Kaffee mit… Markus C. Ender | emc.quadrat

Markus C. Ender, La Parisienne / No Blood On My Clothes, Mosaik,
2016 |© Markus C. Ender Markus C. Ender, La Parisienne / No Blood On My Clothes, Mosaik,
2016 |© Markus C. Ender

Verkühlt und mit einem bestialischen Schnupfen, fahre ich mit der U-Bahn zum Nachwuchskünstler Markus C. Ender, der heuer erst seine erste Ausstellung hatte.

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Marcus C. Ender, The Warrior I;
2016 | © Markus C. Ender

Ich möchte mich mit ihm über seine neue Arbeit The Warriors und seine Ziele für die kommenden Ausstellungen unterhalten. Er hat einen Garten, das teilte er mir noch am Vormittag mit. Das wird wohl ein sehr gemütliches Interview, im Sinne eines perfekten Kaffeeklatsches, werden…

Es begrüßt mich der Künstler und bietet mir sofort einen aus der Kaffeepresse selbst gebrühten Kaffee an. „Mit Milch?“, fragt er. Ich nicke. Wir setzen uns an den Tisch, den drei seiner noch nicht veröffentlichten Arbeiten flankieren. „Du hattest heuer deine erste Ausstellung“, lege ich los. „Am 12. April“, sagt er gelassen und reicht mir die sehr originelle Einladung. Es handelt sich dabei um ein CT des Kopfes des Künstlers, in diesem Fall das Gehirn. Mit einem Printprägegerät hat er die Daten der Ausstellung auf schwarze Folie beschriftet und an das handliche CT eingefügt. Jede Einladung ist somit ein Unikat. Die Ausstellung fand im KAYIKO Showroom von Karin Oèbster statt.

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Markus C. Ender, Einladung zur Vernissage | Outside Your Cube,
2015 |© Markus C. Ender

Ich betrachte nachdenklich das Bild Edgar Allan Poe, das mir vis-à-vis hängt. Markus erzählt mir, dass es sich bei der abgelichteten Person eigentlich um den Künstler Florian Rottensteiner handelt. Die Fotografie ist im Atelier bei Jürgen Christian Hoerl entstanden.

Markus C. Ender, Edger Allan Poe, 2016 Progress
Markus C. Ender, Edger Allan Poe, Progress, 2016 |© Markus C. Ender

„Um Verzerrungen reinzubekommen“, ist das Foto überbelichtet, der dargestellte Effekt   entsteht bewusst durch die Bewegung der Kamera, während das Subjekt/die Person statisch bleibt. Anschließend wurde es im Photoshop manipuliert, sodass die flächigen, dunklen Strukturen hervorgehoben wurden. Im dritten Schritt rekonstruiert er das Bild in quadratische Einzelteile, die der Betrachter am Bild austauschen kann.

„Bei diesen Werken war es ein ambivalenter Prozess der Zerrissenheit, der sich unterbewusst in meinen Arbeiten gespiegelt hat. […] Die Dekonstruktion ist eine sehr gute Variante, um immer wieder neue Bilder erschaffen zu können.“ Am Beispiel des Bildes Edgar Allan Poe, ist zwar die Anordnung vom Motiv gegeben, doch wie eine Art Puzzle können die einzelnen Teile neu positioniert werden. Eine neue Anordnung bedeutet dementsprechend eine Partizipation am Kunstwerk per se.

Ich mache Kunst zum Anfassen…

„…Mir ist es wichtig, dass man sich mit meiner Kunst mehr auseinandersetzt und, dass der Betrachter in die Kunst direkt eingreifen kann“, sagt Markus mit ruhiger Stimme. Es wird eine Partizipation gewünscht, aber nicht erwartet. „Wenn man sich traut“, fügt Markus hinzu. Bei der Ausstellung im April hat der Künstler die Gäste darauf hingewiesen. „Deine erste Ausstellung war gut besucht“, führe ich nach einer kurzen Pause fort. Markus hat die Gästeliste bewusst klein gehalten und vielmehr einen intimen Kreis aus „Familie“ und Freunden eingeladen. „Ein Künstler-Outing unter Freunden und Freunden von Freunden “, ergänze ich. Markus lächelt. Seine Ausstellung wurde u.a. von einigen Künstlern und Schauspielern besucht. Ein besonderes Lob erhielt er von der Schmuckdesignerin Michaela Rapp Zobernig.

Wie bist du zur Kunst gekommen?

„Das war eher Zufall“, erklärt er mir und führt fort: „Das ist eine Metamorphose, die die letzten Jahre passiert ist.“ Ungefähr 2007/8 hatte Markus die ersten Berührungen mit der Kunst. Er unterstützte damals einen Freund bei der Bewerbung und Kunstmappe für die Akademie der bildenden Künste, wo er nach einigen Versuchen genommen wurde. Über Umwege kam Markus jedoch zunächst in die Modebranche, die Kunst musste ihn erst später finden.

Ich hab das nicht bewusst gemacht,

ich bin da eher rein gerutscht. That’s it.

Markus C. Ender, La Parisienne / No Blood On My Clothes, 2016
Markus C. Ender, La Parisienne / No Blood On My Clothes, 2016 |© Markus C. Ender

Wie lang würdest du den Prozess der gezeigten Werke beschreiben?

„Die Thematiken haben sich jetzt erst aufgelöst. Während des Prozesses habe ich nicht darüber nachgedacht, was ich mache, sondern habe einfach vor mich hingearbeitet. Die Arbeit an sich hat mehrere Monate gedauert.“
Doch Markus hat nicht alles ausgestellt. Insgesamt wurden drei Urban-Art-Bilder, die Patchwork-Fotos, darunter ein Urban-Art-Bild (HNRX – InnsWurscht) und zwei Portraits (Edgar Allan Poe und La Pariesienne / No Blood On My Clothes), sowie THE CUBE (55), ein Leuchtkörper mit den Maßen 55x55x55cm.

 

THECUBE
Markus C. Ender, THE CUBE,
2016 |© Markus C. Ender

 

Markus C. Ender, Invert Donaukanal, 2016 |© Markus C. Ender
Markus C. Ender, Invert Donaukanal,
2016 |© Markus C. Ender

Markus deutet auf das Bild an der Wand. Zu sehen ist ein Negativ vom Donaukanal. Die dargestellten Motive des Schmetterlings befinden sich unter einer Brücke und sind von dem gegenüberliegenden Ufer zu sehen. Alle Motive, die in Markus´ Arbeiten vorkommen und anderen Künstlern zugeschrieben sind, werden vorab von den einzelnen Urhebern genehmigt.

Sicherlich handelt es sich dabei einerseits um eine gute juristische Absicherung, andererseits zeigt es doch auf eine subtile Weise Markus´ Einstellung gegenüber anderen Künstlern. Eine Form von respektvoller Würdigung der Motive, die in seinen Arbeiten besonders gut zur Geltung kommen.

Markus C. Ender, THE LOVERS, 2016 | © Markus C. Ender
Markus C. Ender, THE LOVERS,
2016 | © Markus C. Ender

Er packt ein Bild extra aus. Es trägt den Titel The Lovers und zeigt ein Liebespaar, das aus dem rechten Bildrand hinausschaut. Ihre Haare flattern im Wind in die gleiche Richtung. Die Person im oberen Bildrand hält eine Art Stab/Stock und erinnert mich an die Geste, Haltung und Körperbewegung in einem Boot. Der Stock wäre hierbei eine Paddel, denke ich mir. Wieder ist das Bild im Negativ gezeigt. Dadurch wird es lediglich auf den Schwarz-Weiß-Kontrast reduziert und erhält eine besondere Wirkung. Das Original war eine Kooperationsarbeit der Künstler Giorgos Beleveslis und ZAMIE.

Markus zeigt mir eine weitere Arbeit. „Ich habe ihr nie einen Namen gegeben“, schmunzelt er mir zu. „Sie war zwar bei der Ausstellung zu sehen, gehörte aber nicht wirklich dazu – OUTSIDE eben.“ Bei der dargestellten Person handelt es sich um ein Model von Juergen Christian Hoerl. Markus nutzte die Gelegenheit eines Shooting, sodass dieses Werke entstehen konnte. Ich nippe an meinem Kaffee, blicke mich um und frage mich, wie hoch die Produktionskosten sind. Nach einem kurzen Zögern, möchte ich es letztendlich doch wissen. Die Neugier siegt. Markus berichtet mir, dass ihm die Qualität wichtig ist. Es handelt sich hierbei um einen Echtfotoabzug unter Acryl und auf Alu-Dibond. Die Produktionskosten für die Mosaikbilder, wie er sie nennt, sind wesentlich höher. Ein Bild besteht aus 54 Teilen, die einzeln angefertigt werden. „Verrätst du mir, was die Mosaikbilder im Verkauf kosten?“, hake ich nach. Markus sucht die Preisliste für mich heraus und sagt gelassen: „€ 2753,- “ Er zeigt mir den Pressetext, in dem Wörter wie Sein, Nicht-Sein, Identität und Zerrissenheit vorkommen. Ich möchte genaueres wissen und Markus erklärt, dass „die erste Ausstellung ein Prozess des Loslassens war – sich der Öffentlichkeit präsentieren, herauszufinden was ich wirklich kann. Das hat mich zur neuen Serie gebracht…

…Step by Step.

Die Serie der Warriors wird voraussichtlich im September der Öffentlichkeit gezeigt werden. „Bis dahin werden sie zunächst bei In-Arcadia-Ego veröffentlicht werden?“, frage ich. Markus grinst und sagt freudestrahlend: „Premiere!“

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Markus C. Ender, The Warrior II. + III. + IV, 2016 | © Markus C. Ender

Andrew Stix war von der Ausstellung OUTSIDE YOU CUBE begeistert. Er erkannte sofort Markus´ Potenzial und bot ihm an, bei der kommenden Gruppenausstellung zum Thema Luxury War auszustellen. Die Show ist für Mitte September angesetzt und wird in den Räumlichkeiten von halb7 in der Halbgasse 7, 1070 Wien, präsentiert werden. Markus wurde von dem Ausstellungstitel Luxury War zu seinen Warriors inspiriert. Allerdings kann man hier von work in progress sprechen, da sie noch nicht ganz fertig gestellt sind. Während Markus die erste Ausstellung mit dem Wort Zerrissenheit beschreiben würde, versteht er die kommende vielmehr als Selbstfindung. Nun weiß er, was er will, er kennt sein Ziel und der Weg dorthin ist die Kunst.

The Warriors haben eine tiefere Bedeutung. „Im Fokus ist die Zeit, also die Gesichter der Warriors. Wir sehen hier jeweils eine Uhr als Gesicht, d.h. die Zeit ist mir besonders wichtig. Ich habe meine Grundeinstellung komplett geändert. Bin eher auf slowdown unterwegs und lasse mich nicht mehr stressen. […] Es geht um Entschleunigung und sich von der Gesellschaft von Zeit zu Zeit abzugrenzen (sich rausnehmen), denn nur so kann man sich selber finden. Bei mir hat es funktioniert.“ Ich stimme nickend zu und füge an: „Du setzt dich hier offensichtlich mit der Modewelt auseinander. Warum fokussierst du dich bewusst auf diese Branche?“ Markus berichtet mir, dass sein engstes Umfeld aus der Kreativ- und Modebranche kommt. Das hat ihm sowohl einen intensiven Einblick gewährt, als auch sehr geprägt. In den letzten zwei Jahren war er auch beruflich eng an die Modewelt verknüpft.

Ich weiß, was die Schattenseiten sind, ich kenne aber auch die positiven Aspekte.

Speziell die Modebranche präsentiert sich in einer strahlenden Hochglanzfassade, das ist kein Novum. Deshalb sind die hier gezeigten Fronten der Serie der insgesamt sieben Werke in freundlichen Regenbogenfarben, die Frieden, Freude und Eierkuchen symbolisieren, zu sehen. Die Rückseiten stehen für die Schattenseiten, „sprich die Hinterseite der Medaille.“ Die Zahl 7 ist nicht grundlos gewählt, man kann sie durchaus auf die 7 Todsünden beziehen: Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid, Faulheit.

Meine Arbeiten sind einfach entstanden

und es wurde, was es ist.

Markus beschreibt mir, wie die Kunstwerke als Endprodukt ungefähr aussehen sollen. „Die Bauchgefühl-Variante ist die, dass ich die wirklichen Schattenseiten der Modebranche aufzeige, sprich die Schnelllebigkeit, die herrscht, Magermodels, Aktienkurse, Massenproduktion, verseuchte Gewässer usw. – alles, was im Hintergrund eben schief läuft. Die andere Idee wäre, …“

Ohhhhh, das kann ich jetzt weder schreiben, noch veröffentlichen. Liebe Leser, macht euch auf etwas gefasst!

Markus C. Ender, The Warrior V. + VI. + VII., 2016
Markus C. Ender, The Warrior V. + VI. + VII., 2016 | © Markus C. Ender

„Ich möchte aber, wie bei meiner letzten Vernissage, dass der Betrachter schlussendlich selbst etwas machen muss, um die Schattenseiten frei zulegen. Ich erwarte mir Partizipation vom Betrachter, um dem ganzen mehr Ausdruck zu verleihen.“ Wir diskutieren darüber, wie die Verkleidung der Rückseite aussehen könnte. Das Interview entwickelt sich zum Brainstorming. Ich fühle mich gerade wie eine Ideengeberin, die Muse eines Künstlers.

Es ist Kunst zum Angreifen!

Der Aspekt der aktiven Beteiligung des Betrachters spielt in Markus´ Œuvre eine wichtige Rolle „Ich will, dass der Betrachter hingeht und die Kunst angreift, irgendetwas damit macht, sich intensiv damit auseinandersetzt.“

Markus zeigt und erklärt mir sein Vorhaben. Ich bin begeistert und sage: „Das ist echt ein Sprung von der letzten Vernissage zur Nächsten.“ „Das ist ein Quantensprung“, fügt er hinzu. Kaum hat er sich der Öffentlichkeit gezeigt, geht es für ihn auch schon los. Zwischen diesen beiden Etappen befinden wir uns gerade, der Zeitpunkt des Interviews fühlt sich an wie ein Dazwischensein. Markus beruhigt: „Ich habe zu 79 % erst realisiert, was in den letzten Monaten passiert ist. Ich musste mich nun entscheiden, in welche Richtung es für mich gehen wird, welchen Stil habe ich, was kann ich wirklich machen, wie setze ich es um. Ich habe es einfach gemacht. Ich habe darüber nicht nachgedacht.“

Markus C. Ender, Uhren-Skulpturen, 2016 | © Markus C. Ender
Markus C. Ender, Uhren-Skulpturen,
2016 | © Markus C. Ender

Ich nippe am Kaffee, blicke mich im Raum um und bemerke eine Werkbank. „Das ist eigentlich ein Gyn-Stuhl“, sagt er trocken. „Dazu muss ich erwähnen, dass mein Vermieter eine Praxis hatte und diesen entsorgen wollte. Jetzt ist es eine Werkbank.“ Gekonnt versuche ich auf ein anderes Thema überzuleiten. Ich spreche ihn auf einige Uhren-Skulpturen an. „Im Fokus meiner jetzigen Arbeit bei den Warriors sind die Uhren als Gesichter zu erkennen, als Zeichen der Entschleunigung etc.“ Dieses Thema möchte Markus bei seinem nächsten Konzept wieder aufnehmen. Zeit spielt für ihn eine wichtige Rolle. Er steht auf, holt die Skulpturen und sagt: „Da sind Uhren drin.“ Ja, richtige Uhren, allerdings ohne Uhrwerk. Sie wurden vom Künstler mit Gips verarbeitet und zu Skulpturen gemacht. Den Aspekt der Entschleunigung hat ihm Karin nahe gelegt. Sie gab ihm drei wertvolle Tipps: 1. weniger ist immer mehr, 2. Qualität statt Quantität und 3. sich die Zeit zu nehmen. Diese wertvollen Ratschläge haben ihn geprägt und begleiten ihn seitdem.

„Ich mache die Einladungen, Texte, Gästelisten, alles, was irgendwie meine Kunst und Ausstellungen betrifft selbst wenn möglich.“ Markus nimmt sich die Zeit und plant alles bis hin ins kleinste Detail. Das macht seine Kunst auch so authentisch. Er möchte einen Bezug zu seiner Umgebung aufbauen, denn „so kann ich mich mit meinem Klientel besser identifizieren – es ist etwas Persönliches. Wenn alles aus meiner Hand kommt, habe ich den besseren Bezug dazu. […] Ich nehme mir die Zeit für meine Kunst.“ Wir reden sehr viel über das Thema Zeit, ich möchte wissen, was denn nun Zeit für ihn ist. Nach einer kurzen Denkpause sagt er:

Zeit ist Luxus.

THE CUBE - Lightning, Detail
Markus C. Ender, THE CUBE – Lightning, Detail,
2016 |© Markus C. Ender

Dem stimme ich zu. „Ist Zeit ein Problem unserer heutigen Gesellschaft?“, hake ich nach. „Definitiv“, antwortet er zügig. „Ich habe mich nicht ohne Grund aus Facebook rausgenommen (max. 2 Std/Woche) oder Whatsapp gelöscht. Schnelllebigkeit ist ein Phänomen unserer Gesellschaft.“ Wir reden über Burnout, Reizüberflutung, Alltag und Freizeit. Ich ergänze: „Zeit ist eine Entscheidung.“

Wenn Zeit Luxus ist, was ist noch Luxus?

„Die Grundbedürfnisse eines Menschen. Die Ansichten haben sich in den letzten zehn Jahren sehr verschoben. Ich erachte Gesundheit, Freunde, eher die kleinen Dinge, die man oft ausblendet oder als irrelevant betrachtet, dennoch aber naturgegeben sind, als wichtig.“ Materielle Güter spielen eine sekundäre Rolle, von wesentlich höherer Bedeutung ist die Art zu leben, wie man sich das Leben aufbaut. Die Frage lautet, wie viel Zeit möchte man für Arbeit und Geld verdienen verwenden, um sich etwas leisten zu können und vor allem „kann ich darauf verzichten? Ist es nicht Luxus auf etwas zu verzichten, auch wenn ich es mir leisten könnte?“, fragt er mich. In diesem Sinne wäre Verzicht eine Form des bewussten Luxus. Unsere Diskussion führt uns von einem Thema zum Anderen. Wir unterhalten uns über Bescheidenheit, vor allem über das Streben nach mehr und Neid. Markus sieht in dieser Steigerung eine Parallele zur Gesellschaft. „Die meisten sind sich gar nicht bewusst, dass sie neidisch sind o. ä. Das wird bei einem selbst oft übersehen.“

Wie würdest du den Prozess des Bewusst-werdens erklären?

„Ich bin der Meinung, dass das nur funktioniert, wenn man sich komplett aus der Gesellschaft zurückzieht und alles mal kurz hinter sich lässt.“ Man nimmt sich somit die Zeit über gewisse Sachen nachzudenken, zu reflektieren – auch über sich selbst – und vielleicht sogar einzusehen. „Manche gehen Fahrrad fahren, gehen den Jakobsweg oder machen einen Rucksackurlaub“, ergänzt er. Ich kenne niemanden, der nicht unverändert von so einer Reise Heim gekehrt ist, schießt es mir kurz durch den Kopf. „Das sind stets bewusste Entscheidungen“, unterbricht Markus meinen Gedankengang.

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Markus C. Ender, No Blood On My Clothes,
2016 |© Markus C. Ender

„Viele sind auf der Suche nach etwas, nach etwas Unerfülltem, die meisten nach sich selbst, dabei ist man selbst die Erfüllung. Egal, was man sucht, man findet es stets bei sich selbst“, sage ich. „Dazu muss man aber zunächst die Einstellung zu sich selbst ändern“, ergänzt er und führt fort: „Wenn man sich selbst nicht mag, wie soll man dann andere mögen?! […] Warum reden so viele Leute über andere? Warum wird gelästert wie am laufenden Band?“

Wir entscheiden uns spontan eine neue Version der sieben Todsünden zu kreieren: Lästern, Schnelllebigkeit, Egoismus, Falschheit, Selfietum (Narzismus). Fünf haben wir letztendlich geschafft, zwei bleiben erstmal offen. Wir einigen uns darauf, dass unsere Liste in progress ist und knüpfen an unsere Unterhaltung an.

LUXUSKRIEGER Nr.1
Markus C. Ender, LUXUSKRIEGER Nr.1,
2016 |© Markus C. Ender

„Magst du noch einen Kaffee oder vielleicht lieber einen Sekt?“, fragt er mich. Ich wanke mit meinem Kopf hin und her, entscheide mich aber für ein Gläschen Sekt. Markus freut diese Entscheidung auch. Offensichtlich hat er nur darauf gewartet. Er schenkt uns ein, wir stoßen an und er setzt sich wieder hin.

„Dein Künstlername ist Einsteins Formel der Äquivalenz von Masse und Energie: E=mc²“, leg ich los. „Das sind meine Initialen.“ „Klar, aber das ² (Quadrat) steht sicherlich für Rittersport, weil quadratisch, praktisch, gut, oder?“ Markus lacht. „Was ist denn dein Lieblings-Rittersport?“, möchte ich wissen.

 

Marzipan

…, antwortet er lässig. „Dunkle, herbe Schokolade mit Marzipan“, fügt er hinzu. Gut, das schmeckt mir auch, aber ich liebe Nugat und Haselnuss. Wir verlieren immer zunehmender den Faden, bis wir schließlich über passende Namen für Mops-Hunde zu sprechen kommen.

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Markus C. Ender, Adieu mon coeur,
2016 |© Markus C. Ender

Durch die Baubranche wurde Markus an die Fotografie herangeführt. „Deshalb auch der Fokus auf Licht und Schatten, auf Strukturen.“ „Auch das Statische, bzw. die Suche nach der Bewegung oder die Idee des Mosaikbildes“, ergänze ich nach einer kurzen Pause. Markus nickt lächelnd. „Ich fotografiere jeden Tag, d.h. ich dokumentiere meinen Tag fotografisch.“ Er ist ein sehr visueller Mensch, der gewisse Momente festhalten möchte. So sind auch die Urban-Art-Bilder entstanden.

Bei Porträtfotografie gibt er keine Anweisungen, denn er möchte den Menschen so wie er ist abbilden, sodass die Fotografien nicht gestellt aussehen. Am Beispiel des Werkes Edgar Allan Poe, sieht man deutlich, dass sich Florian Rottensteiner wohl gefühlt hat. „Ich habe ihn einfach machen lassen…“, sagt Markus. „… und bin dann auf seine Bewegungen eingegangen.“

Was hältst du von Mode?

„Mode kann eine Form von Eitelkeit sein, aber Mode kann auch da sein um sich zu schützen. […] Wie man sich präsentiert, was man an hat, ist eine Fassade.“ Mode entscheidet oftmals über den ersten Eindruck einer Person (sieht diese gepflegt aus oder nicht). Sie ist eine Form von Repräsentation. „Kann man der Mode entgehen?“, frage ich. „Auch hier gilt: weniger ist mehr und mehr Qualität statt Quantität. Deshalb ist mir Slow-Fashion sehr wichtig.“ Slow-Fashion ist das Gegenteil von Fast-Fashion, d.h. nachhaltige Qualität (Herstellung, Produktion, Materialien, Fairtrade, etc.). „Mode ist natürlich ein Statement, aber viele gehen leider sehr leichtfertig damit um.“ Reduktion auf das Wesentliche scheint ihm sehr wichtig zu sein. Andere müssen sich durch Kleidung immer wieder neu erfinden, jedem Trend hinterher jagen, aber ob dieser Weg einen auch glücklich macht, daran zweifelt Markus. „Man muss sich erst settlen, sich definieren, mit sich selbst ins Reine kommen, damit man weiß, woher man kommt, wo man steht und wohin man möchte. Man muss auch nicht immer wissen wohin man möchte, es reicht auch schon zu wissen: ich komme von dort her und bin an dem Punkt.“ Das hat er sehr schön gesagt, denke ich kurz.

Zu wissen, wo man ist, genügt.

Ich mache ihm ein Kompliment und fasse kurz zusammen. Dass man den Augenblick definiert hat, dass man weiß, wo man steht. Dass man sieht, welche Türe vor einem offen und welche geschlossen sind. Das ist die Gegenwart. Er fragt: „Fängst jetzt zu reflektieren an, oder wie?“

 

 

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