Schicksalswege – Von Bildern und Sammlern – Teil 1

„Manches Herrliche der Welt ist in Krieg und Streit zerronnen. Wer beschützet und erhält, hat das schönste Los gewonnen.“ Johann Wolfgang von Goethe

Einleitung

Was bedeutet eigentlich „Schicksalsweg“? Ist das der Lebenslauf eines Menschen oder gar das Festhalten der Aufenthaltsorte eines Gemäldes seit seiner Entstehung? Betrachtet man als Kunsthistoriker ein Bild, so denkt man an den Künstler, an den kompositionellen Aufbau des Gemäldes und an seine Bedeutung und Einordnung in der Kunstgeschichte selbst, an Vergleichsbeispiele anderer Künstler. Gelegentlich denkt man dann noch an den Auftraggeber, an die Benutzungssituation, wofür das Kunstwerk überhaupt geschaffen wurde, an die technische Seite, wie das Kunstwerk beschaffen ist. Selten denkt man aber an jene Personen, die einmal Eigentümer des Kunstwerkes waren und das können bei einem Kunstwerk, das im 17. Jahrhundert geschaffen wurde, eine Menge sein. Im Vordergrund sollen hier weder die kunsthistorische Interpretation noch der kompositionelle Aufbau der jeweiligen Gemälde stehen, sondern vor allem das Schicksal des Bildes und seiner Eigentümer. Jene Sammler, die durch das NS-Regime ermordet, vertrieben, enteignet wurden, sollen nicht anonym bleiben, sondern vorgestellt bzw. wieder in Erinnerung gerufen werden.

Im Mittelpunkt stehen somit das Bild und seine Sammler. Die auf unserem Blog vorgestellten, exemplarisch für zahllose real existierende Fälle, beruhen auf Tatsachen, die auf zahlreiche Literatur, Entscheidungen, Fach- bzw. Presseartikeln und auf unserem Vortrag im Rahmen der Studierendengespräche am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien aus dem Jahr 2010 basieren.

Fall 1 – „Dornröschen, erwache aus deinem Schlaf !“

Mit dem Gemälde Wally von Egon Schiele beginnt vieles. Österreich wurde aus seinem Dornröschenschlaf gerissen und musste sich hinsichtlich mit dem Umgang mit Raubkunst und Restitution etwas einfallen lassen (Letztlich markierte Wally einen Wendepunkt im österreichischen Restitutionsrecht, da in Folge dessen das Kunstrückgabegesetz erlassen wurde, das aber für die Privatstiftung Leopold nicht gilt. Zum österreichischen Restitutionsrecht demnächst hier mehr).

Das “Bildnis Wally (Walpurga) Neuziel”,[1] Öl auf Holz, 32,7 x 39,8 cm groß, 1912 datiert und von Egon Schiele signiert. Schieles Wally ist der Inbegriff eines sensiblen weiblichen Blickes der Unsterblichkeit erlangte. Ihre Arme sind an den schmächtigen Körper angelegt, der Kopf gesenkt, die Augen blicken melancholisch aus dem Gemälde, aber nicht direkt auf den Betrachter, sondern ins Leere. Der körperliche Aspekt wird zum Ausdrucksträger von Wallys Seele:

„Was mich indes an Schieles Bildern und Blättern berührt, und zwar gerade auch an den erotischen Darstellungen, ist, dass die von ihm dargestellten Männer und Frauen fast immer von einer Aura der Trauer und Melancholie umhüllt sind. Als würden sie in der Umarmung schon die Trennung, in der Liebe schon ihren drohenden Verlust erleben.“ [2]

Die „Kette der Eigentümer“

1912 von Schiele gemalt, zunächst im Eigentum von Emil Toepfer bzw. Richard Lany, erwarb Lea Bondi-Jaray zwischen 1920 bis 1925 das Bildnis von Wally, das in ihrer Privatwohnung hing und nicht Teil ihrer Galerie war.[3] Nach dem Anschluss Österreichs musste Lea Bondi nach London fliehen. Ihre Galerie „Würthle & Sohn“ wurde am 3.8.1938 bzw. 1939 von dem mit dem NS-Regime dienenden Kunsthändler Friedrich Welz „übernommen“ bzw. „erworben.[4] Wally und sowie weitere Werke verschwanden. Von amerikanischen Militärbehörden wurde das Gemälde bei Welz sichergestellt und 1947 dem Bundesdenkmalamt übergeben. Allerdings wurde es 1950 irrtümlich an den Sohn von Dr. Heinrich Rieger, der von den Nazis im KZ Theresienstadt ermordet wurde, restituiert.[5] Rieger besaß zwar ein Damenportrait von Schiele, welches aber die Frau des Künstlers zeigte, nicht aber Wally, außerdem handelt es sich bei Wally um ein Ölgemälde und dieses entstand im Jahr 1912, Schiele heiratete erst im Jahr 1915.[6]

Die Erben von Dr. Rieger verkauften Wally im Jahr 1950 (Kaufvertrag vom 27.12.1950) an die Österreichische Galerie.[7] Im Jahr 1949 erhielt Lea Bondi einen Teil ihrer arisierten Sammlung zurück, später erfuhr sie, dass sich die Wally in der Österreichischen Galerie befand. Lea Bondi-Jaray bat Anfang der 1950er Jahre Dr. Rudolf Leopold persönlich, ihr bei der Zurückerlangung der „Wally“ behilflich zu sein.[8] 1954 erwarb Dr. Rudolf Leopold Wally im Austausch gegen das Gemälde „Rainerbub“ von Egon Schiele. 1969 starb Lea Bondi-Jaray, womit auch ihre Rückgabeersuchen (vorerst) ihr Ende fanden.[9]

Ab dem 9.10.1997 befand sich Wally in der Ausstellung „Egon Schiele: the Leopold Collection, Vienna“ im Museum of Modern Art in New York. Am 24. Dezember 1997 erschien in der New York Times ein Artikel, in dem der Vorwurf erhoben wurde, dass mindestens vier Bilder aus dieser Sammlung hätten eine “beunruhigende Vergangenheit“. Am 7.1.1998 wurde „Wally“ von der Staatsanwaltschaft auf Betreiben der Erben der Lea Bondi-Jaray beschlagnahmt. Im Oktober 2005 wurden den Parteien vom Gericht Vergleichsgespräche aufgetragen, die allerdings im Frühjahr 2006 scheiterten. Wally befand sich bis dato in einem Lagerraum der Homeland-Security. Oktober 2009 entschied die Richterin, dass ein Prozess gerechtfertigt sei, bis 14.10.2009 sollten die Parteien darlegen, ob ein Geschworenenprozess benötigt werde oder nicht.[10]

Rechtsprobleme

Rechtsprobleme in diesem Zusammenhang sind vor allem der Gutglaubenserwerb. Dr. Robert Rieger, der Sohn Dr. Heinrich Riegers, dem irrtümlich die Wally zurückgegeben wurde, veräußerte das Gemälde an die Österreichische Galerie. Dieser glaubte Eigentümer zu sein, weil er glaubte, dass dieses Bild aus dem Nachlass seines Vaters stammt.[11] Ein weiterer Streitpunkt ist, dass die Erben erst im Jahr 1997 bezüglich Herausgabe der Wally aktiv wurden. Lea Bondi-Jaray war ab den 1950er Jahren bekannt, wo sich das Bild befand, stellte allerdings keine Herausgabeansprüche bezüglich Wally, weder an Welz, noch an die Rieger-Erben noch an die Österreichische Galerie.[12]

Ausgang

2010 ist Prof. Dr. Rudolf Leopold verstorben. Am 21.7.2010 wurde von der Leopold Stiftung bekanntgegeben, dass mit den Erben von Lea Bondi-Jaray eine Einigung im Fall Wally erzielt wurde. 4577 Tage sind zwischen dem 8.1.1998 und dem 21.7.2010 vergangen und 14,8 Millionen Euro wurden bezahlt. Am 26.7.2010 hätte der Geschworenenprozess beginnen sollen, der Vergleich mit den Erben beendete den Prozess. Wally kehrte am 20. August 2010 nach Österreich zurück.[13]

Das Leopoldmuseum widmet derzeit (27.2. – 1.6.2015) der Portraitierten, Wally Neuziel, eine Schau. Näheres zur Ausstellung und zum Katalog und vor allem zu Wally – siehe demnächst auf In-Arcadia-Ego.

Literaturhinweise

Leopold/Pumberger/Summerauer, Wally Neuziel. Ihr Leben mit Egon Schiele, Wien 2015. Katalog der Ausstellung im Leopold Museum.

Hilde Berger, Tod und Mädchen, Wien 2009.

Diethard Leopold, Rudolf Leopold. Kunstsammler, Wien 2003.

Gunnar Schnabel/Monika Tatzkow, Nazi Looted Art. Handbuch Restitution weltweit, Berlin 2007.

Pfeffer/Rauter, Handbuch Kunstrecht, Wien 2014.

Gabriele Anderl/Alexandra Caruso, NS-Kunstraub in Österreich und die Folgen, Innsbruck 2005

Abbildungen

Weitere Abbildungen sind auf folgendem Pinterest-Board ersichtlich -> Link.

Fußnoten

[1] Das Bildnis Wally Neuziel bildet gemeinsam mit dem Selbstporträt Egon Schieles mit Lampionkirschen und dem Gemälde Kardinal und Nonne eine Art Triptychon, Leopoldmuseum, „Portrait Wally“ kommt nach Wien zurück, 21.7.2010. Zum Schicksal von Wally Neuziel in Form eines Romans, Hilde Berger, Tod und Mädchen, Wien 2009.

[2] Zum kompositionellen Aufbau von Egon Schieles Werken siehe zB Michael Becker, Eine universelle Kompositionslehre, Norderstedt 2010. Zitat von Rudolf Leopold in Diethard Leopold, Rudolf Leopold – Kunstsammler, Wien 2003, S. 48f.

[3] Gunnar Schnabel/Monika Tatzkow, Nazi Looted Art. Handbuch Restitution weltweit, Berlin 2007, S. 393 sowie Standard, 21.7.2010 Das „Bildnis Wally“. Das Handbuch Nazi Looted Art beinhaltet auch einen Glossarteil wo die juristischen Begriffe dargestellt werden. Siehe auch Fritsch in Pfeffer/Rauter (Hrsg), Handbuch Kunstrecht (2014) Rz 10/72 – III. Besonderheiten – A. Leopold Museum Privatstiftung – MSiehe auch Fritsch in Pfeffer/Rauter (Hrsg), Handbuch Kunstrecht (2014) Rz 10/72 – III. Besonderheiten – A. Leopold Museum Privatstiftung Michalek Kommission.

[4] Gert Kerschbaumer, Gutgläubiger Erwerb oder institutionelle Habgier in: Gabriele Anderl/Alexandra Caruso, NS-Kunstraub in Österreich und die Folgen, Innsbruck 2005, S. 159-170, hier S. 160 bzw. am 3.4.1938 laut Leopold, Rudolf Leopold, S. 267 (zit. Anm. 2).

[5] Standard, 21.7.2010, Leopold-Museum bestätigt Einigung, erläutert Finanzierung.

[6] Kerschbaumer, Gutgläubiger Erwerb oder institutionelle Habgier, S. 117, S. 124 sowie ab S. 130 (zit. Anm. 4).

[7] Ders., Gutgläubiger Erwerb oder institutionelle Habgier, S. 114 (zit. Anm. 4).

[8] Interview mit Professor Dr. Rudolf Leopold vom 24.2.2010, Die Presse, Kerschbaumer, Gutgläubiger Erwerb oder institutionelle Habgier, S. 168 (zit. Anm. 4) sowie Leopold, Rudolf Leopold, S. 270 (zit. Anm. 2). Marianne Enigl, Déjà-vu, Profil Nr. 30, Jg. 41, 26. Juli 2010, S. 77.

[9] Leopold, Rudolf Leopold, S. 271f (zit. Anm. 2) sowie Standard, 21.7.2010, Leopold-Museum bestätigt Einigung, erläutert Finanzierung.

[10] Standard, 21.7.2010, Der „Fall Wally“ – Chronologie. Den Fall „Die Affäre Wally“ aus Sicht des Sammlers Leopold schildert Leopold, Rudolf Leopold, S. 257-279 (zit. Anm. 2).

[11] Gunnar Schnabel/Monika Tatzkow, Nazi Looted Art, S. 393 sowie 394 (zit. Anm. 3).

[12] Dies., Nazi Looted Art, S. 395 (zit. Anm. 3).

[13] Siehe auch die rechtlichen Ausführungen zum Fall Wally von Fritsch in Pfeffer/Rauter (Hrsg), Handbuch Kunstrecht (2014) Rz 10/72 – III. Besonderheiten – A. Leopold Museum Privatstiftung – MSiehe auch Fritsch in Pfeffer/Rauter (Hrsg), Handbuch Kunstrecht (2014) Rz 10/72 – III. Besonderheiten – A. Leopold Museum Privatstiftung Michalek Kommission.

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