Kaffee mit… Marko Zink

"7444_07", aus der Serie "in Wäldern", 2006, 150x100cm gerahmt, © Marko Zink

Marko Zink sitzt draußen im Gastgarten des Espresso, 1070, an einem gelben Tisch und wartet auf mich. Gelb ist eigentlich eine schöne Farbe und zum Glück gibt es noch nicht so viele Gelsen, denke ich mir. Ich setze mich zu ihm und bestelle einen Kaffee und ein Zitronenwasser.

Was möchtest du von mir wissen?

…legt er los. Auf dem Tisch liegen bereits zwei Ausstellungskataloge für mich bereit und er knirscht lächelnd: „Wehe du schreibst das jetzt!“ Ich grinse zurück, wissend, dass dies die beste Einleitung für die Kolumne ist. Ich zücke mein Handy, um das Gespräch aufzunehmen, denn es kann nur lustig werden und ich möchte nichts verpassen. „Jetzt wechseln wir ins digitale Zeitalter“, sagt er. Ich lache laut auf und verweise auf mein fast fünf Jahre altes Handy.

Marko Zink studierte zunächst Germanistik und Publizistik an der Hauptuni Wien, dann absolvierte er einige Prüfungen am Institut der Kunstgeschichte im Bereich Video und Fotografie. Seine Diplomarbeit verfasste er über Elfriede Jelinek, die eine besondere Rolle in seinem Leben eingenommen hat. Sie formulierte u.a. zwei Texte für ihn und sprach diese für ihn auch auf Band. Nach der Hauptuni hat er die Schule für künstlerische Fotografie in Wien absolviert, ab 2002 – mit ca. 28 Jahren, seinem Diplom und der fotografischen Ausbildung – besuchte er die Meisterklasse bei Eva Schlegel, Josephine Pryde, Franz Graf, Judith Huemer und Matthias Herrmann an Akademie der Bildenden Künste.

Wie hast du dir das finanziert?

„Ich habe immer daneben gearbeitet.“ Marko kommt aus ärmlichen Verhältnissen. Seit der Schule finanzierte er sich seinen akademischen Werdegang stets selbst. Am Anfang arbeitet er im Supermarkt an der Kassa, später in der Gastronomie. Ich verschlucke mich am Schaum meiner Melange, Marko schaut beunruhigt zu mir. Nach einem kleinen Hustenanfall, knüpfe ich gekonnt an die Unterhaltung an.

Wann hattest du deinen ersten Erfolg?

„2010“, sagt er. Marko erzählt mir von seiner Familie. Nachdem er schon seinen Großvater und Vater verloren hatte, starb sein Bruder im Alter von 38 Jahren, als Marko seine erste Ausstellung auf der VIENNAFAIR hatte. Dieser Schicksalsschlag zwang den Künstler zu einer halbjährigen Pause, doch seine Galerie Michaela Stock gab ihm den notwendigen Raum und kümmerte sich fürsorglich um alle bürokratischen Angelegenheiten, wie Presseanfragen usw. „Ich habe damals gelernt, dass jeder Mensch eine Uhr in sich trägt. Diese endet irgendwann. Das ist so. Damit lebt es sich vielleicht leichter, weil man keinen Einfluss darauf hat,“ sagt er mit zittriger und nachdenklicher Stimme.

"im Kurhotel", 2010, 150x100cm gerahmt, © marko zink
„9621_19“, aus der Serie „im Kurhotel“, 2010, 150x100cm gerahmt, © Marko Zink

In dieser Zeit entstand die Serie Im Kurhotel in Schruns, Vorarlberg. Diesen Ort verbindet die gesamte Familie mit Erinnerungen, denn die Entbindungsstation, wo Marko und seine Geschwister zur Welt kamen, ist unweit davon entfernt. Als Junge schaute er oftmals sehnsüchtig und neidisch hinüber, nach dem Motto: „Schau, da steigen die reichen Leute ab.“

Seine Schwester war 2010 im Auftrag der Gemeinde für die Inventur des bankrotten Hotels zuständig. Mitte des 20. Jahrhunderts zählte es zu den Top-Hotels Europas und behauste Gäste wie Helmut Kohl. Nachdem der Besitzer in den 70er Jahren verstarb, verlor das Hotel mit dem neuen Inhaber den einstigen Glanz. Dieser verschwand eines Tages (2004?) und ließ sogar seinen geliebten Porsche vor dem Gebäude zurück. Eine Frau jedoch, die hier in jungen Jahren ihre Ausbildung absolvierte, blieb zurück und kümmerte sich bis 2010 um die Liegenschaft. „Wie aufgeräumt, wie soeben verlassen“, berichtet Marko. Er folgte der Einladung seiner Schwester und verschoss mit seiner Analogkamera binnen von zwei Tagen ca. zehn Filme. Das Ergebnis sind 270 Fotografien, davon sind 45 in seinem Katalog „Im Kurhotel“ abgebildet.

Machst du von dem gleichen Motiv mehrere Fotos?

„Nein“, antwortet er sehr trocken und zeigt mir Bildbeispiele. Jedes Foto ist ein Unikat. Er erklärt mir, dass er den Film vorkocht – Ja! vorkocht – das ist seine persönliche Handschrift. Diese Methode führt zu gewünschten Nebeneffekten, wie dunstigen Unschärfen, sodass die Analogfotografien schließlich digital bearbeitet ausschauen. Das Verfahren erinnert an „Rezepte wie im Kochbuch“, sagt Marko. Er weiß, wie lange er diese kochen muss, um den jeweiligen Effekt zu erzielen. Das hat er sich selbst durch intensive Lektüre angeeignet. Die Negative zerfallen nach der Entwicklung, zurück bleiben die Fotografien als Erinnerungen.

Niemand hatte das vorher…

„Die Fotografie ist eine seltsame Gattung der Kunst“, führt er nach einer kleinen Pause fort. Diese musste sich ihren Stellenwert innerhalb der Kunst erst erarbeiten, anders als Malerei oder Film. Von dem Kerngedanken ausgehend, dass Fotografie stets die Wirklichkeit abbildet, wollte Marko seine Realität verändern. Diese Veränderung ist als Hybrid zwischen Film und Malerei zu verstehen: „So wie der Maler seine Pigmente anlegt, überlege ich vor dem Prozess, wie verändere ich die Fotografie und bin auf das Kochen gekommen; zudem erzähle ich Geschichten in meiner Fotografie wie der Film es tut. Das sind meine Schnittstellen.“ „Ein Geschichtenmaler hinter der Analogkamera“, denke ich laut. „Geschichtenmaler“, wiederholt er. Das gefällt ihm.

"Tragödien", 140x58cm, 2008, kaschiert, © Marko Zink
„58020019_eule“, aus der Serie „Tragödien“, 140x58cm, 2008, kaschiert, © Marko Zink

Obwohl noch-Studierenden von frühzeitigen Ausstellungen abgeraten wird, ging Marko eines Tages mit seinen fertigen, kaschierten Arbeiten (70×45 cm) zu Michaela Stock. Er kannte sie zuvor nicht persönlich, doch er bekam sofort eine Ausstellungsmöglichkeit. Zwei Monate später kam die Galerie Lisi Hämmerle hinzu. Seine Unterwasserbilder kamen sehr gut an. Diese sind ab 2004 auf mehreren, griechischen Inseln entstanden. „Meine erste Aufnahme war eine Unterhose.“ Er sagt es so, als ob Zweifel meinen Gesichtsausdruck prägen würden. Nach kurzer Pause führt er lächelnd fort: „…die ich von meinem Freund geschenkt bekommen hab und ich dachte, ich mache ihm ein Bild davon.“

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„7488_24A_unterhose“, aus der Serie „Schwimmer“, 2004, 70x45cm, Diasec, © Marko Zink,
courtesy Galerie Michaela Stock

„Als ich das Foto gemacht habe, schon mit dem Denken, was ich ich mit der Serie bewirken will, kamen immer mehr Objekte dazu.“ Er schaute sich die Buchten, Wellengang, Tauch- und Lichtverhältnisse vor dem Shoot an. Die Objekte ersteigerte er auf ebay, Willhaben oder „H&M, damit man die Wascheinleitung noch sieht“ und auf dem Foto erkennt. Manche dargestellte Objekte haben auch eine eigene Geschichte. Er verweist auf ein Bild, das er mir am Laptop zeigt:  „Diese Stöckelschuhe habe ich einer Prostituierten auf dem Gürtel abgekauft.“ Die Formen der Objekte übernehmen tierische Gestalt, „die Form des Clownfisches oder das Medusenhafte der Qualle.“ Einerseits steht der Charakter, den man dem Objekt zuschreibt, im Vordergrund, andererseits die persönliche Geschichte des Objektes. Marko deutet auf das nächste Bild.

„Schwimmer“, 2008, 70x45cm, Diasec, © Marko Zink, courtesy Galerie Michaela Stock
„3073_03_sporthose“, aus der Serie „Schwimmer“, 2008, 70x45cm, Diasec, © Marko Zink,
courtesy Galerie Michaela Stock

„Die Adidas-Hose, gleichzeitig auch ein Walhai […], der langsam dahin schwimmt, wird mit dem sportiven Element gedeckt. Diese Hose hatte Elfriede Jelinek an, als ich sie das erste Mal traf.“ Ursprünglich wollte sie ihn nicht kennenlernen, also entschied Marko seinen Katalog vor ihre Wohnungstür zu legen. Als sie die Tür jedoch öffnete, war sie zu seiner Überraschung mit der Adidas-Hose gekleidet. Daraufhin öffnete er den Katalog und zeigte ihr das Bild. Somit war das Eis gebrochen und Gelächter erhalte durch den Hausflur. „Daraufhin haben wir zwei Stunden in ihrer Wohnung herumgetollt und ich habe mit dem Handy Fotos für ihren Mann gemacht. Wir hatten Masken auf und ich musste ihm die Fotos schicken. Unfassbar lustig diese Situation!“ Ich lache mit.

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„Ich und Elfriede“, aus der Serie „Komödientheorien“, 2008, Projektion, © Marko Zink,
courtesy Galerie Michaela Stock

Diese Unterwasserarbeiten öffneten Marko Zink die Tür. „Ich war in Arte im Monat der Fotografie in Paris mit der Serie zu sehen.“ Er zeigt mir eines seiner Lieblingsbilder. Ein Kleid, das sich zu einer Muschel formt. Dieses Bild ist 2012 entstanden. „Das war der erste Schuss mit der Kamera.“

„4929_00_muschelkleid“, aus der Serie „Schwimmer“, 2012, 140x90cm, Diasec, © Marko Zink, courtesy Galerie Michaela Stock
„4929_00_muschelkleid“, aus der Serie „Schwimmer“, 2012, 140x90cm, Diasec, © Marko Zink,
courtesy Galerie Michaela Stock

Bei seiner Analogfotografie entscheidet der Augenblick über das Resultat. Die erste Aufnahme war offensichtlich bereits vollkommen. „Das erklärt alles. Die Zeitlichkeit, Unzeitlichkeit, die Überlagerung von Illusion und Erleuchtung,“ ergänzt er gekonnt. Er ist davon überzeugt, dass diese Gegenstände die Menschheit überleben werden. Dieser evolutionäre Aspekt spielt in seiner Arbeit eine wesentliche Rolle. Alle Lebewesen entstanden aus dem Wasser. „Der Mensch ist auf der Zeitlinie der Welt ein Fliegenschiss.“ Ich stimme zu und lache auf. „Wir bevölkern die Erde, verschmutzen sie – eigentlich erst seit der industriellen Revolution. Das Objekt im Wasser überschneidet sich mit der Zeitlinie.“ „Präsens und Futur“, ergänze ich – Gegenwart und Zukunft.

Nach seiner Rückkehr aus Paris, 2012, las er einen Bericht über die neue Führung des Museums Leopold. Marko entschied sich eine persönliche Mail zu senden. Mit der Bemerkung Danke wir kaufen nichts an, gab er sich nicht zufrieden. Deshalb antwortete er, man möge sich das Portfolio zumindest kurz ansehen. Drei Stunden später bekam Marko den entscheidenden Anruf. Seine Werke wurden nicht nur in einer Gruppenshow ausgestellt, sondern auch angekauft.

Das ist meine Art.

Man muss Sachen doch klären können.

Anders kann sich ein Künstler im kleinen Wien wohl kaum etablieren. Ein kurzer Augenblick kann alles verändern, stellen wir gemeinsam fest. „Absagen trudeln haufenweise ein“, ergänzt er, aber davon sollte sich niemand abhalten lassen. Jeder Versuch ist es wert. Marko erzählt mir, dass auch seine Mutter mit Sorge seinen Berufswunsch bedachte. Künstler-sein ist kein herkömmlicher Beruf, sondern ein sehr unsicherer, der vom Markt abhängig ist. Die Serie Fremd veränderte ihre Sicht. Das folgende Bild Koffer diente als Cover für This Human World, das internationale Filmfestival der Menschenrechte 2014. „Das war unglaublich!“ Seine Mutter sah das Bild in ganz Wien verteilt und war sprachlos.

„7011_23_koffer“, aus der Serie „Fremd“, 2010, 140x90cm, Diasce, © Marko Zink, courtesy Galerie Michaela Stock und impart contemporary
„7011_23_koffer“, aus der Serie „Fremd“, 2010, 140x90cm, Diasce, © Marko Zink,
courtesy Galerie Michaela Stock und impart contemporary

Wir reden über das Cover. Marko sagt plötzlich: „Das Mittelmeer ist zum Friedhof geworden.“ „Die Frage wollte ich eigentlich seit zwanzig Minuten stellen“, erwidere ich und führe fort: „letzte Woche sind 700 Menschen ertrunken. Ich sehe das Schöne und Zeitlose in deinem Werk, gleichzeitig denke ich mir: das hätte jemand tragen können.“ Die Politisierung der Ästhetik ist durchaus in seinem Œuvre verhaftet. Marko stimmt zu und ich bekomme eine Gänsehaut. „Was man sieht bleibt dem Betrachter völlig überlassen. In meinen Arbeiten geht es aber um doppelte Wahrnehmung.“ Obwohl viele der Arbeiten vor der Flüchtlingskrise („ich mag dieses Wort nicht“) entstanden sind, thematisieren sie die Problematik des aktuellen Zeitgeschehens. Wir sprechen über die Abschaffung des Programms Mare Nostrum und deren Nachfolger Frontex. Mich wundert, dass die Unterwasserbilder schon vor diesen Ereignissen entstanden sind, noch bevor es diese Deutungsmöglichkeit gab. „Arte brachte die Bilder mit der Titanic in Verbindung.“ Und das ist das Spannende an seiner Kunst – sie ist mehrschichtig aufgebaut.

Das Objekt wird zum Subjekt.

Obwohl die Intention zu Beginn der Serie eine gänzlich andere war, bekommt sie nun einen neuen Deutungscharakter. Die zeitgenössische Entwicklung lässt diese Interpretation zu. „Ich bin der Überzeugung, dass Kunst politisch sein muss.“ Die Zelte unter Wasser können den Verlust der Heimat bedeuten.

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„02_2406_21A_zelte“, aus der Serie „Fremd“, 2010, 140x90cm, Diasec, © Marko Zink,
courtesy Galerie Michaela Stock
„4922_12_burka“, aus der Serie „Burka“, 2012, 140x90cm, Diasec, © Marko Zink, courtesy Galerie Michaela Stock
„4922_12_burka“, aus der Serie „Burka“, 2012, 140x90cm, Diasec, © Marko Zink,
courtesy Galerie Michaela Stock

„Diese good-feel-art reicht mir nicht, meine Kunst ist mehr als das.“ Die Serie Burka ist 2010 entstanden. Die rote Burka unter Wasser nimmt die Form der Schnecke Ballerina Española (spanische Tänzerin, lat. hexabranchus sanguineus) ein. Das intensive Rot steht für eine Warnung (Achtung: Gefahr! Frage: aber wovor?), gleichzeitig verkörpert es auch die Farbe des Blutes und somit den Menschen, bzw. das Leben an sich. Es ist äußerst interessant, dass der Name dieser Schneckenform einen menschlichen Ausdruck (spanischer Tanz) bedeutet.

„9616_31“, aus der Serie „im Kurhotel“, 2010, 100x150cm gerahmt, © Marko Zink, courtesy Galerie Michaela Stock
„9616_31“, aus der Serie „im Kurhotel“, 2010, 100x150cm gerahmt, © Marko Zink,
courtesy Galerie Michaela Stock

Die folgende Serie Im Kurhotel liefert Beispiele dafür, wie das Subjekt zum Objekt wird. Das Bild mit dem orange-roten Schild an der weiß gepolsterten Tür Bitte nicht eintreten!, hat etwas sehr Zerbrechliches. Hinter der Tür wird die Kontur einer weiblichen Silhouette sichtbar. Sie streckt den Po aus, ihre Haltung wird lediglich erahnbar. Die Frau ist, bis auf diese Rundung, nicht sichtbar, sie versteckt sich hinter der Tür. Das Wort „eintreten“ kann, statt „hineingehen“ „einschlagen“ bedeuten. Wenn man nun die Tür einschlagen würde, könnte man die Frau hinter der Tür verletzten. Die Bitte nicht einzutreten, kann somit eine Bitte Gewalt zu unterlassen beinhalten. Der weiße Innenraum, die Struktur der Tür als weiches Material stehen im Kontrast zu der Farbe des Schildes und der möglichen Härte eines Trittes.

"im Wald", 2004, 150x100cm gerahmt, © Marko Zink
„8039_07“, aus der Serie „im Wald“, 2004, 150x100cm gerahmt, © Marko Zink

2004 begann er die Arbeiten Im Wald. Hier sieht man lediglich eine Schulterpartie hinter einem Baum hervorragen oder einen menschlichen Körper von zwei Bäumen versteckt. In der Serie In Wäldern führt er irrtümlicherweise den Betrachter auf die Suche nach dem nicht vorhandenen Körper. „Der Betrachter agiert hier wie auf Suchbildern.“ Deshalb werden die beiden Serien oftmals gemeinsam ausgestellt. „Der Wald wehrt sich meinem Blick, er schließt mich aus.“ Die Fotografien wirken bearbeitet, dies ist auf sein Koch-Verfahren zurückzuführen. Marko lässt die analogen Bilder digital manipuliert erscheinen. „Das ist der Effekt des Kochens.“ „Ich sollte auch ein paar Filme kochen“, füge ich mit einem breiten Grinsen hinzu.

Marko zeigt mir seine letzte Arbeit. Olympia und die handkolorierte Version Olympia – Rot, die ca. 2014 entstanden sind. Diese Serie stellt einen Umbruch in seinem Œuvre dar. „Ich wollte diese Arbeiten gar nicht zeigen, Michaela Stock hat mich wirklich überreden müssen.“

„Mai“, aus der Serie „Olympia Rot“, 2014, 30x20cm, handkoloriert/gerahmt, © Marko Zink, courtesy Galerie Michaela Stock und widmertheodoridis
„Mai“, aus der Serie „Olympia Rot“, 2014, 30x20cm, handkoloriert/gerahmt, © Marko Zink,
courtesy Galerie Michaela Stock und widmertheodoridis

Zunächst meldete sich Marko in Hetero- und Homo-Chats an, bildete einen fiktiven Charakter mit beispielsweise dem Nicknamen Blackmale oder Lieutenant. Die Reaktionen auf diese Namen waren sehr direkt. Es wurden geradewegs Fragen, wie groß er bestückt oder ob er nur aktiv sei, gestellt. Es drehte sich stets um Sexuelles oder Rassistisches. Inspiriert durch die Chatprotokolle legte er einen „100 jährigen Bauernkalender“ an, „wohlwissend, dass sich diese Gesellschaft in den kommenden 100 Jahren nicht verändern wird.“

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„Juli“, aus der Serie „Olympia Rot“, 2014, 30x20cm, handkoloriert/gerahmt, © Marko Zink, courtesy Galerie Michaela Stock und widmertheodoridis

Marko spielt in dieser Serie mit Genderkategorisierungen. Der Staubsauger ist ein Produkt, das dem Haushalt und der Frau zugesprochen wird. Die ländliche Idylle im Hintergrund thematisiert regionale Vorurteile. „In konservativen Ländern, wie Litauen, hatten die Bilder den größten Erfolg.“ Dort trifft es den Nerv der Zeit. Politisch betrachtet fehlte dort die sexuelle Revolution der 60er Jahre. In Österreich ist zudem die Homosexualität kein Tabuthema mehr, das U4, Whynot, die Regenbogenparade, der Lifeball oder Conchita Wurst sind innerhalb unserer Gesellschaftsform akzeptiert. Mit Anfeindungen und hässlichen Bemerkungen wird man als Homosexueller dennoch oftmals konfrontiert, doch Akzeptanz und Toleranz sind hier in Wien weitaus mehr vorhanden, als in osteuropäischen Ländern oder am Land. Dieser Kontrast des Ungewöhnlichen wird dem poetisch anmutenden Hintergrund gegenübergestellt.

Die Masken, Requisiten und Nicknamen hat Marko bewusst gewählt. Die Fotografien wurden in Kalenderform gedruckt und konnten auf einen Holzbalken gesteckt und monatlich getauscht werden. Eine Schweizer Galerie stellte diese mit Begeisterung aus. Mittlerweile ist der Künstler von mehreren Galerien in Österreich, Schweiz und Deutschland vertreten.

Stilistisch beinhalten deine Bilder viele Allegorien und Metaphern. Ist das dein Ausdruck?

„Viele schreiben, dass ich eine unglaubliche Poetik in meinen Arbeiten habe, eine irrsinnig starke, literarische Ausdrucksweise. Kunst und Wissenschaft bilden für mich eine Einheit.“ Die Visualität innerhalb seiner Arbeiten ist sein Kommunikationsmedium. Den literarischen Bezug merkt man deutlich, besonders auch in seinen Kurzfilmen. Marko zeigt mir ein Beispiel: Heidi.

„Heidi“, aus der Serie „Olympia“, 2014, Filmloop,  © Marko Zink,
courtesy Galerie Michaela Stock und widmertheodoridis

 

Der Akteur des Films ist auf der Suche nach Heidi. Interessanterweise ist der ursprüngliche Film in Japan entstanden, doch stellt er das Geschehen in der Schweiz dar. „Heidi ist ein Manga und ich liege in der Schweiz im Gras und schreie nach Heidi.“ Dazu gibt es vier Zyklen, welche die vier Jahreszeiten symbolisieren. Der Film endet und ich lache auf. Morgen habe ich sicherlich einen Bauchmuskelkater…

Marko hat sich vieles selbst angeeignet. „Du kannst viel studieren, doch es liegt an dir das zu verwirklichen und das zu testen. Learning by doing“, ist er der Meinung. Trotz Höhen und Tiefen ist er zufrieden. Ich hake nach: Tiefen? Obwohl Marko Zink ein bekannter und erfolgreicher Künstler und am Markt sehr gut vertreten ist, hat doch jeder Künstler mit gewissen existenziellen und finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. „Bei einer Wirtschaftskrise investiert man kaum mehr in die Kunst.“ Nur die großen Galerien brummen, aber die haben sehr gute Kontakte zu Großsammlern. „Der Markt in Wien ist minimiert.“ Österreich und Wien repräsentieren oftmals bekannte Künstler, anstatt den Fokus auf neue Nachwuchskünstler zu legen. Sie werden leicht übersehen. „Wenn die Welt untergeht, dann gehe ich nach Wien. Dort passiert alles zehn Jahre später“, zitiere ich Karl Kraus. Wir lachen.

Kunst ist eine Berufung.

Nur kommerzielles Arbeiten liegt Marko Zink nicht, er hat Angst sich in der Überproduktion zu verlieren, daher lehnte er zahlreiche Anfragen großer Galerien ab. Gute Kommunikation und situationsbedingtes Verständnis ist in kreativen Branchen wertvoll. Dies ist in jeglicher Beziehung wichtig, stellen wir gemeinsam fest. „Man muss sich aufeinander verlassen können.“ Ich bemerke, dass Marko trotz seines Erfolges bodenständig geblieben ist.

Es fängt zu regnen an, wir setzen uns hinein und führen die Unterhaltung fort. Wir bestellen noch einen Kaffee. Marko berichtet mir, dass er eine Klasse wiederholen musste, als sein Vater starb. Damals prägte ihn der Künstler Ingo Springenschmid. Seine Frau war Markos Englischlehrerin und förderte sein Englisch durch sein Interesse am Schreiben, sodass er zu rezensieren begann und sich im Unterricht verbesserte. „Du wirst nie ein Maler“, sagte ihm der Künstler. Malerei war ihm zu langwierig, er brauchte etwas schnelles. Er sagte: „Versuch es mit Fotografie.“

„Zimmer12“, aus der Serie „172“, 1996, 150x100cm gerahmt, © Marko Zink, courtesy Galerie Michaela Stock und Lisi Hämmerle
„Zimmer12“, aus der Serie „172“, 1996, 150x100cm gerahmt, © Marko Zink,
courtesy Galerie Michaela Stock und Lisi Hämmerle

„Ich habe den Führerschein nach der ersten Fahrstunde abgebrochen und mir eine Kamera gekauft.“ Um 10 tausend Schilling kaufte er sich mit 18 oder 19 seine analoge Spiegelreflexkamera, die er noch heute für seine Arbeiten verwendet. Die Anwendung brachte er sich durch „Experimentieren“ selbst bei. Marko zeigt mir seine erste Fotografie. Erstes Bild des ersten Films mit seiner ersten Kamera. Das Motiv ist seine Schwester mit sechs Jahren.

„Ich habe nur das richtige Medium gebraucht, jemanden, der das erkennt. Dass ich kein Maler bin, sondern mit meinen künstlerischen Fähigkeiten in eine andere Richtung gehen muss.“ Springenschmid hat dies erkannt.

Ich habe den Führerschein bis heute nicht

…sagt er mit strahlenden Augen und einem zufriedenen Lächeln. Manche Sachen sind einfach nicht bestimmt. Ich bin von seiner Geschichte beeindruckt, seine Kunst wird dadurch authentisch. Wir reden über Zufriedenheit, Glück und Gelassenheit – die innere Ruhe – und wundern uns, dass man all dies im eigenen Ich finden kann. Machmal braucht es lediglich einen Initiator. Jemanden, der uns anschubst, wenn man den Mut zu springen nicht aufbringen kann.

Marko schaut auf die Uhr, er hat gleich einen Termin. Die Zeit ist einfach verflogen. Er lädt mich ein und wir gehen gemeinsam hinaus. Es regnet draußen. Wir spazieren in Richtung U-Bahn-Station – es ist nicht weit. Marko fährt in die eine Richtung, ich in die andere. Ich steige ein, setze mich und blicke aus dem Fenster zu ihm hinüber, während er vis-à-vis auf dem anderen Gleis gerade einsteigt. Mein U-Bahn fährt ab.

 

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