Selfies, Museen und Mr. Bean – #Selfierade

Als Kind habe ich mit der damals so unhandlichen Kamera meines Vaters, recht überzeugt und stolz von meinem Können, Selbstporträts (Gesicht inkl. Nahaufnahmen der Nase, Augen, Mund oder Beine, Füße etc.) angefertigt. Mir war allerdings das finanzielle Ausmaß verschossener Filme unbekannt, somit erfreuten sich meine Eltern des öfteren 36 Fotos gänzlich von mir entwickeln zu dürfen. Wer hätte sich in den 90ern vorstellen können, dass im 21. Jahrhundert das mobile Telefon auch fotografieren kann? Ich erinnere mich an diese archaische Zeit, als meine Mutter liebevoll: „Geh aus dem Internet, ich muss mal telefonieren!“ ins Kinderzimmer schrie. Mittlerweile hat meine Selbstporträt-Kunst der 90er Jahre, welche ihre Inspiration einem netten Briten namens Mr. Bean entnommen worden ist, sogar eine Begrifflichkeit erhalten: Selfie. Zugegebenermaßen, Mr. Bean war es… Er hat meines Erachtens diese Form der Autofotografie verkörpert.

Obwohl Bilder Körper zeigen, bedeuten sie Menschen; eine Unterscheidung zwischen Sein (Körper) und Bild (Erscheinung) ist in dieser Hinsicht sehr wichtig. Wenn man in den Spiegel blickt, weiß man, was man sieht: sich selbst. Manchmal mit Augenringen und ungeschminkt, mit einer fragwürdigen Frisur oder mit Schaum im Mund (wer schaut beim Zähneputzen nicht in den Spiegel). Das Foto hingegen ist etwas komplizierter, denn man weiß bereits beim Fotografieren, dass es jemand sehen wird. Man macht das Foto nicht ohne Grund, daher ist die Inszenierung des Ichs sehr wichtig: en-face oder im Halbprofil, lächelnd oder ernst, der Blick gesenkt oder gehoben, Duckface oder (Achtung: ganz neu!) Fish Gape, etc.

Sich in irgendeiner visuellen oder auditiven Form darzustellen ist lediglich ein kultureller und sozialer Aspekt der menschlichen Natur. Somit besitzt diese repräsentative Gestaltung des Ichs eine lange Tradition und sie verkörpert stets eine von der Gesellschaft geprägte Vorstellung und/oder Ästhetik. „Trotz des allgemeinen Referenzverlustes selbst in der Sprache und trotz aller Repräsentationskonflikte in der sogenannten Postmoderne ist Verkörperung immer noch ein Impuls, um sich der Existenz zu versichern.“ (Belting, 2011, S. 109f) Belting erklärt, dass die eigene Ungewissheit des Menschen (über seine Existenz) das Bedürfnis erzeugt sich selbst dazustellen. Man könnte Descartes Cogito ergo sum (Ich denke, also bin ich, Meditationes de prima philosophia, 1641) in Ich fotografiere mich selbst, also bin ich umwandeln.

Doch die Ausdrucksweise der Selbstinszenierung ist sehr bedeutend: dies ist ungefähr vergleichbar mit einem Gespräch beim Stammtisch im Wirtshaus um die Ecke oder auf Facebook und anderen sozialen Medien; wie in jeder geselligen Runde teilt man im Großen und Ganzen Ideen, Normen- und Wertvorstellungen mit seiner Gruppe (Zusammengehörigkeit). Hin und wieder hat man das Bedürfnis sich mitzuteilen, etwas zu erzählen, den anderen einen persönlichen, kleinen Einblick zu gewähren oder seinen Senf zu einem Thema dazuzugeben. Manchmal wünscht man sich Rat, öfters mal ein Lob, selten Kritik und stets Zuspruch/Anerkennung/Likes. In jedem Falle wird ein Urteil gefällt.

Gerade in einer von RTL und Pro7 dominierten Gesellschaft ist es notwendig – wenn man schon Selfies macht – ihnen auch Ausdruck in Form von Statements zu verleihen. Ein Selfie an der Uni, im Museum oder in der Oper verleiht dem Rezipienten des Bildes entweder einen Einblick des wahren Ichs (im Sinne von persönlichem Interesse) oder eine inszenierte Wirklichkeit des Ichs, eine vielleicht auch nur gemunkelte Vorstellung einer Möchte-gern-Realität. Die Frage, die man sich stellen sollte, müsste lauten: möchte man, dass die Leute denken man wäre so wie man sich darstellt oder ist man wirklich so? Das Bild zeigt zwar was ein Mensch ist, indem der Mensch dargestellt wird, doch jede Menschendarstellung ist gleichzeitig eine Sein-Darstellung, die man lediglich im Schein darstellen kann. Einfacher erklärt: bevor man ein Selfie erstellt, nimmt man eine Pose, bzw. Haltung ein, d.h. der Mensch wird mimisch und gestisch bereits zum Bild, bevor das Bild geschossen ist.

Gerade die Generation Smartphone geht noch einen Schritt weiter, indem sie das Bild des Bildes noch zusätzlich überarbeitet. Sie kennt sich nämlich mit schnellem Retuschieren und vorteilhaften Filtern sehr gut aus, denn Photoshop ermöglicht sozusagen einen seienden Körper im Bild noch nachträglich zu kreieren/verschönern/verändern – man wird vom Hobbyfotografen zum passionierten Maler. Indem das Sein verändert oder dementsprechend negiert wird, wird der Körper folglich zu einer beliebigen Variabel. (An dieser Stelle könnte man die Bilderflut nach Belting in eine Selfieflut transferieren und dezidiert ausführen. Dies wird elegant ausgelassen, um die Thematik nicht allzu sehr zu erschöpfen.) Wenn man ständig Selfies mit Bildern aus dem Museum macht, wird dann nicht infolgedessen das Bild ebenso zu einer beliebigen Variabel?

Dennoch gibt es für die Repräsentation des Ichs keine gelungenere Location, als das Museum. Das Museum ist auf Privatsammlungen (fürstliche Sammlungen, Kunst- und Raritätenkabinette) zurückzuführen, welche besonders im 18. Jahrhundert in Form von Salons dem Adel und der Bourgeoisie zur Verfügung standen. Erst das Zeitalter der französischen Revolution (ab 1789) führte zu einer Änderung der gesellschaftlichen Ordnung, demzufolge wurde Kunst als nationales Eigentum betrachtet. Im 19. Jahrhundert entstanden städtische Kunstsammlungen oder Privatsammlungen wurden durch Schenkungen/Nachlässe/Stiftungen/Leihgabe der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dennoch ist Kunst stets mit persönlichem Interesse verbunden, denn nicht jeder möchte freiwillig ins Museum gehen – für viele bedeutet dies mühevolle Strapazen. Manch einer mag Streetart, alte Meister, Konzeptkunst, etc. oder gar keine Kunst. Auf Musik übertragen bedeutet dies: nicht jeder geht gern in die Oper, sondern lieber zu Heavy-Metal-Konzerten, Hip Hop Battles, Festivals elektronischer Musik oder gar keine Musik.

Doch weshalb macht man überhaupt Selfies im Museum? Was möchte man damit ausdrücken? Da ich persönlich keine Selfies in Museen mache, kann ich an dieser Stelle nur Vermutungen anstellen. Zugegebenermaßen fällt es mir schwer einen Sinn in etwas zu finden, wenn es mich nicht unmittelbar tangiert. Also habe ich einige Personen gefragt und merkte schnell, dass es sich meist um Selbstdarstellung und weniger um persönliches Interesse (Erinnerungsmoment mit dem Lieblingsbild) handelt.

So betrachtet kann man nur froh sein, dass die Albertina, Wien, Anfang des Jahres 2015 Selfiestangen verboten hatte. Andere Museen ebenso: National Gallery of Art (Washington DC), Moma (Museum of Modern Art, New York), Getty Center (Los Angeles). (Siehe dazu folgenden Link)
Man müsste schon fast von Glück sprechen, dass Dronies (Selfie mithilfe einer Drohne) in geschlossenen Räumen schwer ausführbar sind. Besonders kompliziert wird es erst, wenn eines Tages irgendjemand auf die Idee käme eine Vorrichtung für das Handy (in Form eines Stativs) zu entwickeln. Dann könnte man das Handy in die richtige Richtung und Höhe positionieren und sogar zeitverzögert Selfies machen. Demnach hätte man genügend Zeit um eine adäquate Pose einzunehmen und sein Ich würdigend (Selbstmarketing) zu präsentieren.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen der #Selfierade der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe und den Kulturkonsorten. Bei Ideenfreiheit kann der Aufsatz „Selfies als Weltsprache“ von  Wolfgang Ullrich nachgelesen werden.

Zitiervorschlag: Marija Nujic, "Selfies, Museen und Mr. Bean – #Selfierade ," in: in arcadia ego, 20. Dezember 2015, http://www.in-arcadia-ego.com/selfies-museen-und-mr-bean-selfierade/.
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