Schicksalswege – Von Bildern und Sammlern – Fall 2

Berliner Straßenszene von Ernst Ludwig Kirchner

„Wenn von der ebenso spektakulären wie umstrittenen Rückgabe und Auktionierung der „Berliner Straßenszene“ von Ernst Ludwig Kirchner aus dem Brücke-Museum für Berlin etwas geblieben ist, dann ist es eine neue Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem Thema Restitution.“

Rolf Lautenschläger, taz 24.3.2010.

Bildbeschreibung

Das Hauptwerk des Brücke Malers, Ernst Ludwig Kirchner, Berliner Straßenszene, entstanden 1913, zeigt in seinem typischen, hektischen Pinselduktus der Berliner Zeit eine Szene aus der schnelllebigen Metropole Berlin am Vorabend des Ersten Weltkrieges.[1] Dominiert von zwei Prostituierten und deren Freier in einer anonymen Menschenmenge, durchdrungen von einer Mischung aus subtiler Erotik und scheinbar nervöser Vorahnung der kommenden Ereignisse.[2] Die nervöse Hektik der Situation in den engen, sich oft überdeckenden Pinselzügen kommt hier wunderbar zum Ausdruck. Das Gemälde ist 121 x 95 cm groß, Öl auf Leinwand, befindet sich heute nach einem unglaublichen Weg in der Neuen Galerie in New York. In einem Schreiben des Künstlers an den Sammler Carl Hagemann, von dem noch zu sprechen sein wird, beschreibt der Künstler selbst sein Werk:[3]

„Wie stehen diese Figuren zusammen und bilden die ganze Straße mit nichts sonst als 2 Hauseingängen. Wie ist die Bewegung der Passanten in dem Rhombus der Köpfe das sich 2 mal wiederholt gefasst. So wird aus geometrischer Grundform Leben und Bewegung.

Sie ruht auf festen Gesetzen, die aber gerade hier bei diesem Bild neu, dh vom Künstler aus dem Naturerlebnis abgeleitet sind … Gerade dies Bild wäre interessant einmal neben einem Dürerschen zu sehen … “.

Die „Kette der Eigentümer“

Im Jahr 1918 kaufte der Erfurter Schuhfabrikant Alfred Hess, der im Jahr 1931 an den Folgen einer Operation verstarb, die Berliner Straßenszene vom Kunsthändler Ludwig Schames.[4] Das Unternehmen Hess war zu dieser Zeit in finanziellen Schwierigkeiten, die aber durch den Sohn Hans Hess, der durch den Erbverzicht seiner Mutter, Alleinerbe wurde, bis 1933, ausgeräumt werden konnten. Bis zum Jahr 1933 befand sich das Gemälde bei Alfred Hess Witwe, Tekla Hess, die ihren Wohnsitz von Erfurt nach Lichtenfels verlegen musste. Im Oktober 1933 ging Hans Hess, der Sohn von Alfred und Tekla Hess, nach Paris ins Exil.

Die große Kunstsammlung der Familie Hess, die mehr als 80 Gemälde, zweihundert Zeichnungen und Aquarelle und tausende graphische Blätter umfasste, musste irgendwo untergebracht werden.[5] 1932/33 wurden 58 Gemälde, 34 Aquarelle, Zeichnungen, ein Glasgemälde und ein Wandteppich nach Basel zu einer Ausstellung geschickt und zunächst einmal in Sicherheit gebracht.[6] Unter ihnen befand sich auch die Straßenszene. Der Rest der Sammlung verblieb in Lichtenfels. Die Straßenszene wurde unter dem Titel „Straße in Paris“ vom 7.

Bis 29. Oktober 1933 in der Ausstellung „Moderne deutsche Malerei aus Privatbesitz“ in der Kunsthalle Basel ausgestellt.[7] Dieser Teil der Hess-Sammlung ging weiter in das Kunsthaus Zürich, in dem die Straßenszene vom 21. Juni bis 15. Juli 1934 in der Ausstellung „Neue deutsche Malerei“ als Nummer 71 unter dem Titel „Großstadtstraße, Paris“ präsentiert wurde.[8] Nachdem die Ausstellung in Zürich eröffnet wurde, kreuzten sich die Wege von Ernst Ludwig Kirchner und der Familie Hess: Kirchner besuchte mit dem Kunstsammler Carl Hagemann die Ausstellung und zeigte diesem die von ihm geschaffenen Werke der Sammlung Hess.[9]

1936 bat Thekla Hess den Direktor des Kunsthauses in Zürich bestimmte Bilder zu Austellungszwecken in die Kölner Kunsthalle zu schicken, darunter befand sich auch die Straßenszene, die den Namen „Potsdamerplatz“ bzw. Großstadtstraße trug.[10] In den damaligen einschlägigen Sammlerkreisen hatte sich die Ankunft der hochkarätigen Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner herumgesprochen, so auch bei Carl Hagemann, der Kirchner darüber berichtete, der klar stellte, dass es sich bei dem Gemälde „Potsdamerplatz“ um die Straßenszene handle und die Bezeichnung falsch sei. „Wahrscheinlich gehören sie jüdischen Leuten, die wegmüssen …“.[11]

Anzumerken ist, dass sich das Gemälde Potsdamer Platz auch im Eigentum der Familie Hess befunden hatte, dieses aber um 1931 verkauft werden musste, weil es dem Unternehmen finanziell nicht gutgegangen sei.[12] Obwohl die Straßenszene und auch andere Werke aus der Sammlung nur zu Ausstellungszwecken aus der sichereren Schweiz geliehen waren, wurden diese anscheinend vom Geschäftsführer des Kölner Kunstvereins und Kunsthändler Walter Klug zum Verkauf angeboten. [13]

Nachträglich stellte sich heraus, dass Thekla Hess 1936 von Gestapo-Beamten aufgesucht und unter Androhung der Verhaftung gezwungen wurde, den Rücktransport der in Zürich befindlichen Kunstwerke zu veranlassen.[14] Ende 1936 wurde vom Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main die Ausnutzung der durch die Abwanderung jüdischer Kunstsammler überaus günstigen Ankaufsmöglichkeiten, empfohlen. Ob der Frankfurter Sammler Carl Hagemann diese Ansicht teilte, ist nicht bekannt. Bekannt ist allerdings, dass er um die Weihnachtszeit 1936 die günstige Gelegenheit nutzte und die Straßenszene von Walter Klug erwarb.[15]

Vom Juli bis November 1937 zeigte die Ausstellung „Entartete Kunst“ in München 32 Kirchner Werke. Was dies bedeutete: in Berlin allein wurden vierzig Werke, Deutschlandweit 639 Kirchner Werke beschlagnahmt. Am 15. Juni 1938 nahm sich Ernst Ludwig Kirchner „an einem strahlend schönen Morgen“ bei Davos das Leben, Carl Hagemann starb 1940.[16] Seine Erben schenkten 1948 dem Direktor des Städel’schen Museum in Frankfurt, Ernst Holzinger, das Gemälde „Berliner Straßenszene“. Thekla Hess (verstorben am 22.11.1968) und Hans Hess, der am 21.1.1975 verstarb, gelang es nicht den Verbleib der großen Kunstsammlung aufzuklären.[17]

Die Straßenszene befand sich in der Zwischenzeit in Frankfurt, wo sie mit der Provenienzangabe „Privatbesitz“ gezeigt wurde.[18] 1980 verkaufte die Witwe von Ernst Holzinger das Gemälde um 1,9 Millionen DM an die Stadt Berlin, wo es sich bis 2006 im Brücke-Museum befand.[19] Im Jahr 2004 begann das Rückgabeverfahren der Straßenszene, die Tochter von Hans Hess, Anita Halpin, machte die Ansprüche geltend. Im August 2006 wurde der Erbin das Kunstwerk herausgeben. Am 8.11.2006 ersteigerte Ronald Lauder um fast 30 Millionen Euro das Gemälde im Auktionshaus Christies, heute befindet sich die Berliner Straßenszene in der Neuen Galerie in New York.

Rechtsprobleme

Der Sachverhalt rund um das Kirchner Gemälde der Berliner Straßenszene ist sehr komplex und kann in diesem Rahmen nur stark gekürzt und vereinfacht vorgestellt werden. Die öffentliche Auseinandersetzung, seitdem die Enkelin von Alfred Hess die Rückforderungsansprüche geltend machte, nahmen ein ungeheuerliches Ausmaß an.[20] Der Fall Kirchner und die Entscheidung, das Gemälde an die Erbin zurückzugeben, basiert vor allem auf der Washingtoner Erklärung, die eine Selbstverpflichtung der Teilnehmer vorsieht, rechtlich aber nicht bindend ist. Rückgabebegehren können daher auch noch dann geltend gemacht werden wenn kein rechtlich durchsetzbarer Anspruch mehr besteht.

Nicht diskutiert wurde der Umstand, ob überhaupt ein zivilrechtlicher Eigentumserwerb an den Sammler Carl Hagemann erfolgen konnte. Thekla Hess war nicht die Eigentümerin, wie schon erwähnt, war Hans Hess durch den Erbverzicht seiner Mutter, Alleinerbe seines Vaters und somit Eigentümer der Straßenszene. Fraglich ist auch, ob es überhaupt eine Verkaufsorder seitens des Sohnes oder eine Bevollmächtigung dies zu tun von Thekla Hess gab sowie in wessen Auftrag des Bild an Hagemann verkauft wurde. Diskutiert wurde, die Angemessenheit des Kaufpreises und die Redlichkeit des Sammlers, wobei dieser wusste, aus welcher Sammlung die Straßenszene stammt.

Eine Rückgabe hätte daran scheitern können, dass nachgewiesen werden konnte, dass der Kaufpreis verkehrsüblich und angemessen war, dem Alteigentümer Hans Hess ungeschmälert zugeflossen ist und dass der Verkauf auch ohne die NS-Herrschaft erfolgt wäre. Der Kaufpreis von vermutlich 3.000 Reichsmark dürfte angemessen gewesen sein, dies ergibt sich aus der Korrespondenz der Sammler, allerdings gibt es keinerlei Nachweis, dass der Kauferlös Hans Hess zukam. Die Vermutung, dass ein redlicher Käufer ja auch einen Kaufpreis bezahlt hat, steht auf wackeligen Beinen. Zur Frage, ob der Verkauf auch ohne die Herrschaft des Nationalsozialismus durchgeführt worden wäre, gab es keinerlei Hinweis. Da dies nicht nachgewiesen werden konnte, ging dies zu Lasten des aktuellen Besitzers.[21]

Das Gemälde wurde der Erbin am 1.8.2006 ausgehändigt, am 3.8.2006 wurde von Christie’s bekanntgegeben, dass die Straßenszene versteigert werde, dies ist am 8.11.2006 geschehen. Das ist in Deutschland von einigen nicht gut aufgenommen worden, die Reaktionen waren nicht nur herablassend, geschmacklos, nein, sie verharmlosten die erlittenen Schicksale der jüdischen Sammlern, denen die Gemälde entrissen wurden, so wie das von Thekla Hess, der es im Grunde ja „eh gut“ gegangen sei.

Die Reaktionen in den Medien reichten von „Nicht fair und nicht gerecht, da eine Wertsteigerung seit 1980 um das 20-fache allein der Anspruchstellerin zu Gute kommt[22] bis hin zu „Man sagt „Holocaust“, und meint Geld !“.[23] Weiters wurde von den Restitutionsgegnern gefordert, dass endlich ein Schlussstrich gezogen werde, eine endgültige Verjährung, eine Beweislastumkehr zugunsten des aktuellen Besitzers sowie ein mehrjähriges Verkaufs- und Ausfuhrverbot.

Versuch einer tabellarischen Übersicht

Ubersicht1a Ubersicht2 Ubersicht3

Eine ausführliche tabellarische Darstellung der Reise der Berliner Straßenszene befindet sich im lesenswerten Buch von Schnabel/Tatzkow, Berliner Straßenszene. Raubkunst und Restitution. Der Fall Kirchner, Berlin 2008.


 

Fußnoten

[1] Rolf Bothe/Dominik Bartmann, Stadtbilder. Berlin in der Malerei vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart: [Ausstellung im Berlin Museum, 19. September bis 1. November 1987, Berlin 1987, S. 279- 284 sowie Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching. Abbildung der Straßenszene auf Christies: Link.

[2] Katharina Sykora, Weiblichkeit, Großstadt, Moderne, Ernst Ludwig Kirchners Berliner Straßenszenen 1913-1915; Berlin 1996, S. 18 sowie Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching.

[3] Siehe ausführlich zum Restitutionsfall Kirchner Gunnar Schnabel/Monika Tatzkow, Berliner Straßenszene. Raubkunst und Restitution. Der Fall Kirchner, Berlin 2008, hier S. 79.

[4] Melissa Müller/Monika Tatzkow, Verlorene Bilder Verlorene Leben, München 2009, hier S. 49.

[5] Gunnar Schnabel/Monika Tatzkow, Berliner Straßenszene, S. 38 (zit. Anm. 12).

[6] Dies., Berliner Straßenszene, S. 46 sowie S. 49 (zit. Anm. 12).

[7] Dies., Berliner Straßenszene, S. 79 (zit. Anm. 12).

[8] Dies., Berliner Straßenszene, S. 51 (zit. Anm. 12).

[9] Dies., Berliner Straßenszene, S. 51 (zit. Anm. 12).

[10] Dies., Berliner Straßenszene, S. 54 (zit. Anm. 12).

[11] Dies., Berliner Straßenszene, S. 58f (zit. Anm. 12).

[12] Melissa Müller/Monika Tatzkow, Verlorene Bilder Verlorene Leben, München 2009, S. 49 (zit. Anm. 15).

[13] Gunnar Schnabel/Monika Tatzkow, Berliner Straßenszene, S. 58f (zit. Anm. 12).

[14] Dies., Berliner Straßenszene, S. 51 (zit. Anm. 12).

[15] Dies., Berliner Straßenszene, S. 75 (zit. Anm. 12).

[16] Dies., Berliner Straßenszene, S. 80 (zit. Anm. 12).

[17] Dies., Berliner Straßenszene, S. 96 (zit. Anm. 12).

[18] Dies., Berliner Straßenszene, S. 96 (zit. Anm. 12).

[19] Dies., Berliner Straßenszene, S. 96 sowie S. 102 (zit. Anm. 12).

[20] Gesammelte Schlagzeilen siehe in Kapitel 7 „Ein Rückblick auf zwei Jahre Schlagabtausch um die Kirchner-Rückgabe“ in Dies., Berliner Straßenszene, S. 129ff (zit. Anm. 12).

[21] Zur ausführlichen rechtlichen Beurteilung siehe Kapitel 6 „Rechtliche Grundlagen für die Rückgabe der „Straßenszene“ in Gunnar Schnabel/Monika Tatzkow, Berliner Straßenszene, S. 111 (zit. Anm. 12).

[22] Peter Raue, Feuilleton Berliner Tagesspiegel, 24.8.2006.

[23] Bernd Schultz, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.01.2007, Nr. 8, S. 33.

Print Friendly, PDF & Email