Rezension – Museum der Träume

Die Beschreibung von Kunstwerken lernt man als StudentIn der Kunstgeschichte gleich im ersten Semester und lässt einen nicht mehr los. Vom Erstsemester bis zum/r DissertantIn ohne Kunstbeschreibung kann man schwer als KunsthistorikerIn tätig sein und dies bedarf einer jahrelangen Übung. Kunstwerke werden allerdings nicht nur beschrieben, sondern auch interpretiert – und hier gibt es eine Vielzahl an Methoden – ikonographisch – ikonologisch – hermeneutisch – rezeptionsästhetisch – feministisch – kunstsoziologisch – politisch – diskuranalytisch – und viele weitere. Siehe dazu auch unsere Blogparade #KuGeMethode. Umso mehr war ich als Kunsthistorikerin gespannt, wie Schriftsteller nun über Kunstwerke schreiben. Erfolgt hier eine Kunstbeschreibung ? Oder werden möglichst frei zum jeweiligen Bild Geschichten erfunden ? Das Ergebnis kann sich sehen und lesen lassen.

Das Buch „Museum der Träume. Schriftsteller schreiben über Meisterwerke der Kunst.“ ist 2014 im Brandstätter Verlag erschienen und erhielt am 4. März 2015 die Auszeichnung „Das schönste Buch Österreichs“ in der Kategorie „Allgemeine Literatur“:

Cover © Brand­stät­ter Verlag

Im Museum der Träume werden 25 literarische Texte unterschiedlichster Schriftsteller zu Kunstwerken der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums gesammelt und gekonnt präsentiert. Dem Buch beigefügt ist ein Plan der Gemäldegalerie, der den Standort des jeweiligen Kunstwerkes zeigte.

Aufbau des Buches

Der Aufbau ist durchgehend derselbe, einem Wort, folgt ein Gemälde, ein Zitat, der Text, eine Werkbeschreibung sowie ein Word Press Photo. Ein Beispiel anhand des Textes von Walter Kappacher:

  • Wort – „Zeit“
  • Gemälde – „Lukas Furtenagel, Der Maler Hans Burgkmair und seine Frau Anna, 1529“
  • Zitat aus dem Text – „Ein rätselhaftes Bild, ich werde damit nicht fertig“
  • Text – Titel: „Spiegelbild“
  • Prägnante, knappe, kunsthistorische Werkbeschreibung
  • Word Press Photo – „Eine Frau sitzt auf einer Mülldeponie von Dandora, Kenia“ – Fotograf: Michah Albert

Walter Kappacher verfasst mit seinem Text etwas, dass einer klassischen Kunstbeschreibung am nächsten kommt. Er berichtet über den Maler des Gemäldes, Lukas Furtenagel, über die Portraitierten – Hans und Anna Burgkmair, schildert gekonnt den Lebenslauf der beiden Maler und interpretiert letztlich das Dargestellte, womit er auch ziemlich den Kern der kunsthistorischen Werkbeschreibung trifft.

Eine präg­nante, knappe, kun­sthis­torische Werkbeschreibung beendet den jeweiligen Beitrag der AutorInnen.

Was allerdings dem Buch nicht zu entnehmen ist, ist eine Beschreibung der WordPress-Fotos sowie eine Begründung der Auswahl des jeweiligen Bildes, allerdings bietet die WordPress-Photo-Webseite hier Abhilfe. Auf der Homepage können die Fotos sowie eine ausführliche Bildbeschreibung (hier zB jene des Fotos: „Eine Frau sitzt auf einer Mülldeponie von Dandora, Kenia“ gesucht und nachgelesen werden, die für den Kontext für Bild, Text, Wort und Foto sehr hilfreich sein kann.

Für das von Walter Kappacher verwendete WordPress-Foto „Eine Frau sitzt auf einer Mülldeponie von Dandora, Kenia“ liefert WordPress folgende Bildbeschreibung:

„Eine Frau sitzt auf der Mülldeponie von Dandora, einem Vorort von Nairobi, Kenia, auf Müll, den sie gesammelt hat. Sie sagt, dass sie beim Müllsammeln als Pause gern mal in Bücher sieht, sogar in Industriekataloge. Diese etwa 8 km vom Zentrum der kenianischen Hauptstadt entfernt liegende Müllhalde, ist eine der größten Afrikas. Die Menschen in den Slums der Umgebung leiden unter einem erhöhten Bleigehalt im Blut und erkranken überdurchschnittlich oft an Krebs- und Nierenkrankheiten. Die aus dem faulenden Müll aufsteigenden Gase führen zu vielen Atemwegserkrankungen. Trotz des hohen Gesundheitsrisikos leben 6.000 bis 10.000 Menschen vom Müll. Sie suchen Lebensmittelreste, Gegenstände, die sie verkaufen können oder Recyclingmaterial. Informelle Kartelle leiten das Recycling und zahlen den Sammlern etwa € 2 am Tag. Die 1975 eröffnete Müllhalde hätte –internationalen Umweltschutzgesetzen zufolge– nach 15 Jahren geschlossen werden müssen. 2001 erklärte man, die Halde sei voll, aber sie wird immer noch genutzt.“ – Zitat stammt vo WordPress Foto – Link.

So vielfältig die Autoren, genauso vielfältig sind die Texte. Der Bildbeschreibung und -analyse Kappachers folgt eine Ich-Erzählung von Maja Haderlap. Lots Tochter bringt ihren inneren Monolog, ihre Zerrissenheit, ihre Sorgen, zum Ausdruck. Franz Schuh drückt das „Dilemma“ der Bildbeschreibung sehr anschaulich, in seinem Text zu „Der Humanist Jacob Ziegler“, aus:

„Zum geringsten Teil kann ich sagen, was auf dem Bild zu sehen ist: angeblich oder sicher ein gewisser Jacob Ziegler. Zum größten Teil muss ich sagen, was ich in das Bild hineinsehen kann – Projektion ist das Geschäft des unwissenschaftlichen Betrachters.“

Der Text „Nackt“ von Thomas Glavinic zu Rubens „Das Pelzchen“ beginnt mit einer Instruktion für die Aufführung – „Eine nackte Frau steht vor Rubens‘ Pelzchen auf einem Podest und deklamiert folgenden Text:“ – Ein Text in Ich-Form geschrieben, ein innerer Monolog ? Nein, eine offene, herausfordernde direkte Anrede, den Körper der Frau milimeter-genau mit den Augen abzutasten, mit einem überraschenden Ende – eine Aufforderung an den Betrachter.

Die Texte sind mal Theaterstück (Paul Hochgatterer), mal gehen sie in mehr in Richtung Bildbeschreibung, gemeinsam ist allen, dass das Kunstwerk auf eine bemerkenswerte Weise die Hauptrolle in ihnen spielt. Jeder neuer Abschnitt birgt eine überraschende Wendung, beim Lesen habe ich vorab versucht, das Wort und das Zitat im Hinterkopf bewahrend, das besprochene Kunstwerk im Hinblick auf beide zu betrachten. Kannte man das literarische Werk des jeweiligen Autors umfassend, dann versuchte ich vor dem Lesen des Textes, zu überlegen, was zB Clemens Setz oder Juli Zeh geschrieben haben konnte. Auch das barg überraschende Einsichten für mich, aber vor allem der Kontext des WordPress-Fotos zum jeweiligen Beitrag hat mich etwas länger beschäftigt. So manches ausgewählte Foto erschien mir in dem Zusammenhang nicht passend und ich persönlich hätte so ein anderes Bild gewählt (so zB beim Text von Juli Zeh – Hinter dem Zaun, der hinter dem Schlagwort Ghetto folgt und zu dem Gemälde „Infant Don Carlos“ von Alonso Sánchez Coello von 1564 verfasst wurde. Da habe ich lange mit Eva über die Auswahl des WordPress-Foto „Nach dem Erdbeben von Haiti“ diskutiert.)

Grundlage des Buches / Projekt Ganymed

Die Texte entstammen dem Projekt von Jacqueline Kornmüller und Peter zu Ganymed Boarding, Ganymed goes Europe und dem im Herbst 2015 folgenden Ganymed Dreaming. Wie schon oben erwähnt, verfassten die unterschiedlichsten Schriftsteller zu Kunstwerken des Kunsthistorischen Museums Texte jeglicher Art, die im Zuge der Ganymed-Abenden von diversesten Schauspielern, Tänzern und Musikern interpretiert und vorgetragen wurden.

Nähere Informationen findet man auf der Webseite Wennessoweitist bzw. auf der KHM-Ganymed-Homepage.

Video zu Ganymed

Quelle: Youtube – hinaufgeladen von – wennessoweitist

In diesem Video sieht man die unterschiedlichsten SchauspielerInnen wie sie die Texte der Autoren im Kunsthistorischen Museum vortragen. Zum Beispiel die großartige Erni Mangold mit dem Text von Franz Schuh – Humanismus, vergangen und präsent – zu dem Gemälde „Der Humanist Jacob Ziegler“ von Wolf Huber, 1544/49 (im Buch S. 40-43).

Fazit

Das Zusammenspiel von Kunstwerk und Literatur ist bemerkenswert. Ein spannendes Buch für Literatur- und Kunstliebhaber, mit überraschenden Texten, das beim Lesen nie langweilte und zu teilweise heftigen Diskussionen verführte. Die Gestaltung des Buches gefiel mir gut. Kritisch ist lediglich nur zu bemerken, dass bei den Zitaten durch die Bindung so manche Buchstaben beschnitten sind. Durch die Fortsetzung der Ganymed-Abende ist wohl auch eine Fortsetzung des Buches mit weiteren Texten zu erwarten.

Wir danken dem Brandstätter Verlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplares.

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