Von Banalität und Gesetzen

Die Diskussion zu dem in der Zeit von Wolfgang Ullrich erschienen Artikel „Stoppt die Banalisierung“ beinhaltet schon einige sehr, sehr gute Beiträge und entwickelt sich beinahe schon zu einer Blogparade zum Thema #Banalität im Kunstbereich. Angesichts der Vielzahl an Punkten, die mir diskussionswürdig erscheinen, werde ich dazu zwei Beiträge veröffentlichen. Der heutige bezieht vor allem auf den Artikel und die Kommentare, die auf diesen bezogen sind.

Leseanleitung

Bevor unten mein „Beitrag“ oder eher meine Gedanken zur Banalität nachgelesen werden können, sollte folgende Leseanleitung zum besseren Verständnis der gesamten Diskussion eingehalten werden (und wer sagt, dass die Diskussion banal ist ;) ).

  1. Wolfgang Ullrich – „Stoppt die Banalisierung“-ZeitOnline
  2. Lisa-Katharina Förster „Wem gehört die Kunst“ auf letstalkaboutarts  (samt der Diskussion mit Wolfgang Ullrich).
  3. Tanja Praske – „Kunstvermittlung: schuldig pro Banalisierung der Kunst?“ (samt der Diskussion und einem Kommentar von Wolfgang Ullrich).
  4. Maria-Bettina Eich – „Kunst mit Kindern – Muss das sein?“.
  5. Michaela Steinberger – „So prekär arbeiten Kunstvermittler in Österreich“ – Standard 4.11.2014.

Situation in Österreich

Lesetipp Nr. 5 führt uns gleich (leider geht mir hier die Juristin durch) zu § 2 Abs 1 Bundesmuseen-Gesetz idgF

§ 2. (1) Die in § 1 Z 1 bis 7 genannten Einrichtungen sind wissenschaftliche Anstalten öffentlichen Rechts des Bundes, denen unbewegliche und bewegliche Denkmale im Besitz des Bundes zur Erfüllung ihres kulturpolitischen und wissenschaftlichen Auftrags als gemeinnützige öffentliche Aufgabe anvertraut sind und die mit In-Kraft-Treten der Museumsordnung (§ 6) eigene Rechtspersönlichkeit erlangen. Die im Folgenden als Bundesmuseen bezeichneten Anstalten sind kulturelle Institutionen, die im Rahmen eines permanenten gesellschaftlichen Diskurses die ihnen anvertrauten Zeugnisse der Geschichte und Gegenwart der Künste, der Technik, der Natur sowie der sie erforschenden Wissenschaften sammeln, konservieren, wissenschaftlich aufarbeiten und dokumentieren und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen sollen. Sie sind ein Ort der lebendigen und zeitgemäßen Auseinandersetzung mit dem ihnen anvertrauten Sammlungsgut. Ihr Wirkungsbereich wird, entsprechend den jeweiligen historischen und sammlungsspezifischen Voraussetzungen, in den einzelnen Museumsordnungen geregelt. Die Bundesmuseen sind dazu bestimmt, das ihnen anvertraute Sammlungsgut zu mehren und zu bewahren und es derart der Öffentlichkeit zu präsentieren, dass durch die Aufbereitung Verständnis für Entwicklungen und Zusammenhänge zwischen Gesellschafts-, Kunst-, Technik-, Natur- und Wissenschaftsphänomenen geweckt wird. Als bedeutende kulturelle Institutionen Österreichs sind sie dazu aufgerufen, das österreichische Kulturleben zu bereichern, das Kulturschaffen der Gegenwart, die aktuellen Entwicklungen der Technik und die Veränderungen der Natur zu registrieren und deren Zeugnisse gezielt zu sammeln und das Sammlungsgut im Sinne des spezifisch kulturpolitischen Auftrags jedes Hauses ständig zu ergänzen. Dabei pflegen sie den Austausch mit Museen in Österreich und anderen Ländern im Ausstellungs- und Forschungsbereich. Als umfassende Bildungseinrichtungen entwickeln sie zeitgemäße und innovative Formen der Vermittlung besonders für Kinder und Jugendliche. Sie sind zu einer möglichst zweckmäßigen, wirtschaftlichen und sparsamen Gebarung verpflichtet.

§ 2 Abs 1 Bundesmuseen-Gesetz beinhalt gleich mehrere Aufträge an die Bundesmuseen, die Wolfgang Ullrich im Zeit-Artikel sowie in den nachfolgenden Kommentaren auf den genannten Blogs kritisierte, wenn nicht sogar polemisierte.

Als Beispiel sei Ullrichs Kommentar bei letstalkaboutarts vom 11. April 2015 um 17.07 h zu erwähnen:

„Ich habe den Eindruck, KunstvermittlerInnen richten ihren primären Ehrgeiz darauf, immer neue Formate der Vermittlung zu entwickeln und immer noch einmal eine andere Zielgruppe zu identifizieren. Auf diese Weise können sie sich profilieren, Flexibilität unter Beweis stellen, natürlich auch positive Resonanz derer bekommen, denen sie das Gefühl geben, man habe sich eigens auf sie eingestellt und sei ihren Bedürfnissen gerecht geworden. Doch dabei bleiben eben oft die Ansprüche auf der Strecke, die ein Werk stellt.“

Blickt man nochmals auf den Gesetzestext bzw. möchte ich auf folgende Stellen hinweisen:

Im Rahmen eines permanenten gesellschaftlichen Diskurses […] und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen sollen. […] ein Ort der lebendigen und zeitgemäßen Auseinandersetzung der Öffentlichkeit zu präsentieren, dass durch die Aufbereitung Verständnis für Entwicklungen und Zusammenhänge zwischen Gesellschafts-, Kunst-, Technik-, Natur- und Wissenschaftsphänomenen geweckt wird. […] Als umfassende Bildungseinrichtungen entwickeln sie zeitgemäße und innovative Formen der Vermittlung besonders für Kinder und Jugendliche.

Denkt man an den gerade zitierten, letzten Satz „zeitgemäße und innovative Formen“, so ist der Vorwurf Ullrichs einer Profilierung nicht haltbar, da gerade der gesetzliche Bildungsauftrag (wie dies so schön juristisch heißt) Anforderungen an die Kunstvermittlung in den Bundesmuseen aufträgt. In diesem Zusammenhang ist zu weiters bemerken, dass dieser Bildungsauftrag sich nicht nur das klassische Kunstmuseum in dem die Kunst hängt, die nicht für alle zugänglich sei (im Sinne Wolfgang Ullrichs), sondern auch an andere (Bundes-)Museen (wo ebenfalls Kunst- und Kulturvermittler arbeiten, die sich auch durch die mehr oder weniger pauschal klingenden Vorwürfe betroffen fühlen – zB Technisches Museum etc.) richten.

Zieht man jetzt auch noch den Artikel von Michaela Steinberger über die prekäre Situation der KunstvermittlerInnen in die Diskussion mit ein, wie drastisch, dramatisch die Jobsituation für KunsthistorikerInnen in Österreich ist, dann schmeckt der Vorwurf einer Profilierung eines/r KunstvermittlerIn noch einmal so bitter. Durch das Auffallen mit innovativen, originellen Ideen der Vermittlung wird es dem einen oder der anderen KunstvermittlerIn hoffentlich gelingen aufzufallen und eine Festanstellung (im besten Fall als KuratorIn) zu erlangen.

Auf einen weiteren Absatz in Ullrichs Kommentar auf letstalkaboutarts möchte ich noch eingehen:

Mich ärgert, dass Kunst hier instrumentalisiert wird. Und mich ärgert, dass man von Museen und Ausstellungshäusern heute vor allem verlangt, zu vermitteln und noch mehr zu vermitteln. Als vor ein paar Monaten der neue Direktor eines großen deutschen Museums seinen Antrittsbesuch bei der zuständigen Ministerin hatte, fragte diese ihn nur nach seinen Ideen für weitere Vermittlungskonzepte.

Dazu kann ich auch nur mehr (für Österreich) auf den oben zitierten § 2 Abs 1 Bundesmuseen-Gesetz hinweisen sowie auf folgende interessante Schriften des Museumsbundes:
Zum Bildungsauftrag der Museen – Stellungnahme des Bundesverbandes Museumspädagogik e.V.

Qualitätskriterien für Museen: Bildungs- und Vermittlungsarbeit

Anmerkungen genereller Natur zur Banalität

Auch hier möchte ich mit einem Zitat aus Ullrichs Artikel beginnen:

Tatsächlich erstaunt, wie sich die Museen mit der Entdeckung bisher noch kunstferner Milieus gegenseitig übertrumpfen. Fast schon selbstverständlich sind Veranstaltungen für Menschen mit Migrationshintergrund, Programme für Demenzkranke oder Angebote der sogenannten Geragogik für ältere Menschen. Das Lenbachhaus in München bietet auch Aktionen für „Erwachsene mit Babys“. In der Ankündigung kann man lesen: „Der inhaltliche Schwerpunkt ist das Familienporträt und die Darstellung von Kindern in der Kunst. Kein strenger Ablauf und kein vorgegebener Plan diktieren den gemeinsamen Rundgang, sondern die Interessen und Bedürfnisse der Teilnehmenden – ob Stillpausen oder Babygeschrei.“

Kunstferne Milieus … sind Menschen mit Migrationshintergrund, Demenzerkrankung und ältere Menschen sowie Mütter und Väter mit ihren Babys – ein kunstfernes Milieu ? Wirklich ? Ernsthaft ? Dieser Satz lieferte in meinem Dissertanten- und Diplomanden-Privatissimum einiges an Diskussion. Ich denke, jede Leserin und jeder Leser sollte sich an dieser Stelle selbst eine Meinung dazu bilden, wie das gemeint ist.

Spezielle Kunstvermittlungsangebote für Menschen mit Migrationshintergrund sind sehr wichtig, da diese dadurch auch die Kultur ihres neuen Heimatlandes kennenlernen können (Stichwort Integration). Kunst verbindet.

Das Anbieten einer speziellen Kunstvermittlung für Demenzkranke halte ich für besonders wertvoll und ich möchte auch an dieser Stelle auf Artikel hinweisen:

Sowie die Rezension von Kulturtussi zu Farben im Kopf.

Ein Punkt, der nicht vergessen werden sollte, die Kinder und die Babys von heute, sind die Museumsbesucher von morgen, aber nicht nur, sie sind auch die Steuerzahler und die politischen Entscheidungsträger von morgen (mit Auswirkung auf die Kulturpolitik). Führt man diese nicht an die Museen auf spielerische Weise heran, so wird die „Bildungsferne“ unterstützt und gefördert. Als Mutter von Zwillingen und Kunsthistorikerin kann ich sagen, wie großartig, ich diese Angebote „Baby im Museum“ finde. Wer Kinder und Babys hat, weiß wie stressig so mancher Besuch sein kann, natürlich ist es da toll, wenn man mit Eltern und anderen Kindern durch eine Ausstellung gehen kann. Wer Kinder hat, versteht was ich meine und ich verweise nur mehr auf den ganz, ganz tollen Beitrag von Maria-Bettina Eich.

In einem zweiten Teil möchte ich demnächst auf einen weiteren wichtigen Aspekt der Diskussion eingehen, der im Zeit-Artikel von Wolfgang Ullrich nicht angesprochen wurde, aber von ihm in der Diskussion bei Tanja Praske aufgeworfen wurde und das Bild und den Eindruck, der über ihn jetzt (leider) entstand, doch relativiert – Banalität & Social Media & Kunstvermittlung.

Zusammenfassung der Links (wobei bei Tanja so ziemlich alle Fäden zusammenlaufen):

  1. Wolfgang Ullrich – „Stoppt die Banalisierung“-ZeitOnline
  2. Lisa-Katharina Förster „Wem gehört die Kunst“ auf letstalkaboutarts  (samt der Diskussion mit Wolfgang Ullrich).
  3. Tanja Praske – „Kunstvermittlung: schuldig pro Banalisierung der Kunst?“ (samt der Diskussion und einem Kommentar von Wolfgang Ullrich).
  4. Maria-Bettina Eich – „Kunst mit Kindern – Muss das sein?“.
  5. Anke von Heyl – „Was ist Kunstvermittlung„.
  6. MN, Gastbeitrag zur #Banalitätsdiskussion, auf diesem Blog.
  7.  Mar­tin Fritz — “Leist­barer Ein­tritt, Wick­eltisch und große Schrift!

 

4 Gedanken zu „Von Banalität und Gesetzen“

  1. Liebe Alex,
    gut, dass du hier auch noch mal den Fokus auf die „Aufgaben“ legst, die der Kunstvermittlung andernorts ja gerne abgesprochen werden. Es gibt einen Auftrag der Museen und auch der meisten Kulturinstitutionen, solche Angebote zu machen. Und es gibt zahlreiche gut ausgebildete Menschen, die sich da wirklich viele Gedanken drüber machen.
    Dass die Standards mancherorts immer noch ein wenig – wie soll ich sagen – old school daherkommen, muss man auch mal diskutieren. Ich hab da so meine Vermutungen.
    Aber das sollte auf keinen Fall mit der Frage nach Sinn und Zweck von vermittelnden Angeboten daherkommen. Insofern finde ich deinen Blogbeitrag super, denn er bringt viele Argumentationsstränge auf den Punkt.
    Ich fühle mich jetzt doch ein bisschen an einem Punkt, wo ich ein wenig überfordert bin mit dem Kommentieren auf unterschiedlichen Blogs, dem Verfolgen angerissener Diskussionen auf Twitter, meinen Studenten, denen ich auch was zur Kunstvermittlung beibringen soll.
    Eigentlich wäre es mal toll, eine Veranstaltung zu haben, wo alle zusammenkommen. Mal schauen, vielleicht hat ja irgendwer Lust.
    Der Bundesverband Museumspädagogik in Deutschland ist leider Lichtjahre von einer Netzpräsenz entfernt. Oder agiert so versteckt, dass ich es nicht mitkriege.
    Mal schauen, wie sich das noch entwickelt.
    Ja, und die Frage des Reinschmeißens von Links aufs eigene Blog hatte sich ja auch schon bei Tanja gestellt. Ich mache das einfach mal, euer Einverständnis voraussetzend :-)
    http://www.kulturtussi.de/was-ist-kunstvermittlung/
    In diesem Sinne: herzliche Grüße und ich freue mich auf weiteren Austausch. So langsam wird das Thema richtig dicht :-) Finde ich gut. Dann gibt das nämlich eine Relevanz, die wiederum … one day … wir werden das beobachten …
    Herzlichst
    Anke

  2. Liebe Anke !
    Stimmt, die Diskussion zur Banalität wird schon dicht auf den unterschiedlichen Blogs. Ist aber auch angesichts des Themas sehr wichtig und ich finde es auch gut, dass
    es auf mehreren Blogs die Übersicht gibt, weil der Zeit-Artikel „pickt“ nun mal, und wird dann auch beim Recherchieren gefunden. Beteiligen sich mehrere Blogs an der Diskussion
    so zeigt sich nicht nur die Relevanz des Themas, sondern es steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass neben dem Zeit-Artikel auch der eine oder andere Blog mit den Verweisen
    auf die Diskussion gefunden wird und so der Artikel allein nicht mehr im Raum stehen bleibt.

    Vielleicht sollte noch eine Wall oder Story eingerichtet werden. Wäre nicht schlecht.

    Meine Gedanken zu den Äußerungen Ullrichs zu Social Media stehen noch aus, die muss ich noch niederschreiben.

    Liebe Grüße
    Alex

  3. Liebe Frau Pfeffer,

    danke für Ihren engagierten Beitrag, der mich natürlich sogleich zu Widerspruch reizt!

    Ihre Zitate aus Gesetzen finde ich interessant, aber Sie können mir damit kein schlechtes Gewissen machen. Gesetze formulieren jeweils eine aktuelle – eher: eine meist schon leicht veraltete – Zustandsaufnahme eines (mehr oder weniger) demokratischen Meinungsbildungsprozesses. Sie fallen also nicht vom Himmel, und für jemanden, der sich für Ideengeschichte interessiert, sind sie vor allem aussagekräftige Quellen. So würde mich interessieren, seit wann das so formuliert ist, wie Sie’s zitieren. Wie lauteten die Vorgängerversionen derselben Gesetze? Wann wurden sie geändert? Auf wessen Initiative? Antworten auf diese Fragen helfen sicher dabei, den von mir beschriebenen Paradigmenwechsel der Museen besser zu verstehen.

    Auch bei Ihnen wird wiederholt ‚Kunst‘ und ‚Kultur‘ verwechselt bzw. gleichgesetzt – wie etwa in diesem Absatz: „Spezielle Kunstvermittlungsange¬bote für Men¬schen mit Migrationshin¬ter¬grund sind sehr wichtig, da diese dadurch auch die Kul¬tur ihres neuen Heimat¬landes ken¬nen¬ler¬nen kön¬nen (Stich¬wort Inte¬gra¬tion). Kunst verbindet.“ – Wieso aber soll man gerade durch Kunstvermittlungsangebote die Kultur des Heimatlandes kennenlernen? Was sagen uns Isa Genzken, Erwin Wurm, Rosemarie Trockel, Imi Knoebel, Karin Kneffel oder Andreas Gursky über die Kultur unserer Heimat?? Klar, irgendwas findet man immer, aber ich wüsste wahrlich Besseres und Geeigneteres als die Kunst, um Fremden Mitteleuropa zu erklären. Ich würde mit ihnen lieber in einen Supermarkt gehen, auf ein Volksfest, in ein Heimatmuseum (!) oder zu einem Fußballspiel. Da lernen sie viel mehr über die Kultur ihres neuen Heimatlandes als im aseptischen ‚white cube‘ des Kunstmuseums. Und da wäre überall gute Vermittlungsarbeit viel wirkungsvoller. Ja, da ist überall viel mehr Verbindendes als bei der Kunst. Warum also gerade (und nur?) Kunst? Nein, hier verwechseln Sie aus meiner Sicht Kultur und Kunst. Und übersehen, dass gerade Kunst oft dazu dient und dazu gedient hat, Differenzen zu markieren, Kultur gar in Teilen zu dementieren. Das kann man bedauern, gewiss, man kann auch dagegen angehen, aber man sollte bitte nicht so tun, als sei Kunst das genuine Feld der Integration. Und als stecke in Kunst mehr Kultur als in anderem. (Weil mir der Unterschied zwischen Kultur und Kunst wichtig ist, dürfen Sie mir bitte auch nicht unterstellen, ich habe in meinem ZEIT-Artikel gegen Vermittlung in jeglichen Museen polemisiert, vielmehr habe ich mich ausschließlich auf Kunstmuseen beschränkt!)

    Ich glaube, auch bei einem Thema wie der Kunstvermittlung für Demenzkranke überschätzt man die Kunst – und wird ihr zugleich nicht gerecht. Mich erinnern die vielen Projekte und Berichterstattungen darüber, die Sie ja dankenswerterweise verlinken, an Diskussionen, die vor ca. 15 Jahren ihren Höhepunkt hatten. Damals ging es um Kunst am Arbeitsplatz. Rauf und runter wurde darüber geschrieben, wie viel kreativer, motivierter, besser Mitarbeiter würden, wenn man ihnen Kunstwerke in die Büros hängt. Der Kunst wurden also positive Kräfte zugetraut, so wie jetzt wieder, wenn sie gar heilend wirken soll.

    Ich frage mich aber: Ist die Kunst nicht höchstens Anlass dafür, gewisse Fähigkeiten zu schulen? Kann sie damit aber nicht durch etwas anderes ersetzt werden? So konnte sie in den Unternehmen Anlass dafür sein, Führungen mit Experten zu veranstalten, den Mitarbeitern also ein Event zu bieten, ihnen das Gefühl zu geben, man biete ihnen etwas. Das wirkte dann bestenfalls tatsächlich motivierend, aber sicher nicht motivierender als eine Weihnachtsfeier, irgendeine Gratifikation, ja ein anderer Anlass, der den Eindruck gibt, man denke an das Wohl der Mitarbeiter. – Genauso bei Kunstvermittlung für Demente. Es ist fraglos wichtig, mit ihnen möglichst viel zu sprechen, sie dazu zu bringen, sich zu artikulieren. Aber warum sollte es gerade ein Kunstwerk sein, das den Anlass dafür liefert? Würden es denn nicht auch andere Bilder tun? Fotos aus den Fotoalben der Patienten zum Beispiel? Und kann man wirklich noch von Kunstvermittlung sprechen, wenn ein Gespräch seinen Ausgang nimmt von einem Detail eines Werks, mit diesem letztlich aber nichts zu tun hat? Was am Spezifischen der Kunst wird denn hier vermittelt? Und ist das überhaupt das Ziel? Geht es nicht ausschließlich um den Patienten? So dass man der Kunst eben gerade nicht gerecht wird? Den besonderen Wert einer solchen Kunstvermittlung, den Sie behaupten, vermag ich also nicht zu erkennen.

    Herzlich

    Wolfgang Ullrich

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