfortzone, Mariahilf, 2015,
55×40 cm, SToff, Abfallmaterialien
und Fundstücke aus Papier und Kunststoff

Sie zeigt mir ein Projekt, das 2015 ausgestellt wurde. Pro Wiener Gemeindebezirk fertigte sie ein Bild an. Die unterschiedlichen Größen spiegeln den Fahrradweganteil auf die jeweiligen Bezirke bezogen. Sie deutet auf ihr Werk Komfortzone, was sie sogar selbst bestickt hat. „Meine Wohnung liegt im Sechsten, daher Komfortzone.“

Die Zahl 6, in der Mitte des unteren Bildrands ersichtlich, ist eine Karte, die sie mal zufällig im 6. Bezirk gefunden hat. Das Zitat darüber „Warum Lucheni“ ist aus dem Elisabeth-Musical. Hierbei handelt es sich sogar um ihr Lieblingsmusical, verrät sie mir. Die Fahrradstreifen um das Zitat herum hat sie selbst hinzugefügt.

Sie zeigt mir das Bild zum 10. Gemeindebezirk. Ein Metallstück mit starker Patina, welches an die Ankerbrotfabrik erinnert, wurde beispielsweise eingearbeitet. Die Hinweise im Bild des 12. Bezirks muss man erst suchen – das Alberts Bücherlager oder das X Werk sind zu finden, verrät sie dann lachend.

Kurz darauf verlassen wir die Galerie, um zu Irenes Wohnung zu gehen. Dort hat sie nämlich auch ihr Atelier, welches sie mir unbedingt zeigen möchte. Sie geht zu ihrem Fahrrad und ich lache laut auf: „Darf ich ein Foto davon machen?“

Kaffe mit Irene (7)

Während wir spazieren, berichtet sie von ihren Plänen für dieses Jahr. Eine Ausstellung wird in Barcelona folgen. Da sie aus ökologischen und persönlichen Gründen niemals per Flugzeug reist, wird sie mit dem Zug über Mailand und Genua hingelangen.
Wir kommen an und gehen in den Innenhof. Irene bringt ihr Rad in den Kellerraum. Als sie wiederkommt, sagt sie:

Weißt du was mir noch eingefallen ist? Klopapier muss ich noch kaufen…

Wir gehen gemeinsam in den Supermarkt vis-à-vis und führen unseren Smalltalk weiter. Als wir die Dachgeschosswohnung betreten, bin ich vom kreativen und farbenfrohen Interieur schwer begeistert.

Kaffee-mit...-Irene-Wölfl 20

Sie bietet mir Muffins an. „Sie sind grad ein paar Stunden alt“, fügt sie hinzu. Diese hat sie noch zu Mittag schnell gemacht. Es stellt sich nun die Frage: Kaffee oder Sekt… Wir schauen uns an. Irene wirkt irgendwie erleichtert, als ich mit „Sekt“ antworte. Wir setzen uns auf das Sofa im Wohnzimmer und unterhalten uns weiter. In der Galerie hat sie mir bereits die Preise genannt. Die kleinformatigen Werke kosten ca. 300 €, die 30×30 cm sind bei 730 € angesetzt und die Großen (1×1 m) liegen bei ca. 3000 €.

Ich will keine Phantasiepreise verlangen…

Wie viel denn genug sei, möchte ich wissen. „Genug ist, wenn ich ohne großen Luxus gut leben kann“, sagt sie. Genüsslich essen und trinken ist ihr wichtig, so wie Freunde und soziale Kontakte. Genau so schätze ich sie auch ein – als eine lebensfrohe, offene und natürliche Person.

Wir gehen in das Atelier. Sie hat es auch extra aufgeräumt, gesteht sie. Auf ihrem Blog hat sie aber ein paar Bilder der üblichen Unordnung gepostet. Irgendwie fühle ich mich geehrt. Selbst gemachte Muffins, Sekt und ein aufgeräumtes Atelier…

Irene zeigt mir die Materialien aus einer Baustellenkiste. Sie sammelt alles, was sie findet, teilweise ganz kleine Schnipsel. Daher ist das Arbeiten zunächst mit einem „Suchprozess“ à la „Ahhh, da war doch was!“ verbunden. Sie sortiert regelmäßig aus und um, sodass sie einen Überblick erhält.
Im Augenblick experimentiert sie mit Stick- und Nähtechniken. Vor allem in den letzten Arbeiten hat sie viel genäht, aber „da bin ich noch bissl am überlegen.“ Die Stickereien hingegen sind hauptsächlich „Experimente, wo ich nicht weiß, wohin sie hinführen und ob sie irgendwo hinführen.“ Anschließend zeigt sie mir im abgetrennten Schlafzimmerbereich ihre Stoffsammlung und ihren – nennen wir es mal – Hobbyraum. „Ich schätze ungefähr, dass das gleiche Volumen, das ich an Abfallmaterial habe, habe ich auch an Stoffen.“

Kaffee-mit...-Irene-Wölfl 22

Manchmal entwerfe ich Just-for-Fun-Stoffmuster, weil Kunst ist nicht nur manuell ein Bild machen.

Kunst ist auch das Nachdenken darüber.

Die Handtaschen sind teilweise aus Reststoffen, teilweise aus selbst entworfenen Designs. Am unteren Bildrand (Bild oben) ist ein Stoffmuster mit Schrift zu sehen – dies ist die Handschrift ihrer Großmutter, erklärt sie mir dann. „Das sind so Entspannungsübungen zwischendurch, denn die Kunst erfordert einen Denkprozess, man muss sich Botschaften überlegen, die man vermitteln möchte.“

Die Affinität zu „Stoffen, Stoffmustern und solchen Dingen“ ist ihr nach ihrem Abschluss der Landesfachschule für Textilindustrie einfach geblieben. 1989 folgte ein weiterer Abschluss der Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt in Wien. Seitdem arbeitet sie als Grafikerin.

In ihrem Schlafzimmer/Hobbyraum hängen ein paar kleinformatige Werke. Sie holt aus einer Schublade ein Diptychon heraus. „Ich glaube, es wird Gefahr heißen.“

Mit diesem Werk thematisiert sie die Flüchtlingskrise. Die aggressive, rote Hintergrundfarbe wird das durchgestrichene Wort Gefahr kontrastiert, denn „so gefährlich ist die Lage auch nicht, man muss nicht gleich übertreiben.“ Fragile! darunter verweist auf das sensible Thema, worüber sich niemand in der Bevölkerung wirklich zu sprechen traut. Der zweite Teil des Diptychons ist mit einem Art „Zaun“ gekleidet und steht für das Abschotten Europas, das Grenzen und Zäune bauen, eine Festung schaffen.

Das oberste Bild auf der Wand (Bild rechts) steht für die Neutralität der Schweiz. Die kleinformatigen Bilder darunter behandeln die Überfahrt der geflüchteten Menschen. Irene verweist auf die unteren drei Bilder auf der linken Seite. Das unterste heißt Behind, das darüber heißt Überfahrt und dann kommt Lost Dreams. Diese sind 2016 entstanden. Besonders die Titel regen zum Nachdenken an. Wenn man sich die Bilder anschaut, sind sie formal schön. Wenn man aber den dazugehörigen Titel erfährt, weiß man eigentlich sofort worum es geht. Überfahrt z.B. zeigt ein Segelschiff auf dem offenen Meer. Der rötliche Schatten darunter symbolisiert das vergossene Blut all jener, die auf dem Weg in ein friedvolles Europa umgekommen sind. Das sind recht harte Brocken, denke ich mir.

Diese Bilder macht man, weil man diese Themen als Künstler ausdrücken muss.

Ja, gewisse Sachen müssen einfach mal raus…

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