Wiesbaden – Nizza des Nordens | Tanja Bernsau

Auf meinem Blog – cultural-heritage.de – beschäftige ich mich mit den Themen Kulturgüterschutz und Provenienzforschung, also mit der Frage nach Herkunft und Verbleib von Kunstwerken, die in der NS-Zeit geraubt wurden. Ein internationales Thema, aber stets auch mit einem Bezug zur Stadt Wiesbaden, da diese in der direkten Nachkriegszeit eine spannende Rolle gespielt hatte, als die Amerikaner im Museumsgebäude einen Central Collecting Point für die aufgefundenen Kunstwerke einrichteten.

Vermutlich bin ich deshalb ein wenig „betriebsblind“, was Wiesbaden anbelangt – aber für mich gehört die Stadt zu den schönsten in Deutschland. Meine Heimatstadt ist eine besonders grüne Stadt – und dort ist es aufgrund der Kessellage auch immer ein zwei Grad wärmer als in anderen Städten. Gerne stelle ich euch einige meiner Highlights vor, die man gesehen haben sollte.

Warum man Wiesbaden besuchen sollte

Die hessische Landeshauptstadt hat den Zweiten Weltkrieg mit überschaubaren Verlusten hinsichtlich der Architektur überstanden. Zuvor ein beliebtes Heilbad für Kaiser und Könige und ein beliebter Alterswohnsitz für Wohlhabende ist die Stadt deshalb ein Lehrstück für die Baukunst des Historismus. Ganze Straßenzüge, oft begrünt, zeigen nahezu lückenlos die vielfältige Architektur des 19. Jahrhunderts. Sehenswert sind dabei nicht nur die Prachtstraßen wie etwa die Wilhelmstrasse – als Flaniermeile für die Betuchten von den Einheimischen liebevoll die „Rue“ genannt – sondern durchaus auch die Seitenstraßen, die architektonische Kleinode aufweisen.

Wiesbaden
© Tanja Bernsau

Mein absoluter Liebling – Achtung Geheimtipp!: das Wohnhaus des Inhabers der Keramikwerkstatt Höppli in der Wörthstr. 4-6. Die Karyatiden im Stil der italienischen Renaissance lassen durchaus an ein „Nizza des Nordens“ denken. Aber das ist nur eine von vielen schönen Seitenstraßen, durch die es sich lohnt einmal durchzubummeln, um die prachtvollen und vielfältigen Historismus-Fassaden zu bestaunen.

Ein Muss für alle Besucher der Stadt (aber auch von Einheimischen sehr geliebt) ist ein Ausflug auf den Neroberg. Stilecht macht man das am besten mit der Nerobergbahn, der historischen wasserkraftbetriebenen Standseilbahn, die schon seit 1888 Ausflügler auf den Wiesbadener Hausberg befördert.

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© Tanja Bernsau

Oben angekommen kann man einen herrlichen Blick über die ganze Stadt genießen, einen Abstecher zur nahegelegenen „Griechischen Kapelle“ machen, deren goldene Zwiebeltürme von weitem zu sehen sind, oder aber – wer etwas mehr Zeit mitbringt – ein paar Bahnen im legendären Opelbad schwimmen. Das im Bauhausstil gehaltene Freibad punktet ebenfalls durch den grandiosen Blick von der Liegewiese über Wiesbaden.

Zurück im Tal darf ein Besuch am oder im Kurhaus nicht fehlen. 1907 für die wohlhabenden Kurgäste erbaut, werden noch heute dort Bälle und Konferenzen veranstaltet. Das Foyer ist stets für Besucher geöffnet (man kann durch das Kurhaus zum rückwärtig gelegenen Kurpark gelangen). Nicht nur für Freunde der historistischen Architektur absolut sehenswert.

Wichtiger Teil des Touri-Programms ist natürlich ein schöner Cafébesuch, um sich für weitere Etappen zu stärken. Dazu empfehle ich entweder Wiesbadener Traditionscafé „Maldaner“ in der Fußgängerzone (Marktstr. 34): Torten wie zu Großmutters Zeiten und auch die Inneneinrichtung erinnert an Wiesbadens Glanzzeit als Weltkulturstadt – sehr gemütlich! Wer es etwas moderner mag, für den sei auf das Café Degenhardt am Luisenplatz hingewiesen. In meiner Kindheit und Jugend war dort ein renommierter Friseursalon … Teile der Inneneinrichtung lassen auch noch erkennen, dass dort früher Locken gewickelt wurden. Im Sommer sitzt man herrlich auf dem Luisenplatz unter Bäumen, mit Blick auf die Bonifatiuskirche.

Kunst und Kultur

Von dort aus empfehle ich dann noch einen Besuch im Landesmuseum, ein Stück die Rheinstraße hinunter, das eine interessante Geschichte hat. Dort kann man neben einer exzellent präsentierten naturwissenschaftliche Sammlung auch die interessante Kunstsammlung bestaunen, zu der die größte Jawlensky-Sammlung gehört (grüßt mir die „Frau mit dem Fächer“!). Verschiedene Wechselausstellungen beschäftigen sich mit höchst unterschiedlichen Themen und werden von den Kuratoren mit viel Sachverstand und Feingefühl konzipiert. Aktuell kann man dort die Ausstellung „Thomas Bayrle – Seniorenfeier“ sehen.

Und für Liebhaber zeitgenössischer Kunst empfehle ich dann noch einen Abstecher in den nahegelegenen Nassauischen Kunstverein in der Wilhelmstraße, der in einem historischen Gebäude auf drei Etagen spannende Ausstellungen aktueller Kunst zeigt.

Das und noch vieles mehr kann man in Wiesbaden sehen, erleben und genießen – Wiesbaden lohnt sich!

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Über die Autorin:

Tanja Bernsau ist promovierte Kunsthistorikerin und untersuchte in ihrer Doktorarbeit „Die Besatzer als Kuratoren? Der Central Collecting Point Wiesbaden als Drehscheibe für einen Wiederaufbau der Museumslandschaft nach 1945″ den Central Collecting Point Wiesbaden und den Einfluss der Monuments Men auf die deutsche Kulturgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihr Studium der Kunstgeschichte, Mittlere und Neuere Geschichte und BWL hat sie an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität absolviert. 

Schon in ihrer Magisterarbeit hat sie sich mit der Bedeutung der Provenienz für den Kunstmarkt auseinandergesetzt und einen aktuellen Fall auf dem Kunstmarkt untersucht: die Versteigerung von Max Liebermann-Gemälden aus der Sammlung Karg beim Auktionshaus Hampel (München). Dort hat Tanja Bernsau dargestellt, wie Preise auf dem Kunstmarkt entstehen und welche Rolle eine geklärte Provenienz, frei vom Verdacht, Raub- oder Beutekunst zu sein, spielt. Die Themen „Provenienzforschung“ und „Cultural Heritage“ sind Schwerpunkte in ihrer Forschung.

Sie hält Vorträge zu dem Themenbereich Raub- und Beutekunst, insbesondere über die „Monuments Men“ und den Central Collecting Point. An der Universität Gießen unterrichtet sie Provenienzforschung. Aktuell arbeitet sie an verschiedenen Provenienzforschungsfällen, unter anderem über die Kunstsammlung von Martin Flersheim (Frankfurt).

Wir danken Tanja von cultural-heritage.de herzlichst für diesen spannenden Beitrag über Wiesbaden!

 

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