Kaffee mit… karolineMARIA

Casa Particular | Brasilien | 2012 | 30x45 | C-Print
© karolineMARIA

Es ist Frühling! Alex schrieb mir heute Mittag schon: „April, 15 Grad auch grad gefunden.“ Ich freue mich, denn so kann der Tag beginnen. Außerdem treffe ich jetzt gleich Karoline Maria Schuster im Espresso, 1070. Sie ist Fotografin: karolineMARIA. Sie wartet ganz hinten im letzten Eck auf mich.

Wie gehts dir?

„Gut“, sagt sie lachend. Und schon fangen wir an zu quatschen. Sie hat einen frisch entwickelten Film in ihrer Tasche, berichtet sie mir. Ihr Freund durfte mitknipsen. Ihre sehen sicherlich besser aus, so wie ich ihr Œuvre kenne, denke ich mir. Sie zeigt mir auch seine Bilder und ich hatte recht. Karo hat ein sympathisches Lächeln, denn sie lächelt mit den Augen. Ich möchte sie näher kennenlernen, also frage ich sie etwas ungewöhnliches und allgemeines:

Was schaust du dir gerne an?

„Ich beobachte gerne.“ Ihr gefallen Menschen und vor allem wie sie interagieren. Die „Mimik – Gesichter lesen“, sagt sie ganz trocken. Apropos trocken… Für einen Kaffee ist es schon ein wenig zu spät, wir gönnen uns also einen Spritzer. Demnächst kann ich die Kolumne umbenennen… Ohje…

Wellen | Ipanema | 2015 © karolineMARIA
Wellen | Ipanema | 2015
© karolineMARIA

Auf den ersten Blick fällt mir auf, dass Karos Fotografien eine besondere, sehr intime Atmosphäre ausstrahlen. Egal ob ein simples Stillleben, welches das angenehme Licht einer altmodischen Tischlampe abbildet, oder auf – sozusagen – Urlaubsfotos, welche Menschen am Strand zeigen.

Machst du auch Portraitbilder?

„Das ist so ein Ding, ich fotografiere nicht gern Menschen, obwohl ich sie gerne beobachte.“ Sie möchte die Privatpersonen nicht stören, da dies doch etwas persönliches ist. Wenn sie Menschen festhält, sind es meistens Freunde

„Da tue ich mir schwer.“

Spiegel | Wien | 2014
© karolineMARIA

Karo hat einen Blick für außergewöhnliche Details. Bei diesem Bild spiegelt sich eine Häuserfront in einer Straßenpfütze. Die Perspektive, das in einander verlaufen, zwei Ebenen quasi gemeinsam legen, finde ich besonders spannend. Sie nimmt mich mit auf eine Reise in ihre Welt. Ich fühle mich wie ein Voyeur, denn ihre Fotografien sind sehr schön – zu schön für den ersten Blick. Dieser Gedanke führt mich gleich zu meiner nächsten Frage:

Sind die Bilder bearbeitet?

„Nein, maximal beschnitten.“ Sie zeigt mir lediglich Scans ihrer Analogfotografien. „Ich bilde das ab, was ich sehe. So, wie es gerade ist, ganz ohne Verfremdung“, fügt sie hinzu. Nach dem Motto: Fotografie ist das Abbild der Wirklichkeit. Dem stimme ich zu, doch mit dem Hintergedanken, dass der Fotograf auch ein Künstler dieser Wirklichkeit ist und in ihren Bildern zeigt sie mir ihre Wirklichkeit.

Christus | schwarz/weiß | Rio | 2014 (links) Christus | Farbe | Rio | 2014 (rechts) © karolineMARIA
Christus | schwarz/weiß | Rio | 2014 (links)
Christus | Farbe | Rio | 2014 (rechts)
© karolineMARIA

Besonders auffällig sind die ungewöhnlichen Perspektiven, mit denen sie spielt. Durch die Lichtbegebenheiten erzeugt sie einen natürlichen Kontrast. Dies erkennt man sehr gut an dem Bild der Christusstatue in Rio, 2014. Von dem Motiv war sie so begeistert, dass sie schnell einen Farbfilm einlegte und dieses erneut fotografierte. Allerdings war sie mit dem ersten Bild zufrieden und dies bestätigt damit ihre Vorgehensweise.

Das Bild Hund mit Schuh gefällt mir besonders gut. Lediglich der Hund ist als Ganzkörperfigur abgebildet, was dem Betrachter verrät, dass es hierbei um den Hauptakteur des Bildes handelt. Er wird von der Frau, die vom oberen Bildrand abgeschnitten ist, an der Leine geführt. Er trägt lustigerweise Schuhe. Die Komposition vermittelt eine Unmittelbarkeit, als wäre man direkt vor Ort und würde ins Geschehen eingebunden werden.

Hund mit Schuh | Rio | 2014 © karolineMARIA
Hund mit Schuh | Rio | 2014
© karolineMARIA

„Details sind mir wichtig,

Bildwinkel sind mir wichtig.“

Im Zuge ihrer ersten Ausstellung ORAKELarmiina, 10.02-14.02.2016, im Ausstellungsraum, Gumpendorferstraße 23, 1060 Wien, kuratiert von Ariane Tepas, wurde ein besonders wichtiger Aspekt deutlich: Karo macht nur ein Bild vom Motiv, d.h. sie knipst nicht fünf, zehn oder hundert Mal das gleiche Motiv ab, sondern lediglich ein einziges Mal. Somit ist jede Fotografie einzigartig und ein eigenständiges, künstlerisches Objekt.

„Es passt genau ein Mal!“

„…dann nicht mehr. Nicht wie bei Digitalfotografie.“ Das ist genau das, was sie ausmacht. Ich frage mich, ob ihr jedes Bild auf der Suche nach der perfekten Komposition, den richtigen Blickwinkel gelingt. „Nicht immer, ich bin da sehr selbstkritisch“, gibt Karo zu.

„Bis ich mal sage,
dass mir etwas gefällt, das dauert.“

#karolineMaria2
Hahn | Kuba | 2012 (links)
Schildkröte | Rio | 2015 (rechts)
© karolineMARIA

Oft ergänzen sich Motive in ihrem Werk erst durch ein paar Jahre Zeit. So fotografierte sie beispielsweise einen Hahn auf Kuba im Jahre 2012, das Pendant dazu, eine Schildkröte, in Brasilien 2014/5. Ich finde es ausgefallen und gleichzeitig originell, dass Motive im Laufe ihres Schaffens zueinander finden – das ist wie eine Suche nach sich selbst.

Manchmal spielt sie mit dem Kontrast oder mit der Schärfe und verlegt so bewusst den Blick des Betrachters in den Vor- oder Hintergrund. Obwohl sie eigentlich „einen Rahmen für den Hintergrund haben“ wollte. Wenn sie es sagt, dann klingt das so simple. Die Komposition so hinzubekommen ist aber nicht leicht.

Abschied | Barcelona | 2014 | 75x50 | C-Print © karolineMARIA
Abschied | Barcelona | 2014 | 75×50 | C-Print
© karolineMARIA

Das Bild Abschied wurde in der Ausstellung ORAKELarmiina gezeigt. Und wieder bestätigt Karo, dass es nur dieses eine Foto gibt, sonst keinen weiteren Versuch. Trotzdem hat sie genau diesen Moment abgewartet bis es für sie gepasst hat und glücklicherweise hat sie den fliegenden Vogel am oberen, rechten Bildrand eingefangen. Dieser Standpunkt mit dem Blick nach oben hat schon fast etwas Romantisches.

Aufgrund dieser Atmosphäre, die sie darstellt, ist ihr Werk sehr emotional. Ob sie auch bei ihrer ersten Ausstellung berührt oder aufgeregt war?

„Ja, aufgeregt, spannend, überfordert…“

karolineMARIA bei der Vernissage © karolineMARIA
karolineMARIA bei der Vernissage
© karolineMARIA

Ihre größte Sorge war, wie wohl ihre Arbeit auf fremde Menschen wirkt. Sie war schon ein wenig nervös. Die Fotografieren wurden produziert, also vom Negativ vergrößert, „weil ich den analogen Prozess fortführen wollte.“ Das auf eigene Kosten zu organisieren war nicht leicht, aber jeder Anfang ist schwer. Es braucht viel Mut!

Auf der Vernissage war sie viel „in action, zu eingebunden“, aber Karo war 90% der Ausstellungsdauer direkt vor Ort und bekam tolles feedback von den Besuchern.

Wie kamen deine Bilder an?

Künstlerin karolineMARIA
und Kuratorin Ariane Tepas
© karolineMARIA

„Die Bilder wurden ziemlich genau angeschaut, was eine Wertschätzung dessen ist“, antwortet Karo. Sie fügt hinzu, dass sie keine künstlerische Ausbildung besitzt, aber ihre Arbeiten aufgrund der Bildkompositionen von den Künstlerkollegen gelobt wurden. Sie möchte sich daran nicht messen, so wirkt es auf mich. Für sie kam dieses Lob eher überraschend, verrät ihr freudiger Blick. Ein weiteres Lob bekam sie von einem älteren Ehepaar, das ihren Sohn sofort zur Besichtigung herbeirief: „Du musst dir das unbedingt ansehen!“

Ariane, die Kuratorin der Ausstellung, kommt hinzu und nimmt am Gespräch teil. Ich freue mich auf die gesellige Mädelsrunde und wir bestellen gemeinsam noch einen Spritzer.

Seitdem sich Karo mit Fotografie beschäftigt, also seit ca. 2010, hat sie ungefähr 3500 Fotos gemacht. „Das sind ungefähr 500 Bilder pro Jahr. Ich mache mehr Fotos in einem Urlaub als du in einem Jahr“, wundere ich mich. Sie lächelt.

Karo beschäftigt sich hauptsächlich damit „wie es (das Fotografieren) geht.“ Sie wälzte zahlreiche technische Bücher, um sich das Fotografieren selbst anzueignen, um den Prozess des Fotografierens zu verstehen. Diese waren lediglich eine Art Anleitung, um ihre Welt, ihre Perspektive, Blickwinkel und Sicht festzuhalten.

Selbstportrait | Istanbul | 2015 © karolineMARIA
Selbstportrait | Istanbul | 2015
© karolineMARIA

Ich frage Ariane, wie sie die Ausstellung empfunden hat. „Karo hat ein Riesentalent, sie hat einen Esprit in ihrem Werk, das ist sozusagen eine Handschrift bei ihr. Das ist ein Wiedererkennungswert und das macht einen Künstler aus.“ Besser hätte ich es auch nicht zusammenfassen können, stimme ich zu.

Ausstellungsvorbereitungen | Auswahl der Bilder | Arbeitsprozess
© karolineMARIA

Die Organisation wurde „recht hoch“ angesetzt: vom Logo, über die Texte, bis hin zur Auswahl und Produktion der Bilder. „Zwischen Kunst und Marketing muss differenziert werden“, sagt Ariane, aber beides wurde offensichtlich hochprofessionell ausgeführt. „Die Preise wurden entsprechend angepasst.“ Obwohl die Produktionskosten recht hoch waren, wurden die Preise niedrig angesetzt. Die Fotografien können ohne Rahmung um € 130-290,- gekauft werden. Lediglich das Großformat Hermine liegt bei € 750,- (120×180 cm mit Museumsrahmen). Im Augenblick stehen nur die Ausstellungsbilder zum Verkauf.

Armiina | Wien | 2014 | 80x120 | C-Print © karolineMARIA
Armiina | Wien | 2014 | 80×120 | C-Print
© karolineMARIA

Analog ist für Karo ein Qualitätsmerkmal, somit werden alle Bilder nur analog angeboten. Künftig soll die Rahmung auf Wunsch gesondert bestellt werden können, „denn das Bild steht im Vordergrund, nicht der Rahmen“, sagt die Künstlerin. Diesen kann sich dann jeder selbst aussuchen. Pro Motiv und Größe sind die Bilder auf elf Stück limitiert. Warum elf, möchte ich wissen.

„Weil zehn meine Zahl ist und im besten Fall werden zehn verkauft und
eines gehört dann mir – das Künstlerbild.“

Gut durchdacht! Karo ist aber auch am 10. Januar geboren. „10 + 01 = 11 – zehn, meine Lieblingszahl, plus meins“, rechnet sie mir vor. Ich finde es sehr spannend, dass sogar bei der Limitierung der Bilder etwas persönliches von der Künstlerin dabei ist – ihre Lieblingszahl. Für Großformate überlegt sie diese Begrenzung aufzuheben. „Vielleicht drei oder fünf“, aber das wird sie noch sehen. Eine andere Überlegung wäre, evtl. Motive zur Verwendung zu verkaufen. Diese Entscheidung bleibt vorerst offen.

„Ich möchte keine Massenkunst machen…“

Rückseite mit Zertifikat
© karolineMARIA

„…Ich lebe nicht von meiner Kunst, aber ich möchte auch diesen Druck nicht haben von meiner Kunst leben zu müssen“, sagt Karo entschlossen. „Auch wenn ich dich als Künstlerin sehe“, wirft Ariane ein. Während ich mir Notizen mache, diskutieren die beiden weiter und beginnen ein Gespräch über ihre Kamera.

 

„Ich führe sie nicht konstant mit.“

Karo nimmt ihre Kamera nicht immer mit, sie muss sich wohl fühlen, in Stimmung sein, sonst befürchtet sie diesen Ausdruck und diese Atmosphäre nicht erreichen zu können. Ihr künstlerischer Ausdruck ist von ihrer Tagesverfassung abhängig, sie möchte keine Stimmung erzeugen, sondern eine festhalten, daher fotografiert sie teilweise wochenlang nicht.

„Ich möchte nichts verändern.“

Das macht ihre Kunst zu etwas persönlichem. „Es ist ein intimer Blick“, ergänzt Ariane. Karo bestätigt unsere Gedanken mit einem schüchternen Lächeln.

Sie zeigt mir noch weitere Fotos. Keines der Motive wiederholt sich, jedes Foto ist ein eigenständiges Bild oder Kunstwerk, wiederhole ich mich… „Ist das dein Sinn? Aus einem Moment ein Kunstwerk schaffen? Ist das deine Aufgabe?“ Ich fürchte, ich überfordere sie nicht mit meinen Fragen, da antwortet sie:

„Ich habe keine Aufgabe.“

10_nachtschwaermer_sete2015_60x90_cprint
Nachtschwärmer | Sete | 2015 | 60×90 | C-Print
© karolineMARIA

Sie berührt gerne Menschen mit dem, was sie sieht, „dass sie das empfinden können, was ich empfunden habe.“ Dass sich Menschen an ihren Bildern erfreuen ist ihr Ziel. „Worüber erfreust du dich?“

„Immer mehr glückliche Tage zu haben. Also…dass sie sich häufen.“

Auf die Frage, was Glück ist, antwortet sie mit gelassener Stimme: „Bei mir zu sein.“ Wir reden über den Unterschied zwischen Glück und Zufriedenheit. Sie berichtet mir von einem Artikel, den ich unbedingt lesen werde. Dieser beschreibt ziemlich genau ihre Vorstellung vom Leben. „Glück kommt unerwartet, Zufriedenheit ist meine Konstante“, konstatiert sie.

„Wenn es genau so wird, wie ich es mir vorstelle, dann wird es gut.“

karolineMARIA beim Einsortieren der Fotografien
karolineMARIA beim Einsortieren der Fotografien
© karolineMARIA
Room 2 | Budapest | 2012 | 20x30 | C-Print © karolineMARIA
Room 2 | Budapest | 2012 | 20×30 | C-Print
© karolineMARIA

Durch die Ausstellung hat sich Karo Zeit genommen und ihre Fotografien in fünf Ordnern chronologisch sortiert. Sich von Seite zu Seite durchzuschauen ist wie eine kleine Reise und ein doch sehr intimer Blick in ihr Leben.

 

 

Feuerstelle | Salzburg | 2012 © karolineMARIA
Feuerstelle | Salzburg | 2012
© karolineMARIA

Ich fühle mich privilegiert, da ich neben Ariane die zweite Person bin, die alles sehen darf. Ihr Prozess ist rasant, sie wird viel freier und kreativer in ihrer
Motivauswahl. Ihre Bilder sind ihre Vita.

Abschließend macht Karo ein Foto. Sie nimmt ihre Kamera aus der Tasche, steht plötzlich auf und fotografiert den Tisch: Teelicht, leere Gläser, einen vollen Aschenbecher, Zigarettenpackung, Feuerzeug, Handy, Kugelschreiber. Ich gebe zu, ich freue mich schon darauf das Ergebnis begutachten zu dürfen.

 

 

 

 

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