Noch ein Freund!

Als Flüchtlingskind besuchte ich mit fünf Jahren das erste Mal das Folkwang Museum in Essen. Das war am 01. Januar 1993. Ich kann mich zwar nicht mehr an die Ausstellung erinnern, aber das Gefühl von Langeweile ist mir in Erinnerung geblieben. Ich wollte logischerweise lieber spielen.
Paul Gauguin. Das verlorene Paradies (17.6.1998 bis 18.10.1998), besuchte ich als Elfjährige, das war mein zweiter Besuch, daran kann ich mich sehr gut erinnern. Der Ausstellungskatalog ist vor kurzem in meinen Besitz übergegangen (diesen hatten meine Eltern erworben). Damals war ich mehr von den Leuten fasziniert, die vor den Bildern standen, das Gesicht nachdenklich verzogen und verschiedene, merkwürdige Gesten machten. Wär hätte zu dieser Zeit gedacht, dass ich eines Tages Kunstgeschichte studieren würde?

Während meiner Studienzeit – 2008 muss das gewesen sein – absolvierte ich zudem ein mehrwöchiges Praktikum im Museum Folkwang. Mit der mir zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Software MuseumPlus sollte ich die Datenbank der Sammlung bearbeiten, doch glücklicherweise freundeten wir uns schnell an und die Mission Impossible war doch nicht so impossible wie zunächst gedacht.

Nun war ich wieder einmal dort, um mir einerseits die aktuellen Ausstellungen in Begleitung meiner Frau Mama anzusehen und andererseits, um meine Eindrücke im und für den Blog festzuhalten.

Zunächst besuchte ich die Ausstellung Thomas Struth – Nature & Politics (4. März – 29. Mai 2016). Thomas Struth ist 1954 in Geldern, in den Niederlanden, geboren und studierte an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf zunächst Malerei unter Peter Kleemann und Gerhard Richter, später dann Fotografie bei Bernd und Hilla Becher. Deren Einfluss ist in seinem Œuvre deutlich erkennbar. Heute lebt und arbeitet der Künstler in Berlin und New York, wo er auch kurz nach dem Studium dank eines Stipendiums der Kunstakademie Düsseldorf Zeit verbracht hatte und eine Einzelausstellung im MoMA PS1 erhielt.

Die aktuelle Ausstellung behandelt das Sujet konstruierter Landschaften: sakrale Räume, Straßenzüge, ein Erlebnispark oder eine Forschungseinrichtungen, etc. – im Großen und Ganzen handelt es sich hierbei um von Menschenhand konstruierte Landschaften. Die großformatigen Werke zeigen den Fortschritt des Menschen am Beispiel der Technologien, Apparaturen, Maschinen und Anlagen. Es scheint als bieten seine Arbeiten einen detaillierten Blick hinter die Kulissen, doch die Mechanismen, das Funktionieren der Maschinen und ihre eigentliche Funktion bleiben dem unwissenden Betrachter im Verborgenen.

Die ca. 6 m hohen Räumlichkeiten bilden ein offenes und weitflächiges U. Drei vielleicht je 4 m hohe, an sich geschlossene Raumteile bieten weiteren Platz für Werke. Diese sind gut verteilt und voneinander unabhängig, d.h. die Hängung der Bilder ist auf den ersten Blick weder chronologisch, noch thematisch  strukturiert. Doch Struth betreibt eine intensive Auseinandersetzung mit der Welt des Menschen oder das Vereinnahmen der Natur durch den Menschen. Somit ist auch der Betrachter mit Themen wie Technologie, Fortschritt, Rohstoffe, Medizin, Politik, Religion, Tradition, Entertainment und Macht konfrontiert.

Die einzelnen Themenbereiche scheinen zwar im Raum willkürlich verteilt zu sein, doch ist diese spontan wirkende Reihenfolge der Motive sehr gut durchdacht. Sie kontrastieren sich und lassen somit einen direkten Vergleich zu. Nicht umsonst bildet das Werk Seestück, Donghae City, 2007, den Abschluss der Ausstellung. Einerseits ist dies das einzige Motiv, dass die Natur ohne menschliche Einwirkungen zeigt, andererseits ist das Bild am Ausgang der Ausstellung so platziert, dass nur dieses Werk (ohne freien Blick auf die anderen Bilder) zu sehen ist. Mit dem Gedanken Was auch immer der Mensch konstruiert, die Natur wird auch dieses überdauern… verließ ich den Ausstellungsbereich.

Folkwang Museum (4)

 

Anschließend machte ich ein paar Selfies auf dem Museumsklo. Die Symmetrie, die geometrischen Linien, als auch der Fluchtpunkt, der in die Unendlichkeit führt, begeisterten mich sehr.

Folkwang Museum (1)

 

Vielleicht sollte ich mehr Selfies machen. Vielleicht sollte ich eine eigene Selfiereihe anstreben, namens:
Selfies im #Museumsklo.

 

Nach dieser ausgiebigen Pause, sah ich mir die Ausstellung zu Pierre Soulages und Los Carpinteros an.

Von dem Künstlerduo Los Carpinteros, bekannt als Dagoberto Rodriguez Sánchez (*1969, Kuba) und Marco Antonio Castillo Valdés (*1971, Kuba), war ich besonders angetan. Ihr „Yelmo“ ist ein Regal und ein architektonisches Kunstgebilde in Form eines Helmes zugleich. Es ist durch indirektes Licht beleuchtet und begehbar. In die wabenförmigen Öffnungen kuratierten die Künstler Gegenstände aus der Museumssammlung, die als ich die Ausstellung besuchte, gerade ausgeräumt wurden, um Platz für die kommende Ausstellung zu machen. Die Leihgabe ist für fünf Jahre vorgesehen.

In einer anderen Räumlichkeit wurden Werke von Pierre Soulages, die zwischen 1952 und 1955 entstanden sind, mit seinen großformatigen Werken von 2015 gemeinsam ausgestellt. Zugegebenermaßen, war ich von dem Peinture 30. Octobre 2015 besonders begeistert. Bei Soulages spielt die Farbe Schwarz eine große Rolle, denn Licht formt sein Outrenoir-Werk. Durch die pastose Auftragung erzeugt, bzw. formt der Künstler mit der Farbe Rillen, Formen oder Furchen, die wiederum durch den Lichteinfall bedingt ein Schattenspiel auslösen. Die Lichtverhältnisse verändern sich stets mit dem Betrachterstandpunkt oder mit der Bewegung des Betrachters mit. Auf mich wirkte die Farbe Schwarz mal matt, mal glänzend, mal erschien sie in verschiedenen Grauabstufungen – das Bild atmete mit mir mit und war dadurch lebendig.

Der Kurzfilm Pierre Soulages: Outrenoir von Barbara Anastacio wurde präsentiert, somit konnte man einen ungefähren Eindruck vom Schaffen des Künstlers erhalten. „Je vais dormir… Puis je commence…“

…Et alors, je commence!

Zum Abschluss schaute ich mir die Ausstellung Tomi Ungerer – INCOGNITO (18. März – 16. Mai 2016) an. Tomi Ungerer ist 1931 in Straßburg geboren und ein französischer Grafiker, Maler, Illustrator und Schriftsteller. Um von der Homepage des Museums zu zitieren: „Erstmals wird dieser wichtige Aspekt im Schaffen Tomi Ungerers anhand von 160 Werken aus sechs Jahrzehnten vorgestellt, die in enger Abstimmung mit dem Künstler ausgewählt wurden.“ Ja, es gab wirklich sehr viel zu bestaunen. Zudem wurde der Dokumentarfilm Far Out Isn’t Far Enough: The Tomi Ungerer Story (Franz.: L’esprit Frappeur) vom amerikanischen Regisseur Brad Bernstein gezeigt. Dieser ist 2012 entstanden und wurde erstmalig beim Toronto International Film Festival 2012 aufgeführt.

Ab 1950/1 ist Tomi viel auf Wanderschaft, bis er 1953 nach Straßburg zurückkehrt und an der Ecole Municipale des Arts Décoratifs seine Ausbildung beginnt. Nachdem er bereits 1954 die Schule verließ, arbeitet er zunächst als Werbezeichner und Schaufensterdekorateur, doch 1956 zieht er nach New York, wo er auch seine Frau Nancy White kennenlernt. Mit seinem ersten illustrierten Kinderbuch The Mellops Go Flying, erschienen im Verlag Harper & Row, erhält er bereits ein Jahr darauf seine erste Auszeichnung, den Preis des Spring Book Festivals. In München lernt er, ebenfalls 1957, Daniel Keel, den Gründer des Zürcher Verlags Diogenes, kennen, der in weiterer Folge sozusagen sein „Hauptverlagshaus“ wird. 1976 zieht Tomi mit seiner zweiten Frau Yvonne Wright nach Irland. Er lebt und arbeitet in Straßburg und Cork.

Folkwang Museum (3)

In seinem Werk behandelt er teils autobiografische Erlebnisse, z.B. den zweiten Weltkrieg, er setzt sich aber auch mit der Emanzipation der Frau, das Verhältnis und die Unterschiede von Mann und Frau, daher auch Sehnsüchten, Begierden und Fetischen auseinander. Sein Œuvre ist äußerst gesellschaftskritisch, was seine Zitate widerspiegeln:

Warum wiederholt sich die Geschichte? Weil wir schlechte Schüler sind und ihre Lektionen nicht lernen wollen,

selbst wenn wir sie erlebt haben.

Leider ist das Fotografieren der Ausstellung nicht gestattet, also habe ich ein paar Zitate, oder besser: Lebensweisheit, notiert:

  • „Streng protestantisch erzogen, habe ich die Moral bewahrt und den Puritanismus durch Erotismus ersetzt: ein Exorzismus.“
  • „Das Absurde hilft uns die Realität in die richtige Perspektive zu rücken.“
  • „Man muss seine Obsession willkommen heißen wie Stammgäste, mit einem Funken Neugier, um sie besser zu verstehen.“

Tomi scheint ein bodenständiger und sehr humorvoller Zeitgenosse zu sein. Die Ausstellung bot eine wunderbare Gelegenheit den Künstler kennenzulernen. Neben den vielen Illustrationen und Bildern ist mir ein sehr weises Zitat besonders in Erinnerung geblieben:

Die Liebe ist ein Abgrund mit Sprungbrett.

Und genau so ist auch sein Werk, man muss sich darauf einlassen, um überrascht und begeistert zu werden. Na, vielleicht habe ich nun neben Joseph Cornell einen weiteren Freund gefunden. Zumindest fühlt es sich so an.

Herzlichen Gruß aus Wien nach Essen!

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