Dominik Steiger. Retrospektive.

Dem am 12.1.2014 verstorbenen Künstler Dominik Steiger (geb. 1940) widmet die Kunsthalle Krems vom 15.11.2014 bis zum 8.2.2015 eine umfassende Retrospektive. Anlässlich dieser ist ein 432 starker Katalog erschienen.

Ein Doppel- ja sogar Mehrfachbegabter, der nicht nur literarisch, sondern auch künstlerisch vielseitig tätig war.

Der Katalog unterteilt das Werk Steigers in vier große Bereiche:

Literatur – Kunst – Gemeinschaftsarbeiten – Musik.

Im ersten Abschnitt „Literatur“ zeigt Thomas Eder mit dem Beitrag „Hoch über Downingstraße 10 der Literatur / dieser Garten. Eine Auswahl aus dem literarischen Werk von Dominik Steiger“ (S. 16 – 26), dass Steigers literarisches Werk ein Gemenge aus unterschiedlichen Traditionen und Stilen ist (S. 16). Die Begegnung mit der Wiener Avantgarde, aber auch den Künstlern des Wiener Aktionismus ließ Steiger die beiden Pole ihres künstlerischen Anspruchs aufgreifen (S. 16). Ein gelungener Überblick über die Entwicklung des literarischen Werks von Steiger, die von Prosatexten (zB Wunderpost für Co-Piloten. Erzählungen, 1968), über die Verbindung von Text und Körper (Zeichnungen vom Knöchelchen-Typ ab 1972/73), den WAS-IST-WAS-GEDICHTEN (1982), bis zu den ab 1997 entstehenden Prosaminiaturen (Sinngummis, „à la minute“) reicht (S.16-18).

Ein weiterer Beitrag zum literarischen Werks Steigers ist jener von Barbara Kalender und Jörg Schröder, Zu Dominik Steigers Intervention auf dem Frankfurter Provo-Fest während der Buchmesse 1967, S. 58-59.

Mit Peter Weibels Text, Der freie Fluss der Laute und Zeichen. Zu Dominik Steigers biometrischen Texten und wilden Zeichnungen, S. 60 – 63, beginnt der zweite Abschnitt „Kunst“. Hans-Peter Wipplinger widmet sich mit „a picture is a voiceless poem.“ den „Spielarten der Zeichnung im Werk Dominik Steigers (S. 76 – 93). Gleich der erste Satz betont wieder die Mehrfachbegabung des Künstlers:

„Literatur, Musik, performative Aktion, Malerei, Zeichnung, Druckgrafik und Collage, Fotografie und Objektkunst: Dominik Steiger lässt sich weder in ein mediales noch in ein stilistisches Korsett zwängen.“ (S. 76). Am Anfang stand das Wort (S. 76), nach ersten literarischen Erfolgen Mitte der 60er Jahre begann er das Wort in die bildende Kunst zu überführen (S.79). Als Impulsgeber werden Joseph Beuys und Dieter Roth angeführt (S. 81). Die piktogrammartigen Zeichnungen der Knöchelchen-Reihe entsprangen einer Zergliederungsphase, die zeichnerischen, meist konkreten Aquarelle ein Ausdruck der „Zeit der Zusammensetzung (S. 87). Die sogenannten Exzerptmarterln (1980), in denen er Gelesenes transkribierte und exzerpierte und aus den unterschiedlichsten Wissensgebieten Informationensplitter zusammensetzte, entstanden im Jahr 1980 (S. 90). Die Konversationsgrafiken der 90er Jahre sind eine Serie von collagierten Zeichnungen, die das Prinzip der Exzerptmarterln aufnahmen, aber ohne schriftsprachliche Anregung zur Auseinandersetzung auffordern (S. 90). Steigers Interesse am historischen Dokument als motivstiftender Bedeutungsträger wird durch die Verwendung von Blättern aus alten Briefmarkenalben in der Serie Markenbilder deutlich (S. 90).

Am Schluss seines Beitrages versucht Wipplinger die Methode des Zeichnens von Dominik Steiger zu beschreiben und versucht eine Analogie zu Heinrich von Kleists Erkenntnis, dass sich Ideen beim Reden einstellen, denn letztlich würde auch Steiger seine Ideen im Prozess des Zeichnens generieren (S. 93).

„Dominik Steiger. Zéro de conduite. Kollaborationen und Zusammenspiele“ von Peter Weibel, S. 186-197, eröffnet den dritten und umfangreichsten Abschnitt des Katalogs – die Gemeinschaftsarbeiten. Folgende Beiträge runden diesen Teil ab:

  • Gerhard Rühm, tagträume und wachpost zu bildern von dominik steige, S. 270-271.
  • Brigitte Huck, Kulturcollagen. Das Prinzip Montage im Werk Dominik Steigers, S. 272-285.
  • Benedikt Ledebur, tagtraumarbeiter-leicht. Der psychoanalytische Bezug von Witz und Traum im Werk Dominik Steigers, S. 362-367.

Bemerkenswert ist, dass sich die Mal- und Schreibtechniken der Künstlerkollegen von Steiger nicht wiederholt oder ihnen entgegnet, sondern er „verwandelt die Zeichen in Rufzeichen, die Fragen in Fragezeichen“ (Weibel, S. 197). Der Katalog zeigt Zusammenarbeiten mit Josef Beuys, Günter Brus und Gerhard Rühm. Mit Bois, Holz-Assemblagen voller ironischer Anspielungen, reflektiert er den Besuch Beuys und erweitert sein Gesamtwerk auf skulpturale Elemente (S. 279).

Der vierte und letzte Abschnitt widmet sich der Musik. Thomas Miepgang untersucht in „Die Entkorksung der Automatismen. Über Dominik Steigers musikalische Mitteilungen“ (S. 368-375) Dominik Steigers Verein für musikalische Privataufführungen. Ein Begleitinstrument (Gitarre, Akkordeon oder Bontempi-Orgel) und dazu die Stimme von Dominik Steiger. Ein Bericht über das musikalische künstlerische Schaffen Steigers im Kontext mit seinem Gesamtkunstwerk.

Den Abschluss bildet das Kapitel „Dominik Steiger 1940 – 2014“ und folgender Beitrag – Susanne Längle, Hört dieses Lied. Akkkorde zu Dominik Steigers Autobiografie künstler-nativität (S.388-409).

Fazit: ein rund um in sich geschlossener und stimmiger Katalog, der den Künstler und sein Gesamtkunstwerk würdigt und letztlich dazu beiträgt, dass der Künstler Dominik Steiger nicht vergessen wird.

Facts:

Künstler: Dominik Steiger (1940-2014)

Umfang: 432 Seiten mit zahlreichen Abbildungen

Verlag: Walther König

Preis: 29,90 Euro im Shop der Kunsthalle Krems / 39,50 Euro im Buchhandel (besondere Ausgabe)

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