Kaffee mit… Kurt Leidl

© Kurt Leidl

Heute habe ich mich (15.02.2016) mit Litto (1. Ausgabe: Kaffee mit…) verabredet, denn sie macht mittlerweile auch Lithographien und ich darf sie in die Werkstatt Litho-Art im 16. Wiener Gemeindebezirk begleiten. Litho mit Litto – irgendwie lustig!

Hier lerne ich Kurt Leidl kennen, ihm gehört die Werkstatt. Sein 6 jähriger Schäferhund Mephisto ist immer dabei. Kurt ist eigentlich Diplomingenieur und 72 Jahre alt. Dieser Tag entpuppt sich wohl als Entdeckungsreise – Kurt ist nämlich ein heimlicher Künstler. Ein Heimlicher, denn obwohl er sich selbst nicht als Künstler bezeichnet, ist er doch ein sehr Begnadeter.

Darf ich ein spontanes Interview mit dir machen?
„Sehr gern!“

Ziemlich schnell kommen wir in ein intensives Gespräch und reden über die Schnelligkeit der Zeit und den technischen Fortschritt, den Kurt äußerst spannend findet. Er beschreibt am Beispiel der Animation die Möglichkeiten des kreativen Schaffens am Computer. 3D-Programme sind zwar ziemlich komplex, stellen aber eine enorme Steigerung dar. Für seine Tauchbasis Najada in Murter, Kroatien (eine Insel zwischen Zadar und Split, hier verbringt er den Frühling bis Herbst), hat er beispielsweise einen Clip gestaltet, in der ein Taucher in einer animierten Unterwasserlandschaft die schönsten Plätze erkundet, welche durch eingeschobene Videos präsentiert werden.

„Das Medium PC öffnet andere Möglichkeiten.“

Filme machen und schneiden sind aber eher ein Hobby, Lithographie hingegen eine Leidenschaft. Diese sind Jahrhunderte haltbar, „eine Art Konservierung“, erklärt Kurt. Computer, Bits, etc. hingegen sind vergänglich. In seiner Werkstatt Litho-Art, die er stets von November bis Anfang März betreibt, liegen und hängen überall Geschichten in Form von Werken herum. Auch Kurt ist ein Geschichtenerzähler, denn neben der bildenden Kunst besitzt er auch ein Talent wunderbare und sehr nachdenkliche Kurzgeschichten zu schreiben.

Kaffee mit… Kurt Leidl (2)

Ich bitte ihn mir das Buch zu leihen, doch er betont, dass ich darauf sehr gut aufpassen muss, da dies die Erstausgabe ist, die ich in den Händen halte. „Na klar“, stimme ich zu.

Was hast du vorher gemacht?

„Ich habe für das Pharmaunternehmen Roche gearbeitet.“ Für das Schweizer Gesundheitsunternehmen F. Hoffmann-La Roche AG, Basel, war er 25 Jahre lang in der Sparte Diagnostics tätig und für Österreich sowie Osteuropa zuständig. Als das Unternehmen 1997 die deutsche Boehringer Mannheim Gruppe aufkaufte, ist er drei Jahre beruflich hauptsächlich herumgereist, um „dies zusammenzubringen“. Anschließend sollte er von Basel nach Mannheim ziehen, doch Kurt entschied sich lieber für den Golden Handshake und verlies die Firma. Mit der Pension kam auch die Zeit für die Kunst.

„Meine Motivation war, dass ich immer nicht berührbare Dinge wie Budgets oder Strategien gemacht habe – ich wollte aber etwas handwerkliches, etwas kreatives, etwas greifbares machen.“

Seit circa 2000 hat er die Werkstatt. Zwischen 2000 und 2003 war Kurt sehr engagiert. Er hatte einige Ausstellungen, ein paar Projekte mit Philipp Maurer und ein paar weitere am Yppenplatz. In dieser Zeit arbeitet er auch als Grafiker. „Ich nahm viele Aufträge an, hauptsächlich um mir selbst zu beweisen, dass ich das kann. Das brachte zwar Geld, aber wenig Spielraum für Experimente.“ Professionelles Arbeiten bedeutet in dieser Hinsicht fehlerfreies Arbeiten, eine gewisse Form von Perfektion. Experimentieren heißt aber Fehler zulassen und daraus lernen, denn manchmal kommen unabsichtlich neue Effekte zum Vorschein.

In seiner Werkstatt arbeiten einige Künstler, diese Kooperationen werden per Tauschhandel bezahlt, d.h. die Nutzung der Werkstatt wird in Bildern und Werken verrechnet. „Man lernt so viele Leute kennen und macht neue Erfahrungen.“ Er zeigt mir eine Lade mit Mappen, die mit Namen beschriftet sind, und öffnet ein paar, um mir die Werke zu präsentieren, die in seiner Werkstatt entstanden sind.

Kaffee mit… Kurt Leidl13

Ein äußerst interessantes Konzept, denke ich mir – da betritt auch schon die nächste Künstlerin, Barbara Salaun, die Werkstatt. Wir begrüßen uns und stellen uns vor. Nach einem kurzen Smalltalk, versuche ich den Faden wiederzufinden und führe das Interview fort.

…Tauschhandel. Das könnte man vielleicht sogar auf die Gesellschaft übertragen.

Was ist für dich eine ideale Gesellschaftsform?

„Eine ideale Gesellschaftsordnung wäre, wo alle etwas frei machen können und die Akzeptanz für alles und jeden vorhanden ist.“ Kurt hat ein demokratisches Verständnis, wonach verschiedene Standpunkte möglich und legal sein sollten, da sie gleichzeitig einen Austausch ermöglichen, was wiederum eine Entwicklung zulässt (wie ein Fluss). Die Gesellschaft ist kein stabiles System, sondern von zahlreichen Veränderungen geprägt. Wie bei der Chaostheorie ist diese dynamisch, wächst, gedeiht, verändert sich und reguliert sich selbst. „Wir leben heute in einer sehr freien Gesellschaft, diese Freiheit gab es in der Geschichte der Menschheit noch nie und das sollte uns bewusst sein oder werden.“ Ihm gefällt eine Gesellschaft, die möglichst viel Freiraum lässt, gleichzeitig aber den Rahmen dieses Raumes gesetzlich fasst.

„Mein Idol ist die Freiheit.“

Diese Einstellung ist Resultat seiner Lebenserfahrung. Mephisto unterbricht kurz das Gespräch und kommt zum Kuscheln vorbei. „Er hat dich schon erzogen“, sagt Kurt, als ich diesen großen Wolf (er ist zwar keiner, erinnert mich aber an einen) streichle. Das stimmt, denn jedes Mal wenn er kommt, möchte ich ihn begrüßen und er hat mich doch! Kurt geht mit ihm kurz spazieren, ich bleibe in der Werkstatt zurück und denke über ihn nach.

Litto setzt sich zu mir an den Tisch und fragt, wie mir die Werkstatt gefällt. Ich antworte, dass Kurt die Räumlichkeiten beseelt. Er liebt Kunst, betrachtet sich selbst aber nicht als Künstler. Vielleicht sieht er sich eher als eine Art Kunstförderer, aber welche Art von Kunst mag er wohl und was ist für ihn Kunst? Als er zurückkommt, lege ich sofort los.

© Kurt Leidl
© Kurt Leidl

Was ist Kunst für dich?

„Das ist relativ einfach. Für mich gibt es zwei Richtungen, das sind die Enthalpie und die Entropie. Entropie ist die Zerstörung eines Ordnungszustands, Enthalpie ist die Erhöhung.“ Er erklärt, dass der Künstler stets den Ordnungszustand erhöht. Die Anordnung von Pigmenten beispielsweise bedeutet diese Erhöhung des Ordnungszustandes. Kurt fügt hinzu, dass nicht jede dieser Zustandserhöhungen auch signifikant sein müssen, dies gilt es zu bewerten. Ob dies nun eine Emotion beim Betrachter auslöst, liegt an der Wirkung dieser Anordnung.

Kunst ist für dich Ausdruck oder Gefühl?

„Ein Künstler gestaltet eine Aussage, eine Geschichte und mein subjektiver Geschmack sagt, ob ich eingeladen bin oder nicht. Von selber entsteht kein Kunstwerk, es ist die Frage, wie viel Energie man hineinsetzt“, lächelt er mir zu. Kunst ist vielseitig, füge ich hinzu. „Gott sei Dank!“, wirft er ein. Ich frage, ob er eigentlich viel Kunst produziert. Er erklärt, dass er 2015 die Spots für die Tauchbasis und lediglich ein äußerst aufwendiges Werk gemacht hat. „Dann sind noch die – sagen wir mal – Schüler.“ „Die immer wieder einkehrenden Gäste“, verbessert Litto mit einem strahlenden Grinsen. Es macht Kurt Spaß sein Wissen über diese Kunst zu teilen.

Kaffee mit… Kurt Leidl9

Kurt zeigt mir Lithographien von Dagmar (rechts). Ohhh, das gefällt mir, ich möchte sie unbedingt kennenlernen und mit ihr einen Kaffee trinken. Ob ich später ihre Nummer bekommen kann?

Lithographie ist die ehrlichste Druckgraphik. Jeder Stein ist teuer und schwer, die Verletzungsgefahr (Finger einklemmen, auf den Fuß fallen, etc.) ist dementsprechend hoch. Um Werke später reproduzieren zu können, müsste man diese Aufheben oder aber man schleift sie ab und verwendet sie für neue Arbeiten.

Kaffee mit… Kurt Leidl14

„Der Anfang war eine Revolution.“

Kaffee mit… Kurt Leidl11

Er erzählt, dass die Druckgraphik (z.B. Kupferstich) historisch betrachtet eine Revolution eingeleitet hat. Durch die Reproduktion (Bsp. Buchdruck) war es dem einfachen Volk möglich, sich mit Kunst auseinanderzusetzen und etwas Künstlerisches ins Haus zu hängen.

„Dürers Frau hat seine Drucke am Markt verkauft. Das war eine unvorstellbare Neuheit.“ Heute hingegen hat das Interesse für diese doch sehr aufwendige Kunstform nachgelassen, denn Computer und Photoshop erledigen die Arbeit viel schneller.

Photoshop oder Litho?

„Das kann man nicht vergleichen.“ Die Produktion von Lithographien ist nämlich körperlich sehr anstrengend, der Arbeitsprozess ist nicht einfach (z.B. Steine schleifen oder zur Walze tragen).

„Als ich mit Litho angefangen habe, habe ich
die Mitgliedschaft beim Fitnessstudio gekündigt.“

Es freut ihn, wenn sich jemand für Lithographien und Kupferstiche begeistern kann. Jeder kann sich durch das Internet schnell Wissen aneignen, aber das Interesse sich damit auch zu beschäftigen besitzt dennoch nicht jeder. „Lithographie ist für mich ein apostolisches Bedürfnis, z.B. Methoden zu erklären und beizubringen.“ Die künstlerische Kreativität des Einzelnen steht im Vordergrund, daher betrachtet er sich eher als Wegweiser, Betreuer. Sich an gewisse Regeln oder Prozesse zu halten hat nicht viel mit Dominanz zu tun. Er bringt einem lediglich die Techniken bei und man entwickelt sich selbst weiter. Besonders beim Herumexperimentieren können interessante Sachen entstehen.

„In der Lithographie macht man keine Fehler, man entwickelt neue Techniken“

… hat Kurt bei einer Tagung gehört und diese Aussage beschreibt auch am besten seine Einstellung. Perfektion „ist – wie soll ich sagen – zu stabil, da ändert sich nichts, da gewinnt man kaum neue Erfahrungen. Variationen passieren meist aus Fehlern und dadurch erhält man neue Erkenntnisse oder neue Möglichichkeiten der Gestaltung.“

Das ist eine interessante Auffassung: es gibt keine Fehler. Ob man das auf das Leben per se beziehen kann, frage ich mich. Kurt unterbricht meine abschweifenden Gedanken, wirft einen Blick auf meine Notizen und fragt, ob ich das dann später lesen kann. „Na klar.“ Wir lachen gemeinsam.

Marija Nujic im Gespräch mit Kurt Leidl

Homepage der Werkstätte für künstlerische Druckgraphik – Link

Zitiervorschlag: Marija Nujic, "Kaffee mit… Kurt Leidl ," in: in arcadia ego, 3. März 2016, http://www.in-arcadia-ego.com/kaffee-mit-kurt-leidl/.
Print Friendly