Gastbeitrag zur #Banalitätsdiskussion

Kunst ist ein Kulturgut und Museen tragen eine enorme Verantwortung für die österreichische Kunst- und Kulturlandschaft. Es gibt Bundesmuseen, Private Museen, Ausstellungen, in denen Private Sammlungen gezeigt werden, die sonst eher selten an die Öffentlichkeit geraten, etc. Allerdings glaube ich, dass zwischen allgemeinen Ausstellungsinformationen (Biografie, Zitate, Fotos, etc.) und „Kunst-Aufklärung“ (wie ist das Bild aufgebaut, was will uns diese Kunst sagen, womit steht sie in Zusammenhang, etc.) doch unterschieden werden sollte.

Es gibt solche und solche Ausstellungen, aber in den letzten Jahren ist leider eine Verschlechterung aufgetreten. Vor kurzem habe ich an einer Führung im tba21 teilgenommen, diese wurde vom Kurator persönlich gehalten und das Niveau war wesentlich anspruchsvoller als bei einer „normalen“ Führung. Man ist ins Detail gegangen und hat versucht Zusammenhänge zwischen Ausstellungsthema und Kunst, also die Auseinandersetzung der Kunst mit einem bestimmten, kritischen Thema, aufzuzeigen.

Man darf aber auch nicht alle Führungen pauschalisieren, besonders hier ist eine Differenzierung notwendig, ich wage einen groben Überblick:

  • Kinderführungen – jemanden für Kunst begeistern,
  • Schulführungen – jemanden die „Grundschritte“ der Kunst erklären (ohne viel Vorwissen),
  • allgemeine Führungen – jemandem die Kunst und das Hintergrundwissen verständlich nahe bringen und erläutern, sowie
  • „Kunsthistoriker“-Privat-Führungen – Analysen, Interpretationsmodelle, Methoden, evtl. Diskussion etc.

Hinzu kommt der Blickwinkel auf die gesamte Banalitätsdiskussion. Es wird zu monokausal an die Thematik herangegangen, vielmehr sollte man die Situation differenzierter und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Frei nach dem Kausalitätsprinzip Aktion – Reaktion (das Gesetz von Ursache und Wirkung in der Philosophie), frage ich mich doch: wie konnte es geschehen, dass die Qualität innerhalb der Kunstvermittlung nachgelassen hat?Es liegt auf der Hand, dass wenn ein Kunstvermittler Namen, die nicht allgemein bekannt sind, nennt, aber auf diese nicht näher eingeht, ein Gefühl von Unwissenheit vermittelt – kurz: man fühlt sich dumm und ahnungslos. Dieses Gefühl kann durchaus bei bestimmten Personen den Ehrgeiz nachzufragen oder zu recherchieren, also sich mit der Thematik intensiver auseinanderzusetzen, hervorrufen oder man resigniert, weil man sich überfordert fühlt. Daher ist der Verweis von Wolfgang Ulrich in seinem Artikel „Stoppt die Banalisierung!“ über das Projekt »Die Praxis des Ausstellungsbesuchs« des Instituts für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig, an dem die Kunstsoziologin Kathrin Hohlmeier (u.a. »sslich wie ein modernes Kunstwerk«. Die Praxis eines Kunstvermittlungsprojektes für museumsferne Besuchergruppen. In: Dagmar Danko, Olivier Moeschler und Florian Schumacher (Hrsg.): Kunst und Öffentlichkeit. Wiesbaden: 2015, 167-186.) mitwirkte, äußerst wertvoll. Meiner Ansicht nach leben wir in einer Gesellschaft, die Grund auf reformiert gehört und zwar in jedem einzelnen Lebensbereich (Bildungs-, Sozialversicherungs-, Krankenkassen,- Ausstellungssystem, usw. aber auch Normen und Werte müssen neu definiert werden). Es wird behauptet, dass Bildung für alle sein soll, aber es ist und bleibt eine 2-und-mehr-Klassen-Gesellschaft, in der wir leben. Das Niveau der Schulen ist leider auf Privaten wesentlich höher, als z.B. an der Peripherie der Stadt oder in „schlechteren“ Bezirken – das ist leider bekannt. Außerdem gibt es an „guten“ Schulen Förderungssysteme, in denen Kinder mit besonderen Fähigkeiten in einem bestimmten Fach gefördert werden, in anderen Schulen argumentiert man, dass alle gleich behandelt werden sollen und auch die „leistungsschwachen“ Schüler mitkommen müssen.  Falls dies der Kern dieser Problematik sein sollte, handelt es sich hierbei um ein wesentlich größeres Problem unserer Gesellschaft und wir drehen uns schließlich im Kreis. Denn wer ist nun für die Erziehung zuständig? Ist es der Kindergarten, die Schule und das Museum oder die Oper? Wo fangen wessen Aufgaben an und wo hören diese aus? Sind es die Eltern, welche aus Zeitgründen die Erziehungsangelegenheiten auf den Kindergarten verlagern? Ist es der Kindergarten, der die Grundkenntnisse (nächstes Problem: was sind Grundkenntnisse und wer entscheidet darüber?) aufgrund von Überlastung auf die Schule verlagert? Oder ist es die Schule, welche das allg. kulturelle Denken und Wissen auf Museen und andere Institutionen verlagert? Ich gehöre eigentlich einer bildungsferneren Schicht an, zudem bin ich im Ausland geboren („Ausländerkind“ war zu meiner Zeit trauriger Weise ein üblicher Begriff). Um meine Ausbildung mussten sich meine Eltern und ich kümmern. Dabei wurden stets Steine in den Weg gelegt, d.h.  nach der Grundschule als erste Selektion von Kindern hat man meinen Eltern den Rat gegeben,  ich könnte mit dem Gymnasium überfordert sein – frei nach dem Motto: ein „Ausländerkind“ auf einem Gymnasium? Später dann: „Und die studiert?“ Daher glaube ich, dass die Banalitätsdiskussion nicht ohne eine Schulbildungsdiskussion geführt werden kann. Zudem kommt die Unwissenheit in der Bevölkerung: wenn ich mich als Kunsthistorikerin „oute“, werde ich gefragt, ob ich gut malen könne. Dass Malen mit einem Kun­st­studium zusam­men­hängt und Kun­st­geschichte die Wis­senschaft über Kunst ist (vielle­icht wäre ein Begriff wie Philo-logie oder Philo-sophie — Philo-Artis (?) sin­nvoller), scheint noch nicht in alle Ecken des Lan­des ver­bre­itet wor­den zu sein.

Das größte Problem und die Ursache dafür zugleich, kann mit einem Wort festgehalten werden kann: Chancengleichheit. Aufgrund meiner Lebenserfahrung vertrete ich die Ansicht, dass erst wenn Bildung wirklich(!) allgemein zugänglich ist (Chancengleichheit), dass dann auch alle kulturellen Güter (Kunst, Musik, Literatur, etc.) allgemein zugänglich sein werden können.

Selbst heute als eine „Frau Mag.“, was in der österreichischen Gesellschaft von enormer Bedeutung ist, werde ich aufgrund der Rechtschreibung meines Namens nach meinen Deutschkenntnissen gefragt.

Und wenn nun die Kunst und ihre Wissenschaft allen zugänglich gemacht wird, gibt es „Fördersysteme“ wie in der Schule oder versucht man die Kunstvermittlung so zu gestalten, dass auch die „Leistungsschwachen“ mitkommen können? An dieser Stelle frage ich mich aber, warum man sich nicht die Zeit nähme um auch den „Leistungsschwachen“ etwas zu erklären.

In dieser Hinsicht gehört zum Kulturgut, nicht nur die Kunst allein, sondern auch Musik und Literatur. Hier möchte ich folgenden Vergleich einbringen: welcher Schüler kennt schon Gustav Mahlers 8. Sinfonie in Es-Dur (Sinfonie der Tausend) oder ist mit Elfriede Jelineks literarischem Werdegang bekannt? (Kurze persönliche Anmerkung: Miró kennt man ja aus der Zahn-/Hausarztpraxis oder hat einige Werke zumindest mal im Vorbeigehen gesehen.)

Außerdem, welche Schulen bieten denn musikalische und kunsthistorische Aufklärung an? In Deutschland gibt es beispielsweise nur für Interessierende einen Kunst-/Musikkurs, ähnlich wie Französisch oder Informatik, der Rest der Klasse wird ausgeschlossen, denn hierbei handelt es sich um Fächer, die nicht an die Allgemeinheit gerichtet sind – man wählt sich lediglich einen Kurs aus. Malkurse sind wiederum für alle um das Auge und die Motorik zu schulen, sowie Musikunterricht um das Gehör zu schulen, aber bitte: die Blockflöte als Einsteiger-Instrument entscheidet dann, wer begabt ist oder nicht.


Wir danken ganz herzlichst MN, Kunsthistorikerin in Wien, für ihre ehrlichen Worte und ihren Beitrag zur Diskussion rund um die Banalisierung.

Zusam­men­fas­sung der Beiträge (wobei bei Tanja so ziem­lich alle Fäden zusammenlaufen und noch viele andere Links zu finden sind):

  1. Wolf­gang Ull­rich — “Stoppt die Banal­isierung”–ZeitOn­line
  2. Lisa-Katharina Förster “Wem gehört die Kunst” auf let­stalk­a­boutarts  (samt der Diskus­sion mit Wolf­gang Ullrich).
  3. Tanja Praske — “Kun­stver­mit­tlung: schuldig pro Banal­isierung der Kunst?” (samt der Diskus­sion und einem Kom­men­tar von Wolf­gang Ullrich).
  4. Maria-Bettina Eich — “Kunst mit Kindern — Muss das sein?”.
  5. Anke von Heyl — “Was ist Kun­stver­mit­tlung”.
  6. Alexandra Pfeffer – „Von Banalität und Gesetzen – Teil 1″
  7.  Martin Fritz – „Leistbarer Eintritt, Wickeltisch und große Schrift!“

 

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